Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 17 (23.4.1915)
- Date
- 1915-04-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 316 Tr. Bloch's Wochenschrift N-. 17 Der Jude soll tanze». Wenn Geucräle gemütlich sind, werden Kosaken herzlich, ja sogar witzig, so erzählt der Kriegsberichterstatter von Reclams „Universum", wie man aus der nachfolgenden kleinen Geschichte Zu entnehmen beliebe: In eine Vorstadtscheuke treten drei Soldaten. Und wie jene drei Burschen, die über den Rhein zogen, bezeigten sie zunächst ein intensives Verlangen, mit dem polnischen Wirtstöchterlein Bekanntschaft zu schließen. Der Schenker, der auf diese Art von Kunden wahrscheinlich schon vorbereitet war, zuckte mit vicken Entschuldigungen bedauernd die Achsel: „Diewczetka“ — Mädchen führen wir nicht. Also „Geugi“ (Geld). Der Jude blieb standhaft und bewies einleuchtend, daß die Herrschaften auch in diesem Belang bei ihm an den Unrechten gekommen seien. Daß es zu keiner Hausuutersuchung kam, verdankte er einem Wutkifaßchen, in den, seine Gäste noch einen stattlichen Rest jener Flüssigkeit entdeckten, die auszuschenken tags vorher durch Mauerauschlag des Kommandanten strengstens verboten worden war. Aber Verbote erläßt man, um beide Augen zuzudrücken, wenn sie umgangen werden. Die Russen begehrten zu trinken, und der Jude holte Gläser zusammen, kredenzte zitternd und wünschte sich im füllen Glück, so leichten Kaufes davongekommen zu sein. Leider hatte der Wirt seine Rechnung ohne die russischen Gäste gemacht. Denn die Gäste trauten dem Branntwein nicht so ohne weiteres und herrschten den Schenker an, zuerst selbst zu kosten. Der Mann weigerte sich, und die Kosaken, die nun erst recht glauben mochten, daß der Trank einen nicht ganz bekömmlichen Zusatz enthielte, bcharrtcn auf ihre Forderung: „Pij“ „Trink du zuerst!" Der Schenker wird rot und blaß, ertrinkt nicht. Man setzt ihm zu, droht mit dem Erschießen, prügelt ihm ein bischen, der Alte steht mit dem Glase in der Hand und trinkt nicht. ErhatnochnichtZeitzu seinem Morgengebet gefunden, und vorher darf er nichts genieße«. Die Kosaken wissen Rat, er soll das Gebet gleich jetzt nachholen, und nun endlich tut er ihnen den Gefallen, ein halbes Glas vorzutrinken. Unterdessen stöbern die Kosaken im Keller Rum auf, Bier auf, Wein auf. Von alleni muß der alte Jude hübsch der Reihe nach trinken, bis er nicht mehr recht auf seinen Füßen zu stehen vermag. Und weil sich inzwischen die Laune seiner Gäste erheblich verbessert hat, schlagen sie vor: „Der I ud' soll tanzen". Und der Greis, dem man zwischen zwei Bajonetten nicht viel Wahl laßt, begmnt mit seinen wankenden Beinen zu tanzen; der Rum, das Bier, der Wein zaubern um seine alten Augen einen dicken N6bel, nnd durch diesen Nebel hört er das wiehernde Gelächter seiner zechenden Freunde. „Der Jude soll tanzen!" Der Jude tanzt, er schnappt nach Atem, er singt sogar, und die Nachbarn, die der Lärm in der Schenkstube heranlockt, meinen nicht anders, als daß Vater Baruch verrückt geworden ist. Aber er ist nur betrunken, und er muß tanzen. Als ihm die zitternden Beine endlich den Dienst endgiltig aufsagten, stürzt er lang hin. mit dem Gesicht platt auf die Diele. Und die witzMN Kosaken trinken ihm zu. Lord Wothschild iw MrirratteLen. Einige Züge aus dem rein menschlichen Charakter des verstorben«: Lord Rothschild veröffentlicht ein „Freund und Nachbar" in der „Times". Alk, die den Verstorbenen kannten, so sagt er, wußten, daß es etwas gab, was ihn weit mehr berührte, als alle Geldmärkte der Welt oder politischen Angelegenheiten: nämlich seine Kinder und namentlich seine Enkel. Wenn er nach «seinem Landsitz Tring herauskam, so war das Kmderzimmer sein Lieb- Lngsanfenchalt und er wurde das kindliche Geschwätz und Spiel der Kleinen me müde. Ehe er sich seiner letzten Operation unterzog, sagte er: „Meine einzige Furcht ist, daß Ech die Kinder nie wieder sehen werde." Zu den Festtagen 'pstegte er den Kindern der ganzen Nachbarschaft Spielzeug zu schicken, die mit Bändern in seinen Farben geschmückt waren, und die kleinen Dankbriefe, die dafür S'nliesen, machten ihm unendliches Vergnügen. Für die armen uden im Londoner Ostend war Lord Rothschild ein großer Wohltäter. Er unterhielt viele Jahre die jüdische Freischule und die damit verbundene Abendspielschule, bis der County Council von London sie übernahm. Rothschilds Wohltätigkeit war nicht nur offiziell, sondern beruhte auf persönlicher Teilnahme. Seine Sekretäre hatten ihm über Einzelfälle zu berichten, die sie aus der Straße beobachteten, um ihm die Ausübung überlegender Wohltätigkeit zu ermöglichen. Kränkliche Kinder wurden an die See geschickt, begabte Knaben aus seine Kosten ausgebildet. Das geschah nicht massenweise, sondern mit großmütiger Ueberlegung in zahlreichen Einzelfällen. Lord Rothschild fand die Zeit, viel zu lesen, und hatte ein gutes Gedächtnis. Er bevorzugte geschichtliche Werke und Lebensbeschreibungen, deren Früchte * sich ihm mit persönlichen Erinnerungen und Beziehungen zu einem guten Bilde von der Geschichte des letzten halben Jahrhunderts verwoben. Rassensympathie zog ihn immer zu Disraeli hin, auch zu einer Zeit, als er sich selbst zu den gemäßigten Liberalen rechnete. Später wurde Lord Rothschild der Verwalter des Vermögens Disraelis und der Hüter seines Nachlasses an politischen Urkunden. Als Rothschild später zu den Unionisten überging, wurde er ein überzeugter Bewunderer Disraelis und er las die «Reden dieses Staatsmannes so lang, bis er ganze Seiten auswendig kannte. In der poetischen Literatur teilte er Disraelis Vorliebe für Byron und dessen „Hebräische Melodien". Lord Rothschild redete gut, doch machte im Alter wachsende Taubheit' die Unterhaltung mit ihm mühsam. Gern teilte er aus dem Schatze seiner Erinnerungen mit oder äußerte seine Meinung über die Begebenheiten des Tages. Diejenigen, die von der Bekanntschaft zur Freundschaft mit Rothschild übergingen, wurden noch weit mehr durch die Wärme und die Großmut seiner Natur als durch feinen Verstand und seine Kenntnisse ungezogen. Korrespondenzen. „Jüdische DoynbeeHa-lle" (Josephine Mendl-Wohlfahrtshchls), Wien, XX., Denisgasic 33. Die Jahresversammlung der „Jüdischen Toynbeehalle" fand, wie stets, in den Räumen der „B'nei B'rith^, 9. Bezirk, Universitätsstraße 4, statt. Der Obmann, Dr. I. S a m u e l y, gedachte in herzlichen Worten Heinrich Mendls, durch dessen weitblickenden Edelsinn so große Erfolge erzielt werden konnten. In dem geräumigen Saale wurden 123 Vorträge und Konzerte abgchalten, welche 24.400 Zuhörer versammelten. Die Müsikaufführungen erhoben sich, immer mehr über das Niveau der Liebhaberkunst, da sich eine große Anzahl von Meistern in den Dienst der Volksveredlung gestellt hatte. Außerdem wurden sechs Kurse für Stenographie und Deutsch, hauptsächlich für Flüchtlinge (300) abgehalten. In den schönen Räumen des Josephine Mendl-Wohlfährtshduses sind nun auch, eine Schule der Baron Hirsche Stiftung und eine für hebräische Sprache untergebracht. Der Redner dankte den Herren Kart Freund, Professor Roth und Glück sowie den Frauen F r e u n d, R o t h, Glück und Borges und noch vielen anderen Herren und Frauen, deren Eiser für die schöne Sache nie erlahmte. Von den zahlreichen Zuwendungen erwähnte der Vorsitzende insbesondere die der isr. Kultusgemeinde von 2000 Kronen, die aus der Stiftung Golds chmid von 500 Kronen, jene des Bankiers Speyer-Kann von 1000 Kronen und die der Stiftung Th o r sch in der Höhe von 5000 Kronen. Dr. Schorr berichtete über die Kassengebarung. Die Ausgaben betrugen 8000 Kronen. Er dankte den Vereinen „Wien" und „Eintracht" für die Unterstützung (200 Kr,!bezw. 1500 Kr.), Herrn Rudolf Kohn für die Beistellung vorzüglicher Klaviere und Mehreren Herren für gewährte Unterstützungen (700 Kr.). Pros. EhrMann, Präsident der vereinigten österreichischen WoWätigkeitsderbände, schloß sich den vorher entwickelten Gedanken über die Ausgestaltung der „Toynheehalle" an und legte Nachdruck darauf, daß gerade jetzt das Abstrakte gegenüber dem Konkreten mehr in