Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 16 (16.4.1915)
- Date
- 1915-04-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 290 Dr. Moch's Wochenschrift 9ir. 16 tusgemeinde der herzlichste Dank für die mir zuteil gewordene Unterstützung ausgesprochen. Besonders dankbar sind mir die Soldaten für die Veranstaltung der gemeinsamen Gottesdienste am Sabbat und Jomtow, da sie doch ab und zu Mit Minjan beten können. Es wird dann durch Vermittlung des Divisionskommandos denjenigen Regimentern, die dermals weniger engagiert sind, im Tagesbefehle mitgeteilt, daß am angegebenen Orte ein Gottesdienst stattsindet. Bis nun konnten alle Andachten ungestört abgehalren werden, da in unserem Abschnitt verhältnismäßig Ruhe herrscht. Ich habe also Muße und Gelegenheit, L-eelsorge zu üben, im vollsten Sinne des Wortes. Ich bestrebe mich auch, in meinen Ansprachen den Soldaten Mut zuzusprechen und ihnen die Bedeutung des Krieges für das Vaterland und uns Juden immer .und immer wieder einzuschärfen. Wenn ich der armen jüdischen Familien gedenke, die von den Kosaken mißhandelt und aus Haus und Hof vertrieben wurden, da merke ich, wie neben der Träne im Auge der Zorn aufblitzt und die Faust sich ballr, der Zweck der Ansprache ist erreicht. Rührend mrd erhebend zugleich gestaltete sich die .Seelenandacht am letzten Tage des Pessachfestes. Als ich das Gebet für die gefallenen Soldaten sprach, da blieb kein Auge tränenleer, und als ein Soldat mit schöner Stimme das „El mole rachamim" vortrug, schluchzten die Offiziere und Soldaten laut. In tiefer Andacht wurde dann das Mussafgeber verrichtet. Ueberaus feierlich gestaltete sich auch der Minchagottcsdienst,, den ich im Freien mit den jüdischen Soldaten des 30. Infanterieregimentes (Lemberger Hausregiment) abgehalren habe. Es war ein schöner Frühlingstag,, die Sonne im Untergehen, den Himmel bedeckte Abendröte und die stämmigen Burschen standen in Reih' und Glied,, während einer von chnen das Gebet laut verrichtete. Von den Worten des 5. Buches Mosis, Kap. XX, 1—4, ausgehend: „Höre Israel, Ihr zieht in den Krieg gegen den Feind, es verzage nicht Euer Herz, habet keine Angst und keine Furcht, schrecket nicht zurück vor ihm, denn der Ewige, Euer Gott, zieht mit Euch aus, um mit Euch gegen den Feind zu kämpfen und Euch zu helfen," hielt ich eine begeisternde Kampfesrede, wie sic nur der Gedanke und die Erinnerung an das viele Unheil, das uns Rußland zugefügt hat, diktieren konnte. Man sollte die Soldaten gesehen haben, wie sie in voller Rüstung dastanden und krampfhaft nach dem Gewehrgriffen, um das Unglück ihrer Brüder an den Feinden zu vergelten. Es folgte das Kaddischgebet, und ein kurzer Kommandoruf führte die Soldaten auf das nahe Kampffeld, wo sie den Feind empfangen sollten. Ich stand noch eine Weile da, schaute ihnen nach und sprach leise den Priestersegen. Besondere Schwierigkeiten haben mir die Vorbereitungen für Ostern bereitet. Ich fand jedoch das größte Entgegenkommen bei den Militärbehörden. Es wurden auf ärarische Kosten 1300 Kilogramm Mazzaus angeschafft und jede Möglichkeit geboten, daß die jüdischen Soldaten rituell verköstigt werden. Das Vieh wurde rituell geschlachtet und die Speisen in gereinigten Fcchrküchen odereigenen Kesseln zubereiter. Ungewöhnlich erhebend waren die beiden Sederabende, die ich im Kreise der Soldaten verbringen durfte. Einen Abend habe ich, den zweiten ein jüdischer Stabsarzt Dr. B. . . . gegeben. Die dienstfreien Soldaten haben sich in einem dazu hergerichteten Raume versammelt, vor jedem stand ein Becher Wein, lagen die Mazzaus und die mir vom Wiener Kultusvorstande zugesendete Brünner Kriegshagadah. Nach dem Kidduschgebete stellte ein junger Militärarzt aus Wien,. Dr. T. . . ., die! vier' vor-- geschriebenen Fragen und wir lasen dann, ün Chor die Geschichte des Auszugesder Juden aus Aegypten, woran ich auf Ersuchen der Soldaten von Zeit zu Zeit Bemerkungen knüpfte. In meiner Schlußausprache erwähnte ich der Brüder, die an diesem Abend in den. Schützengräben ihrer Pflicht obliegen und mir uns den Sederabend nicht feiern können. Tränenden Auges entboten wir sie .in.dieser „Wachenacht" dem besonderen Schutze Gottes. An. beiden Tagen wurde beim Morgengotresdienste nach chassidischer Art gebetet und viel gesungen;' nach dem Gebet waren die Soldaten zum Kiddusch eingeladen und delek-? tierten sich an gutem Sliwowitz. Gelegentlich des Besuches von Spitälern und. Hilfst plätzen überbrachte ich den Verwundeten und Kranken Mazzaus, worüber sie sich besonders freuten. Auch sonst suche ich die Patienten zu beruhigen und durch kleine Aufmerksamkeiten, wie Zeitungen, Bücher, Schokolade, .Zigarren u. dgl., zu erfreuen. Jüngst verlangte ein Verwundeter, als er sein Ende herannähen, fühlte, ich möge ihn besuchen. Es war spät abends,, ich fuhr in das fünf Kilometer entfernte Spital und tvurde mit Freudentränen empfangen. Wir sprachen beide laut das Bekenntnisgebet und der Kranke schlief, von der Erregung ermattet, ein. Er lebte noch drei Tage. Diese Einzelheiten sind auch für mich tiefergpeisende Erlebnisse,. nie beachtete Geheimnisse aus dem tiefen Innern unserer Seele flüstern in unsere Ohren und zwingen uns zur Einkehr, zur Besinnung auf unser Seelenleben. Auch habe ich mich bestrebt,, daß ein jüdischer Soldarenfriedhof hiev angelegt werde, was mir dank dem Kommandanten F. gelungen ist. Nun wirb jeder", gefallene oder im Spitale verstorbene Soldat auf diesen Friedhof gebracht und ganz nach jüdischem Ritus beerdigt. Zu diesem Zwecke habe ich eine Ehewra-Kadischa und einen Begräbnisfonds gegründet, , zu. dem (aid beiliegender Liste Soldaten beisteuern. Jedes Grab tvjrd mit einer Tafel stersehen, die die Daten des Verstasrbenen enthält; die Gräber werden chronologisch, nummeriert und die Namen in ein Gedenkbnch eingetragen,, welches sich in den Händen des Obmannes der Ehewra-Kadischa befindet. Dieser Verein besteht aus Juden des! Ortes, wo der .Militärfriedhof sich befindet. Jüdische Soldaten sind die Begleiter der Toten, und es ist rührend, wie sie ihren gefallenen Kameraden-, den letzten: Dienst erweisen. Sechsundzwanzig, Unteroffiziere und Soldaten des Infanterieregiments . . . spendetenfür djesen Zweck aus ihrer Löhnung 43 Kronen. Nur kurze? Zeit, bin ich in dieser ungewöhnlichen Berufstätigkeit,, sie bot mir aber bereits so viel Schönes und Erhebendes,, daß ich nur. meine vollste Zufriedenheit ausdrückew kann. Mir persönlich geht cs recht gut» während der Festtage wurde ich bei einer jüdischen Familie überaus gastfreundlich ausgenommen. Wenn ich langer im Dienste bin, werde ich JhWN hoffentlich noch mehr berichten können. Mit besten Grüßen» an Sie und alle lieben Freunde verbleibe ich Ihr Dr. M. Taube r,'" * Anschließend an diesen so inhaltsreichen Feldpostbrief, erlaube ich mir, dem verehrten Leserkreise dieses Blattes nachstehende Anregung zu unterbreiten: Es wäre ein kleines Zeichen unserer Erkenntlichkeit für die eifrige Tätigkeit des Herrn Feldrabbiners Dr. Tauber, wenn wir ihm hiebei ein wenig behilflich wären. Wie wäre es, wenn unsere Leser ab und zu Herrn Dr. Tauber Liebesgaben für dievon ihm betreuten Kranken und Verwundeten zukommen ließen? Dem