Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 18 (30.4.1915)
- Date
- 1915-04-30
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sem 338 Dr. Bloch's Wochenschrift ’Jk. 18 MrM Lewen. Der Saloniker „Jndepcndant" widmet dem vor kurzer Zeit im achtzigsten Jahre in Paris gestorbenen Gründer und Präsidenten der „Alliance Jsraelite Universelle" einen warmen Nachruf und würdigt eingehend das Lebenswerk dieses um die Regeneration des Judentums hochverdienten Mannes. Seit 1860, wo Narziß Lewen mit einigen Gefährten die „Alliance Jsraelite Universelle ins Leben rief, hörte er keinen Augenblick auf, an der moralischen, intellektuellen und materiellen Hebung des in allen Erdtellen zerstreuten jüdischen Volkes zu arbeiten. Er war der sichere Leiter, der geliebte und geachtete Chef und erfahrene Berater einer mächtig verzweigten, gewaltigen Administration. Trotz einer schmerzhaften Krankheit, welche sell Jahren an ihm fraß, und trotz seinem hohen Alter bewältigte er stets seine schier erdrückende Aufgabe. Immer stand er auf der Bresche, Tag und Nacht bereit, dem bedrängten Judentum seine hilfreich? Hand zu leihen. Bis zuletzt sah man chn in seinen: Bureau, die umfangreiche Korrespondenz durchigehend, die von allen Sellen dem Zentralkomitee der Miance zuströmte. Sich für alles interessierend, ermutigte er die einen, erteilte seine Ratschläge oder tadelte mit väterlicher Nachsicht die anderen. Diese Milde und Güte, diese fieberhafte, aufopfernde Tätigkeit kam nicht nur der Alliance und ihren Kreisen zugute; Lewen war auch der Präsident der Jewich Colonisation Assoziation und Mitglied anderer jüdischer Organisationen. Wenn auch das Werk der Miance chm besonders am Herzen lag, da er einer dessen Hauptgründer war, so vernachlässigte er deshalb keine der anderen Vereinigungen deren Zweck die Hebung des jüdischen Volkes war. Sein Haus in der Rme d'Mumale war der Punkt, wohin alle diejenigen — Juden oder Nichtjuden — strömten, die etwas Interessantes über das allgemeine Judentum mitzuteilen hatten. Me, denen eine Idee, der israelitischen Regeneration aüfstieg, berieten sich'mit Lewen, bevor sie etwas Praktisches unternahmen. H e r z l selbst entwickelle seine Pläne dem ehrwürdigen Haupt der Miance Universelle, bevor er seinen Feldzug für das nationale Erwachen der Israeliten begann. Der Chef des Zionismus fand in Lewen einen sicheren und erfahrenen Berater. Lewen besaß einen unerschütterlichen Glauben an die Existenz und die Zukunft des jüdischen Volkes. „Israel wird nicht untergehen" — pflegte er zu sagen —, „Israel wird Jahrhunderte überdauern als -ein Denkmal der Solidarität, das anderen Nationen, die im Frieden leben und sich entwickeln wollen, als Beispiel dienen wird." Im Herzen dieses großen Juden gab es keinen Platz weder für. das Sektierertum noch für .Haß oder Feindschaft. Er kannte keinen Unterschied für die verschiedenen Tendenzen, in welche sich heute die nationale Welt des Judentums tellt, er betrachtete sie als die verschiedenen Schattierungen einer gleichen großen und gerechten Sache; die jüdische Solidarität. Lewen ist tot, aber sein Name wird neben denen Mendelssohns, Montefioris, Cremieux' und Herzls. stehen. Bor drei Jahren ga ber den, ersten Band seines großen Werkes „Cinquante ans d'histoire" heraus; der zweite wird in einigen Monaten erscheinen. Das Werk schildert ausführlich, die Geschichte der Alliance, welche, mit der Geschichte der.Judenemanzipation aller Länder Zusammenfällt. Für. die. Kulturentwicklung der Juden im Orient hat L. Unsterbliches geleistet. Jerusalem. Geehrte .Redaktion! Auf die in dem Artikel „Die Haltung der türkischen Regierung gegenüber den russischen Juden" in Nr. 9 der ,Desterreichischen Wochenschrift" offen gelassene Frage, ob Mendel Beilis die türkische Staatsangehörigkeit angenommen hat oder nicht, kann ich Ihnen bestimmt mitteilen, daß Beilis mit einer großen Zahl Glaubensgenossen den Schritt getan hat, welchen alle hier wohnenden Juden und besonders Zionisten, ob sie nun Russen, Oesterreicher, Deutsche, Engländer, Franzosen und was sie sonst sind, schon längst hätten tun sollen, wenn ps ihnen mit ihrer stetigen Versicherung der Liebe und Anhänglichkeit zu der Türkei wirklich ernst ist, daß er (Beilis) nämlich die ottomanische Staatsangehörigkeit gegen die russische eingetauscht hat und deswegen mit seiner Familie ungestört in Jaffa (Tell Abib) bleiben konnte, wäh^- rend tausend andere den in der Türkei jetzt ebensogut wie anderwärts in den kriegführenden Staaten Europas geltenden Kriegsgesetzen gemäß bas Land verlassen und anderswo, imeist in Aegypten, das Brot der Verbannung essen müssen. Im Gegensatz zu derll tendiziösen Beschuldigungen des Dreiverbandes, besonders der Engländer, in der neutralen und namentlich amerikanischen Presse, daß die Türken die Juden sshr schlecht und roh behandeln, kann ich als Augenzeuge beweisen, daß das keineswegs der Fall ist. Die Juden genießen vielmehr ganz besondere Vergünstigungen, indem alle ihre Schulen, Talmud-Thoras und Wohltätigkeitsänstalten offen gelassen wurden und auch nach wie vor funktionieren, auch wenn sie bis jetzt unter ausländischem, feindlichem Schutze standen, während andererseits alle derartigen russischen, englischen und französischen christlichen Institute geschlossen sind. Man könnte es nicht einmal als besondere Härte bezeichnen, wenn die türkische Regierung, wie angedroht, den aus irgend welchen-Gründen Entflohenen, welche die türk'sch? Staatsangehörigkeit nicht annehmen wollten, auch später die Rückkehr verweigerte. Ich bitte zur Steuer .der Wahrheit und Gerechtigkeit um Abdruck dieser Worte. Hochachtungsvoll Phil. Kieferndorf, Jerusalem. Was dann? Mit Bezug auf den unter obigem Titel in unserer vorigen Nummer erschienenen Leitartikel wird uns aus Zürich geschrieben: Die in diesem Artikel berührten Fragen beschäftigen, wie aus den hier eingelangten englischen Zeitungen ersichtlich, die englisch-jüdische Presse sowohl, wie die offiziellen jüdischen Kreise in England. Bei einer jüngst stattgehabten Versammlung der „Jewish Board of Deputies in London" teilte der Präsident Mr. Alexander mit, daß das aus Vertretern aller jüdischen Parteien bestehende Komitee in feinen Bemühungen wegen Sicherung der Rechte der Juden in den vom Kriege betroffenen Gebieten Fortschritte machen. Das Komitee bemühe sich auch, bei dieser Gelegenheit die Gleichberechtigung der Juden in Rumänien anzustreben, doch stoße es in dieser Richtung auf große Schwierigkeiten. Im „Jewish Chronicle" erschien dieser Tage die Anregung, daß das Judentum bei den Friedensverhandlungen durch den gewesenen amerikanischen Handelsminister Oscar S. Strauß und durch den berühmten Richter Mayer Sulzberger vertreten werde. Viel ungünstiger steht bis nun die Frage der Einwanderung von -'Juden nach«den Vereinigten Staaten nach Abschluß des Krieges. Der Staatssekretär für Auswanderungswesen, William B. W i l s o n, hat in verschiedenen Versammlungen in Newyork sich entschieden gegen die allzugroße Freiheit der Einwanderung nach dem europäischen Kriege ausgesprochen. Er begründet seine Haltung damit, daß nach dem Kriege hauptsächlich Greise oder andere Arbeitsunfähige nach Amerika werden auswandern wollen, deren Erhaltung in ihrer Heimat schwer möglich fein wird. Die Freunde der freien Einwanderung in Amerika lassen sich jedoch Won dieser Haltung des Chefs des Einwanderungswesens nicht abhalten und setzen ihre Agllation mit doppelter Energie fort.