Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 10 (5.3.1915)
- Date
- 1915-03-05
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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-&eite t&6 Dr. Blüch's Wochenschrift Nr. 10 Oedendurg. Der in unserer Stadt seit Jahrzehnten seßhafte, durch zahlreiche Wohttätigkeitsakte sich auszeichnende königl. Rat Wvokat Dr. Mols Winkler, der mehr als ein Vierteljahrhunderr als Präsident an der Spitze der israelitischen Kultustzemeinde stand, verständigte das Bürgermeisteramt, daß er und seine Gattin, geb. Weiß, zum Andenken an ihr einziges Kind weil. Dr. Ernst Winkler ihre große Villa zur /beliebigen Benützung der Stadt zum Geschenk machen. Auf Antrag des Magistrates beschloß nun die Gemeindevertretung, den Serpentinenweg im Walde, in den auch die Winklersche Vllla fällt, in Anerkennung der großen Opferfreudigkeit Winklerstraße zu benennen. Eger. Se. Majestät der Kaiser hat den Rabbiner Dr. Arnold Grünfeld in Eger zum k. u. k. Feldrabbiner der Reserve ernannt. > Bielitz. (Sfr. Kultus gemein de Biala- Lipnik.) Da die Zahl der Mitglieder des Kuttusvorstandes sich derzeit so vermindert hat, daß eine N e uw ah l einer Ergänzungswahl vorzuziehen ist, wurde die Auflösung der Gemeindevertretung bewilligt und . ein Regier.ungskommissär bis nach Durchführung der Wcchlen bestellt. Leuületon. Frredeusarveit im Kriege. Bon Oberradbiner W- Reich in Baden bei Wien. Der mehr durch feine außerordentliche Beredtsamkeit als durch seine Schriftstellerei berühmte Cicero hatte auch in seiner politischen Wirksamkeit große Kämpfe auszufechten. Als sein Freund Milo ihn von seinem gefährlichsten Gegner im politischen Leben, von Elodius, befreite, indem er ihn tötete, wurde Milo als Mörder angeklagt. Da sah es Cicero als seine Pflicht an, seinen Freund mit der ganzen Kraft der Oratorit zu verteidigen, deren glänzende Leistung uns in seiner Rede „Pro Milo ne" erhalten ist. Dieses Prachtstück der Redekunst hat jedoch dem Rächer Ciceros nichts genützt; Milo wurde trotzdem zum Tode als gemeiner Mörder verurteilt. Der Nachwelt jedoch ist der die Wahrheit der Tatsachen beleuchtende Satz als tiefeingeprägte Sentenz der Menschheit geblieben, die in der gegenwärtigen Zeit des Weltkrieg es die traurigste Bestätigung plastisch ausgeprägt, blutgetränkt abzeichnet, der da lautet: Silent lege* inter arma^; „im Waffenlärm schweigen die Gesetze"; der Franzose hat ihn in den landläufig gewordenen Ausspruch, der alle Ungerechtigkeiten und alle nicht zu entschuldigenden Gewalttaten decken soll, umgeprägt, in die kurzen, alle Klagen niederschlagenden Worte: ^O'est 1a guerre!“ Nicht lange nach Cicero hat ein römischer Dichter, der als Freiheitsheld im Kampfe gegen den Cäsarenwahnsinn des Nero zum Tode verurteill worden war, in seinem einzigen der Nachwelt erhalten gebliebenen Werke „Pharsali a", den Spruch seines großen Vorgängers in die Minder bekannten Worte umgekleidet: „Sed postquam leges bello siluere cuaciae“; dieser Spruch Ningt klarer, weil er auch das Motiv des Schweigens der Gesetze im Kriege ausdrückt; es ist der Zwang der kriegerischen Verhältnisse, der hier betont wird. _ In dem Bürgerkriege zwischen Cäsar und Pompejus, der von solch entscheidender Bedeutung in der Umgestaltung des republikanischen Rom zum Cäsarentum werden sollte, unter dessen gewaltigen Erschütterungen das römische Kapitol erzitterte und alle Provinzen des.gewaltigen Weltreiches durcheinander gerüttelt wurden, der ein Weltkrieg war, obwohl er sich nur im Innern eines Weltstaates. abspiette, ist die Entscheidung in der Schlacht von Pharsalos zugunsten Cäsars gefallen. Auf die vorangegangenen..Kämpfe, Jntriguen, Verschwörungen, Listen und politischen Gewalttaten anspielend, hat nun Lucanus den angeführten Satz angewendet, um die Wahrheit seines Ausspruches zu erhärten und uns einzuprägen, daß selbst beim besten Wlllen und beim aufrichtigsten Bestreben im Kriege die Gesetze, die im Frieden gallen, erdrosselt und ihre eisern scheinende, ehern geschmiedete Fassung in Scherben geschlagen werden. Wenn es nun eine durch die geschichtlichen Weltereignisse gewiß erhärtete traurige Tatsache ist, daß im Kriege die Gesetze schweigen, daß es in kriegerischen Zeiten kein Recht und keinen Richter geben kann, daß der Zwang ein solch gewaltiger ist, daß unter demselben Gewalt vor Recht gchen müsse, umsoweniger ist es denkbar, daß in den Zeiten des Krieges Gesetze für den Frieden geschaffen werden könnten. Im Waffenlärm müßte also diese hervorragendste Arbeit der friedlichen Menschheit vollständig erstickt sein. Diese Friedensarbeit kann gewiß nicht im Kriege ihre Triumphe feiern. Und doch, welch gewaltige Erscheinung leuchtet uns da aus dem Schoße der Judenheit entgegen; es ist die wundervollste, rätselhafteste, die; sie uns in ihrer Gänze zeigt. Ihre ganze, große, weitausgedehnte Gesetzgebung ist bei weitem nicht in den ruhigen, gesammelten, idyllischen Friedenszeiten entstanden, sondern umgeben von Waffenlärm, umringt 'von Kämpfen, Schlachten und Kriegen. Die ganze jüdische Religionswissenschaft ist das Ergebnis gefahrvoller Zeiten, in welchen das jüdische Volk ringsum von Feinden umgeben, am Leben bedroht war, in welchem es gegen eine ganze Außenwelt im Kampfe gestanden ist. Und doch gerade in diesen 'kriegerischen Epochen hat es nicht an die das Vermögen und Leben bedrohende Außenwelt gedacht, sondern an das Innenleben, und hat seine Religionsgesetze in den heiligen Büchern verewigt. Es sagte sich da immer mit dem feuersprühenden Propheten: „Auf, mein Volk, geh' in deine Kammern und schließe die Türen hinter dir! Verbirg dich einen Augenblick, bis der Srurm vorüber ist." (Jes. XXVI., 20.) Und Israel schloß seine Türen der stürmenden Außenwelt gegenüber ab, verschloß sich im Waffenlärm, .der es umtobte, in seine Lehrhäuser und verrichtete — Fried ensar beit im Kriege! Als Moses es in seinem vierten Buche aussprach: „Dieses ist das Buch der Kriege des Ewigen", verwunderten sich die späteren Bibelerklärer, wo dieses Buch der Kriege sei, auf welches der große Lehrer der Menschlheit Hinweise. Hat es ein solches Buch der Kriege gegeben und ist in Verlust geraten, aus der Literatur dieses uralten Volkes ganz verschwunden!? Wer nein, er meint fein eigenes Buch der Gesetze, dieses ist das Buch der Kriege, nicht der Kriegsgeschichten, wie etwa die Jliade, oder die Nibelungen, sondern das Buch der Bibel, welches in kriegerischen Zeiten entstanden. „Dieses Buch ist in den Kriegen und Kämpfen der Welt vor Gott zur Welt gekommen"; es ist in der Zeit von Kämpfen hervorgegangen. Denken wir uns ein Volk, wie das jüdische, in der Wüste, von den Aegyptern verfolgt, von den Wüsttznvölkern umlagert, rings von lauernden Feinden umgebtzn, baut es sich sein Zelt auf, lehrt Moses -die Gesetze, wiederholen sie die Nettesten dem Volke und, umgeben von Kampf und Kriegslärm, bildet es sich seine biblische Gesetzgebung aus. d Wie idyllisch führt uns die Darstellung des Talmud die Wiederholung der Gesetze vor: Moses lernte von