Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 11 (12.3.1915)
- Date
- 1915-03-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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M. 11 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 201 Durch dieses unerhört brutale Vorgehen bezweckt der Feind zweifellos, Tausende von Unbeteiligten, die er brot- und obdachlos gemacht, gleich einer Viehherde als Schild vor sich herzutreiben, um sich ungefährdet unseren Stellungen zu nähern. Die Verwirklichung dieses scheußlichen Vorhabens, das als Schande des Jahrhunderts bezeichnet werdeu muß, kann beim tiefsten Mitgefühl für die armen Opfer der barbarischen Wilkür aus militärischen Gründen nicht geduldet werden. Der Raum vor der befestigten Stellung muß nämlich, da ein Waffenstillstand für das Abschieben der vertriebenen jüdischen Familien vom Feinde weder angeboten wurde, noch unserseits wegen Heranzishens feindlicher Verstärkungen annehmbar ist, bei jeder Annäherung von Feindesseite unbedingt unter Feuer genommen werden. Es wird daher durch einen Parlamentär dem russischen Kommandanten nachstehende schriftliche Antwort übersendet: „Das Ueberfchreiten der eigenen Linie von Feindesseite kann unter keinen Umständen und für niemand gestattet werden, und es wird daher der Raum vor der eigenen Front unter Feuer gehalten. Ich ersuche, die jüdischen Familien in Kamiona und Tysmieniczany hievon in Kenntnis zu setzen und füge bei, daß die ungeheure Verantwortung für die beabsichtigte unmenschliche Handlung, Tausende von unschuldigen Landesbewohnern gegen unsere Stellungen zu treiben, ausschließlich dem russischen Kommandanten zufällt, welcher diesen barbarischen, jedem Kriegsgebrauch hohnsprechenden Befehl erteilt hat, dies um so mehr, als keine Gewähr dafür besteht, daß diese Unschuldigen nicht bloß als Schild für die Annäherung russischer Truppen dienen. Es wird dafür gesorgt, daß dieses Verhalten vor aller Welt gebrandmarkt werde." Seit Völkerrecht, wenn auch nur in weiten Zügen, besteht, ward Aehnliches nicht erlebt. Die Greuel des dreißigjährigen Krieges sind bedauerliche Ausschreitungen, Geschehnisse, die weniger Prinzip, denn unvermeidliche Begleiterscheinung damaliger Kriegführung, gegenüber der Selbstverständlichkeit, mit der hier verruchteste.Grausamkeit auf den Nacken ganzer Völker gehetzt wird. Nichts ist drückender, nichts entwürdigender an den tragischen Vorfällen dieser Tage als die martervolle Gewöhnung an Elend und Schändlichkeit. Aber was ist menschlicher, als des Zornes sich zu entschlagen, wo Verantwortung so wenig zu fordern wie von Tieren, wo Gesetze ihre formelle Kraft verloren haben und humane Gefühle nur komische Eigenheiten verschrobener Zivilisationsgecken scheinen. In Rußland ist das Verbrechen ein wesentlicher Teil der Regierungskunst und Methode. Als gegen das dünne Gewissen der russischen Intelligenz die Hefe der Branntweinläden gehetzt wurde, sprach man von bureaukratischen Verkommenheiten, von einem morschen System, von Ereignissen und Geboten, die allein schon die Abendröte des Zarismus anzeigten. Was soll man heute sagen, da Millionen von Mordbrennern an die Grenzen mitteleuropäischer Gesittung branden, da vom Memel bis zum Pruth, wohin russische Füße treten, ein einziger Schrei des Entsetzens gellt! Vielleicht aber birgt auch dieses Inferno des Leidens und des Verbrechens einen spärlichen Funken Segen. In der Kraft nämlich, mit der es belehren und aufklären muß. Es kann heute nicht festgestellt werden, ob man in England und Frankreich bereits die russischen Kulturtaten auf dem Befreiungszuge nach Wien und Berlin kennt, ob der Rauch des unschuldig vergossenen Blutes schon bis zu den zartempfindlichen Nasen gedrungen ist, die so schaudernd sich von den erlogenen Willkürakten deutscher Ulanen und Landsturmmänner in Belgien abgewandt. Vielleicht wird die Vorsehung sich erbarmen und für solche Verbrechen die gebührende Züchtigung herbeiführen. Rußlands Schicksal wiro ein selbstverschuldetes sein, und an seinem jüngsten Tag politischen Weltgerichtes werden die Blutzeugen aus Galtzien, aus der Bukowina erscheinen, all die zertretenen Säuglinge, gemeuchelten Greise und Kinder, geschändeten und erwürgten Frauen. Vor dieser bleichen Schar wird kein Soldatenwall schützen. Auch darin, in solcher Ueberzeugung, bestärkt solch unbegreifliches Geschehen: Blut um Blut! Die Rechnung wird an der Newa gewiß präsentiert werden. Tenn Gott ist ein pünktlicher Gläubiger. Wie in FLuffisch-H'olerr Judenpogroms organisiert werden. Das Auslandskomitee des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes in Litauen, Polen und Rußland teilt folgenden Aufruf mit: Festung Nowogeorgiewsk. Nr. 89 27. November 1914. Befehl an die Truppen der befestigten Zone. In deutschen Blättern wird mitgeteilt, daß die deutschen Truppen in den russischen Juden zuverlässige Verbündete gefunden haben, die ihnen nicht bloß Proviant zustellen, sondern für sie auch die besten Spione sind und ihnen jegliche Dienste — oftmals auch uneigennützig — leisten, wenn dies nur den russischen Interessen zu n Nachteil gereicht. Von einem Sieg der Deutschen erwarten die Juden ihre Befreiung vorn Joche des Zaren und von den Verfolgungen der Polen. Ähnliche Nachrichten treffen auch fortgesetzt von den Truppen ein. Um das Militär vor den schädlichen Umtrieben der jüdischen Bevölkerung zu bewahren, hat der Oberbefehlshaber der Truppen befohlen, bei Besetzung bevölkerter Ortschaften von der jüdischen Bevölkerung Geiseln zu nehmen und die Einwohner zu warnen, daß im Falle einer verräterischen Handlung irgend eines der örtlichen Einwohner nicht nur im Zeitraum >!er Besetzung des Ortes durch unsere Truppen, sondern auch nach deren Abzug die Geiseln hingerichtet werden, was nötigenfalls auch zu vollstrecken ist. Bei Besetzung bevöllkerter Ortschaften muß durch eine sorgfältige Durchsuchung festgestellt werden, ob nicht Vorrichtungen zum drahtlosen Telegraphieren, Signalisationsapparate, Taubenpoststationen, unterirdische Telegrapheneinrichtungen und dergleichen vorhanden sind. Mit den daran beteiligten Personen ist nach der g -nzen Strenge des Gesetzes zu verfahren. (Ve> gleiche Telegramm des Generals Oranowsky, Nr.3432a.c.) Unterzei hnet: Chef der befestigten Zone, General der Kavallerie Bobyrj. Ange'ertigt: 2. Dezember, 6 Uhr abends. Der Truppenbefehl zeigt, daß sich die höchste russische Militärverbindung mit der Verbreitung der Legende vom jüdischen Landesverrat befaßt. Von ihr werden die Beschuldigungen gegen die Juden in Umlauf gesetzt, daß sie den feindlichen Truppen Spionagedienste leisten und mit itynm in Verbindung treten mit Hilfe eigens dazu hergerichteler , versteckter Telephon- und Telebraphenvorrichtungen. Um den Soldaten und der nichtjüdischen Bevölkerung einen anschaulichen Beweis des Verrates der Juden zu liefern, werden von der jüdischen Bevölkerung Geiseln genommen. Geiseln von der eigenen Bevölkerung - das ist die neueste echt russische Leistung! So werden laut Anordnung aus Petersburg Pogroms organisiert, wobei gleichzeitig mit geschickter Hand geübter Gaukelspieler eine Ausstattung geschaffen wird zur Rechtfertigung der Greueltaten der russischen Militärbehörden, die Massenhinrichtungen, Militärpogroms und die Ausweisung der gesamten jüdischen Bevölkerung aus den Ortschaften des Operationsgebietes eingeführt haben. Korrespondenzen. Kesiach-Karioffetbeleilung der „Weiblichen Wrsorge". Der Aufruf der „Weiblichen Fürsorge", den Baronin Charlotte Königswarter als Ehrenprüsidentin, die Damen Regine Ulmann, Softe Grünfeld, Margarethe Grunwald, Hermine Kadi sch. Helene Kuranda, Rosa Schur, Clotilde Benedikt und sämtliche angeschlossenen