Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 12 (19.3.1915)
- Date
- 1915-03-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3022142-3022155--23971-3049196- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 12 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite SSL jetzigen kritischen Verhältnisse nicht in dem sonst üblichen Maße vorhanden, wodurch dieses Nahrungsmittel auf das Dreifache der in den früheren Jahren geltenden Preise gestiegen ist. Wir sind nun außerstande, diesen erhöhten 'Anforderungen mit den vorhandenen Mitteln zu entsprechen, möchten aber doch diesen armen Leuten auch während der Osterfeiertage das entsprechende Frtchstück verabreichen. Wir bitten daher alle edlen Menschen, uns in diesem Bestreben so rasch und so ausgiebig als nur möglich zu unterstützen. Auch die kleinste Gabe wird uns willkommen sein. Wir danken im vorhinein namens der so bedauernswerten Flüchtlinge. Gütige Spenden wollen an den Obmann des Komitees, Bezirksrat Dr. Leopold B r a d y, Wien, 2. Bez., Praterstraße 24, gesendet werden. Interkonfessionelles Hilfskomitee zur Frühstücks- und Jausenausspeisung an Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina. Ausfprisung des Fräulein Schlei« für Frauenhortkinder. Mein Aufruf an die Wiener jüdischen Frauen und Mädchen, den ich ant Tage nach Kriegsbeginn an leitender Stelle in diesem Blatte veröffentlicht habe, daß sich eine zweite weibliche Armee in den Dienst der Wohltätigkeit ^zu stellen habe, muß wirklich Wiens jüdischen Frauen und Mädchen aus der Seele gesprochen gewesen sein; täglich mehren sich Neuschöpsungen von Privaten oder Vereinigungen, die aktiv und mit Geld für Wöhlfahrtszwecke eintreten. So speist ein reizendes junges Mädchen, Frl. Steffi Schl ein, auf Anregung des Herrn Amtsleiters Rudolf K r a u ß täglich 10 Kinder von den Schützlingen des Frauenhortes in ihrem elterlichen Hause mit nur selbstgekochtem, trefflichem Essen aus und setzt einen Ehrenpunkt darein, alles selbst mit einer Freundin, Frl. Lilly Freund, zu kochen, zu decken und abzuwaschen. Daß die Kinder auf das liebevollste behandelt werden, dafür bürgt, daß Frl. S ch l e i n ganz aus ihre Kosten in Baden im Sommer einen Kindergarten von vierzig Kindern errichtet hat. Schon am ersten Tage sind aus den zehn Kindern vierzehn geworden, weil vier Kinder weinten, daß ihre Geschwister so gejammert hätten, als sie allein fortgingen. Da wurden denn noch die vier Geschwister herbeigeholt. Wir wünschen den beiden jungen Damen, daß das Leben ihnen für so viel Tüchtigkeit und Aufopferungsfähigkeit den schönsten Lohn gewähren möchte und empfehlen ihr Beispiel wohlhabenden und gut kochenden Damen — heute keine solche Seltenheit Meh>r wie bei den jungen Damen meiner Zeit — zur freundlichen Nachahmung. C. Benedikt. Flüchtlingsfiirsorge in Ung.-Hradisch, Kunowitz und Altstadt. Seit den ersten Kriegswochen wurde Ung.-Hradisch zur Durchzugsstation für galizische Flüchtlinge bestimmt und in diesem Orte selbst sowie „in dessen nächster Umgebung die Vorkehrungen zur Bequartierung der Fliichtlinge getroffen. Auf dem Nordbahnhofe nimmt eine vielbeschäftigte Pertustrierungskonlmisfion die Verteilung der Eintreffenden für die einzelnen Ortschaften vor, in welchen dann die ihrer heimatlichen Wohnstätten beraubten, bedanerungswürdigen Opfer der barbarischen russischen Kriegssührung solange Unterkunst finden, bis ihnen die Weiterreise nach den für sie bestimmten Zufluchtsstätten freigegeben werden kann. In den letzten Tagen erfolgte wieder die Abreise von zirka 1500 lneist jüdischen Flüchtlingen nach Bruck a. d. Leitha. Eine Deputation dieser Flüchtlinge fand sich vor der Abreise dein: Kultusvorsteher Herrn Sigmund Fürst ein, um ihm für die erwiesenen Wohltaten zu danken; sie überreichte bei diesem Anlasse ein Dankschreiben für die umsichtige und geradezu vorbildliche Tätigkeit des Anitslnters der Bezirkshauptmannfchaft Herrn Dr. Janoäeik, der sich ihrer während ihres Aufenthaltes mit reger Fürsorge angenommen hat. Der hierbei zum Ausdrucke gebrachten Bitte, den wärmsten Dank für den Herrn Dr. Janoäeik zur öffentlichen Kenntnis zu bringen, soll hi rmit entsprochen werden. Herr Sigmund Fürst, der fast täglich die den Flüchtlingen zugewiesenen Wohnräume besucht, hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß diesen Aermsten der Armen dank der umsichtigen und rastlosen Maßnahmen des Herrn Dr. Janoßeik das traurige Schicksal möglichst gelindert wurde. Selbst die Schwierigkeiten, welche die Verpflegung nach den rituellen Gebräuchen bot, wurden auf die glücklichste Weise gelöst. _ Pardubitz. hFlüchtlingselend.) Gott sei Dank! Wir haben unsere Flüchtlinge unter Dach und Fach, die Armen beziehen ihre Unterstützung vom Staate, die Gemeindewohltätigkeit trägt ebenfalls ihr Schärflein bei und ich denke, die Leute sind soweit in Ordnung, daß sie Besuch nicht genieren werde. An einem bestimmten Tage nehme ich mir die Zeit und suche unsere unfreiivilligen Gäste in ihren Räumen auf. Jammervolle Bilder entrollen sich vor ineinen Augen. 1 In einer düsteren Stube wohnt eine kleine Fanttlie. Ein seit etwa zwei Jahren vermähltes Paar mit seinem sechs Monate alten Kinde. Die Frau ist Gutsbesitzerstochter und kann sich mit chrem Schicksal nicht abfinden, die vielen Strapazen und der Verlust aller Habe rauben ihr die Gesundheit; es fehlt der Armen die nötige Kraft, um sich wirtschaftlich zu betätigen. Ueber Ansuchen des Gatten wird ein Arzt gerufen. „Was fohlt denn der Frau?" frage ich dann unseren Arzt. „Gar nichts," lautet die Antwortet, „sie ist bloß verlängert." Ja, die Sache ist leicht begreiflich, und die Möglichkeit liegt sehk nahe. Mit einem Worte: die Rechnung stimmt und ergibt per Saldo Flüchtlingselend. Eine Flüchtlingsfamilie hat Zuwachs bekommen, ein Mäderl wurde ihr geboren. In einer engen, schmutzigen Küche wohnen die Eheleute mit drei Kindern und einer alten Mutter. Es ist nur ein Bett vorhanden, die anderen Lagerstätten werden allabendlich aus Stroh auf dem Fußboden improvisiert. Und doch fühlen sich die Leute glücklich, sogar sehr glücklich. Sechs Wochen lebten sie unter den Russen, was die Armen da ausgestanden haben, spottet jeder Schilderung. Der kleine Schlojmele, ein fünfjähriger, sehr klug dreinschauender Bub, küßt das Brot, bevor er es genießt, und fühlt sich damit so überglücklich, daß er den Hering, den die Großmutter anstatt des Fleisches und der Butter im Haushalte eingeführt, als etwas „Uebriges" hinstellt. Die blassen, abgehärmten Geschöpfe haben den Schrecken noch in allen Gliedern, und es geht ihnen jede Empfindung ab für ihr furchtbares Flüchtlingselend. Ich kam zu einer Familie, bei der ich ein Kind krank wußte. Bei meinem Eintritt erfahre ich. daß das arme Wesen, welchem die Reisestrapazen und Entbeh!- rungen arg zugesetzt haben, durch den Tod erlöst wurde. Der Gatte der Frau ist seit Jahren in Amerika, die Frau führte zu Hause ein kleines Geschäft und brachte sich kümmerlich durch. Ihre Lage als Flüchtling ist doppelt traurig. Die Unglückliche gebärdet sich wie wahnsinnig. „Großer Gott, habe ich denn bis nun wenig ausgestanden! Um meine ganze Habe bin ich gekommen, mußte ich auch mein teuerstes Gut, mein Kind, verlieren?" Sprachlos standen wir der Armen gegenüber, mit schmerzgepreßtem Herzen ob des großen Ftüchtlingselends.