Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 12 (19.3.1915)
- Date
- 1915-03-19
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 12 Dr. Bloch s Wochenschrift Seite 229 Gewitsch. Am 27. Februar l. I. feierte unser hochverehrter und allseits beliebter Herr Med.-Dr. T. L ö rv i t seinen 70. Geburtstag. -Aus diesem' Anlaß fand an diesem Tage, Samstag, im hiesigen Tempel ein feierlicher Mußaf-Gottesdienst statt. Vor Beginn desselben bestieg Ce. Ehrwürden Rabbiner Dr. I. K o h n die Kanzel und schilderte in ergreifenden Worten die Bescheidenheit, das Leben und Wirken des Jubilars als Arzt, Jude und Philanthrop. Als „Schlischi", durch ein vom Herrn Oberkantor A. Chaitmann mit Chorbigieitung zum Vortrag gebrachtes „Chasak" zur Thora gerufen, spendete der Jubilar bedeutende Beträge für verschiedene Wohlfahrtsinstitutionen. Aus nah und fern, von arm und reich wurde unser geliebter Herr Doktor in wahrhaft herzlicher Weise beglückwünscht, mit dem innigsten Wunsche, daß er uns noch lange in steter Gesundheit erhallen bleibe. Bisen; Am 12. d. M. verschied hier Herr Alexander Haas, ein Nachkomme des »Machazis Hapchekel« b“7. D r Heimgegangangene ge.ios; eine hohe Verehrung in allen Kreisen ohne Unterschied der Konfession. Das Leichenbegängnis fand am 14. d. M. unter großer Teilnahme aller Gesellschaftskreise statt und es erwies sich so recht augenscheinlich, daß alles an der Bahre dieses wahrhaft frommen Ehrenmannes trauerte. In der Zeremvuienhalle widmete Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Hoff dem Verblichenen einen warmempfuudenen Nachruf, beklagt selber in ihm einen treuen Freund und verdolmetschte in gewohnter vom Herzen strömender und zu Herzen fließender Beredtsam'keit die Gefühle aller Anwesenden. Sowohl im Trauerhause, als auch in der Leichenhalle wurden vom Kantor I. L e w i t i n die Trauergesänge in würdiger Weise vorgetragen. Erlös der Broschüre „Weinende Berge" von Dr. H. E. Kaufmann, Rabbiner in Birovitica zugunsten der galizischen Flüchtlinge. Frau Siegmund Reumann, Fiume Kr. 10.—; S. Hirschler i sin., Jvanicgrad Kr. 5.—; Majorstochter Frl. Elsa Sziklay, Keszthely Kr. 5.—; S. Schmidek i sinovi, Nova-Gradiska Kr. 5; Matheo Glah, Triest Kr. 5.—; Samuel Holländer, Jndiija Kr. 5; Summa Kr. 35.—. Die früher ausgewiesenen Kr. 496.30, zusammen Kr. 531.30. _ _ Feuilleton. Die Kraut aus Taruow. Aus dem Ungarischen des Nandor Korcsmaros. „Ich bitte mich nicht zu verachtell, meiu Heer. Ich bin ein sehr armes, einfaches Mädchen. Mein Vater hält alte Kleider feil in einer eitgcu, kleinen Gasse. Vorne am Anfang der Gasse unter einem.Tor war ein .Zuckerhändler. Sie kennen ja solche, nicht wahr? Dorthin pflegte ich hie und da um gebrannte Mandeln zu gehen. Ich hatte sie so gerne gegessen. Der Zuckerhändler lvar ein häßlicher junger Mann. Sein Bart war lvie rötlicher Flaum und er trug Pajes. Ich lachte ihn immer aus, so oft ich von ihm ging mit den gebrannten Mandeln, denn er hatte immer so komische Sachen gesprochen, er werde einmal ein schönes, großes Zuckerlgeschäft besitzen, dessen Wände aus lauter Spiegeln bestehen werden, in einem Palast, wohin Baronessen kommen werden und türkischen Honig, Erdäpfelzucker und gebrannte Mandel kaufen werden." „Ja, warum stehen Sie denn darin unter dem Tor?" warf ich lachend ein, „wenn Sie in einem Palast ein Geschäft aufmachen wollen?" „Eben deshalb, weil man ins Palais auch nur gelangen kann," antwortete er ernst, „wenn man erst unter das Tor geht." So oft ich zu ihm giug, sprach er immer von diesem Zuckerlgeschäft. Dann fiel es mir einmal auf, daß auch Mein Vater solche Reden zu führen begann, wie^ der häßliche junge Mann. Da ärgerte mich schon die Lache. Ich roch bereits etivas — und ging nicht mehr um gebrannte Mandeln. Das half jedoch nichts. Da kam der häßliche rote junge Mensch selbst. Er begehrte mich zur Frau und mein Vater versprach mich ihm. Denn wir waren arm. Tage hindurch weinte ich. Ich schämte mich, auf die Gasse zu gehen, aber allniählich ergab ich mich in mein Schicksal. Jeden Samstag nachmittag gingen wir zusammen aus der Gasse spazieren. Einmal, wie wir so miteinander gehen, kam uns ein Trupp junger Herren entgegen. Der eine sprach mich an, lvie wenn ich allein gewesen wäre. Ich antwortete nichts und ging weiter. Neben mir ging mein Bräutigam. Er sprach gerade von der schönen Zukurrst und von dem glänzenden Zuckerlgeschäft. Dann schrvieg er. Die jungen Herren riefen wieder zu mir herüber. „Für wieviel lvürdeu Sie mir einen Kuß geben, schönes Mädchen?'" frug lachend der eine. „Wie teuer gibst Du sie? " sprach nun ein anderer, indem er meinem Bräutigam auf die Schulter schlug. Mein Bräutigam lächelte verlegen und — lüftete seinen Hut: „Sie belieben zu scherzen, gnädiger Herr."" Die Truppe' giug lachend weiter und ich ging beschämt weinend nach Hause. Es kränkte mich, daß mein Bräutigam ein solcher Mensch ist. Ich wollte nicht zu ihm gehen. Ich verachtete ihn, schämte mich seiner. Tage hindurch lveinte ich, denn ich hätte einen ganz anderen mir zum Mauue gewünscht. Aber ich konnte nichts machen. Mein Vater erklärte, daß er mich nicht länger halten könne, mein Bräutigam wieder meinte, daß mir die Lust scholl kommen werde, wenn einmal das glänzende Zuckerlgeschäft da ist, und die Baronessen um türkischen Honig und Erdäpfelzucker kommen werden. . . . Ich habe mich in mein Schicksal gefügt. Ich weinte, und lveinte. Anderes konnte ich nicht tun. Dann kamen die großen Ereignisse. Der Krieg war ausgebrochen. Mein Bräutigam verkaufte sein Geschäft für achtundsiebzig Gulden und man nahnl ihn als Soldateli. Als ich ihn wiedersah, lvar er stark verändert. Seilt Haar war kurz geschoren, hatte weder Bart noch Payes, er sah aus wie die übrigen Soldaten, nur daß er sehr traurig war. Ich bedauerte ihn. Das ivar alles. Er sprach nicht mehr von dem glänzenden Zuckerlgeschäft, sondern sagte bloß: „Wir werden noch eirtmal so ein kleines Geschäft haben, wie das war unter dem Tore!"" — - Und seine Augen füllten sich mir tränen. Dann sah ich ihn noch einmal, als sie unter Musikbegleitung zur Bahn marschierten. Er hatte ein Blumensträußchen arl seiner Mütze. Als er mich erblickte, nahm er die Mütze vom Kopf und winkte mir zu. Er vermochte kein Wort zu sprechen. Sie zogen weiter. Lange blickte ich der großen Staubwolke nach, die sich hinter ihnen gebildet hatte. Ich empfand gar nichts. Unwillkürlich dachte ich nur daran, daß ich chn los geworden bin. Und doch hat dieser Gedanke meinem Geivissen weh getan. Dann hörte ich zwei Monate lang nichts von ihm. Ich wartete. Dann kam ein Besucher zu uns. Auch er war Soldat bei demselben Regiment, in rvelchem mein Bräutigam diente. Er wurde verwundet und kam nach Hause. Vater und Mutter umfingen ihn neugierig, was es denn Neues gäbe, welche Nachrichten er von ihrem Schwiegersohn bringen könne, ich aber stand wortlos am Fenster und wartete, was er erzählen lverde. Unser Gast erhob sich, reckte sich und erzählte mit lauter Stimme: „Ich war mit ihm beisammen in einer Kompagnie. Aber ich hätte nie geglaubt, was alles in ihm steckt. Als wir das erstemal ins Feuer gerieten, war er bleich wie die Wand, und als mir zum ersten Bajonettsturm losgingen, da lvar in dem großen Geschrei