Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-03-19 · 12 (19.3.1915) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
12 (19.3.1915)
Date
1915-03-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3022142-3022155--23970-3049195
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 224 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 12 klären sollen: „Jodeim lo scliofclm es liadom hasei: (Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen). Die Negierung eines Verbrechens, dessen die würdigsten Männer der Gemeinde nicht im geringsten beschuldigt werden können, erscheint uns als conditio sine causa und daher durchaus zwecklos. Doch die weisen Kommentatoren, welche in der heiligen Schrift kein Ueberflüssiges öden Zweckloses finden, erklären dieses Gebot wie folgt: Der unbekannte Tote mag wohl ein armer Mensch gewesen sein, der in der Stadt weilte, von den Einwohnern nicht ernährt, die Stadt hungernd verließ und nun ermattet zusammenbrach. Die Aeltesten der Gemeinde haben deshalb die Pflicht, ihre Gemeinde vor dem Toten gleichsam zu entschuldigen und demselben etwa folgendes zu sagen: „Wenn du Hungers gestorben bist, so haben wir dich nicht gesehen und von deiner Not nicht gewußt." : Der ethische Wert dieses Gebotes bedarf keiner näheren -Erklärung. Vergangenen Freitag, abends, am 12. d. M., trafen wir Beamten der Ausspeisungssektion der Zentrale der Fürsorge für die Flüchtlinge im drömersaal euren toten Juden, einen Flüchtling, an. Der Aermste kam her, um sein Kostgeld für vierzehn Tage im Betrage von Kr. 4.20 zu empfangen. Er hieß Chaim E i s e n b e r g, war aus Wasilkowce in Galizien und zählte ungefähr 55 Jahre. — Eisenberg mag wohl Hungers gestorben sein. Wir fanden ihn auf einem Sessel in der Agonie, und als wir chn irr die Kanzlei brachten und Belebungsversuche anstellten, verschied er in unseren Armen. Der herbeigerufene Arzt der Rettungsgesellschaft konnte nur noch seinen Tod feststellen. Vielleicht war Eiscnberg zu stolz oder zu bescheiden, um die Verspeisungsanstalten, deren es hier viele gibt, aufzusuchen! Vielleicht besaßer nicht die physische oder sittliche Kraft, sich „anzustellen", zu „bitten" u. dgl.! So weit sind wir noch nicht, daß wir die verschämte Armut aufsuchen, wie es die edle Fürstin Maria Lubomirska in ihrem Briefe an die Redaktion des „Neuen Wiener Tagblatt" vom 7. d. M. haben möchte. Noch ist der Nehwer vom Geber abhängig, trotzdenr der „Jalkut" das Gegenteil behaupten will, weil der Geber das Vergnügen des Wohltuns und den Löhn der Tugend nicht hätte, wenn kein Nehmer wäre. Mau leistet in Wien auf dem Gebiete der Humanität sehr viel. Der Krieg hat hier wahrlich „Goldminen der Menschlichkeit" aufgedeckt, wie Professor Klein trefflich schreibt, aber es dürfte auch was für die „verschämte Arnlut" getan werden. — Möge der Tote Eiseuberg der Gemeinde Wien verzeihen; denn diese tut für die Flüchtlinge, was sie kann; sie trägt sogar oft auch ihre Hilfe diskret nach Hause. N. Lot h ringe r. Aufruf! Namenloses Unglück hat der Feind über einen großen Teil der galizischen Bevölkerung gebracht. Ein großer Teil der Bevölkerung, ohne Unterschied der Nation und der Konfession, sah sich gezwungen, vor dem unmenschlichen Feind zu flüchten. Die unglücklichen Flüchtlinge suchten Zuflucht auch in der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien. Die hohe k. k. Regierung und die Stadt Wien haben den Flüchtlingen Hilfe gegen die ärgste Not geboten. An der Hilfeleistung beteiligt sich auch die Wiener Bevölkerung in werktätigster Weise, und der Ruf von den Wiener goldenen Herzen hat sich jetzt in vollstem Sinne des biblischen „Liebe beit Fremden" glänzend bewährt. Wollen wir die unglücklichen Flüchtlinge wirklich vor materieller Not schützen, so müssen luir auch auf die religiösen Bedenken derselben Rücksicht nehmen. Es gibt unter den jüdischen Flüchtlingen aus Galizien und der Bukowina eine große Anzahl Strenggläubiger, welche in bezug auf Speisen strengste religiöse Observanz beobachten. Diese Frommen ziehen es vor, eher zu hungern, als Speisen zu genießen, deren Zubereitung nicht vollständig den in ihrer Heimat üblichen religiösen Gebräuchen entspricht. Der in Wien bestehende jüdische orthodoxe Verein „Machsike hadath" ist seit einer Reihe von Jahren bemüht, dieser religiösen Anschauung der aus dem Osten nach Wien kommenden Juden Rechnung tzu tragen, und dieser Verein speiste bisher jeden Samstag und jeden jüdischen Feiertag an 100 Personen in feinen Räumen unentgeltlich aus. Dank der energischen Unterstützung des Damenkomitees unseres Vereines, welches seine Dienste auf diesem Humanitären Gebiete zur Verfügung stellte, wie nicht minder einzelner edler Gönner ist es uns gelungen, im Vereinshause „Machsike hadath" außer der täglichen Ausspeisung der Talmud-Thora-Kinder jeden Freitag abend und Samstag vormittag zirka 500 Per- . fernen unentgeltlich eine reichliche Mahlzeit zu verabreichen. Es naht jetzt das P e s s a ch f e st heran und daraus erwachsen weitere schwere Pflichten für den Verein „Machsike hadath". Es sind große Opfer erforderlich, um die unglücklichen Flüchtlinge mit ritueller Kost während des Pe'ssachfestes zu versehen, und der Verein „Machsike hadath" ist auf die werktätigste Hilfe edelgesinnter Wohltäter angewiesen. Das Unterzeichnete Komitee erachtete es als eine heilige Pflicht, sich mit dem Vorstand des genannten Vereines ins Einvernehmen zü setzen, um diesem Mittel und Wege zu schaffen, seine Tätigkeit (im Sinne der Vereinsstatuten) erweitern zu können. Um diese Wohltätigkeitsaktion sortsetzen zu können und eventuell zu erweitern, wendet sich das Unterzeichnete Komitee, an edelfühlende Herzen mit der Bitte, Spenden in Barem und Naturalien, die in den Blättern ausgewiesen werden, an den Kassier des Vereines Herrn Simon S t e r n b e r g, 2. Bezirk, Rembrandtstraße 39, oder an den Obmann des Vereines Herrn Jakob März, .1. Bezirk, Augustengasse 1, gütigst überweisen zu wollen. Rabbiner M. M a y e r s o h lt Vorsitzender des Komitees. I s a k Friedman n, Groszrabbiner, Boian. Israel Fr i e d m a nn Großrabbiner, Czortkow. Abraham I. F r i e d m a n n, Großrabbiner, Sadagora. S. D a w i d Unser, Großrabbiner. Zabno. 11 s ch e r, H o r o w i tz. Großrabbiner, Krakau. I s a k I. T u m i m, Bankier, Przemysl. Chaim M a h e r s o h n, Großgrundbesitzer, Strhj. Dr. Nappaport, Schriftsteller und Großgrundbesitzer, Stryj. Dr. Josef Zipser, Hof- und Gerichtsadvokat, Wien. Jakob März, Obmann des Vereines, Wien. I s a k W e i ß m a n n, Privatier. I. Nelken, Schriftführer. Moses B a b a d, Rabbiner, Lemberg. Josef Engel, Rabbiner, Krakau. Mayer Arak, Rabbiner, Buczacz. M. W e i d e n f e l d, Rabbiner, Dombrowa. N u ch e m Gelles. Rabbiner, Slotwina. Pinkas Horowitz, Rabbiner, Bohorodczany. Dr. B a r u ch M a r g u l i e s. Rabbiner, Drohobycz. Josef Sch önblum, Bankier. Lemberg. Jakob Dis che, Kultusvorsteher, Lemberg. Adolf Hecht, Bankier, Wien. Dr. S. R. Landau, Hof- und Gerichtsadvokat, Wien. Hermann Sporer, Klasfenlotterie-Koll. Aufruf! Seit einem halben Jahre hat es das unten genannte Komitee zustandegebracht, einem ansehnlichen Teil der Flüchtlinge täglich ein warmes Frühstück zu verabreichen. Die überwiegende Mehrzahl derselben gehört dem jüdischen Glauben an und hält strenge an den religiösen Satzungen, welche für die Dauer der acht Tage währenden Osterseiertage eigens zubereitete Osterbrote (Mazzes) vorschreiben. Das zur Erzeugung der Osterbrote erforderliche Mehl ist mm im Hinblicke auf die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.