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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-03-05 · 10 (5.3.1915) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
10 (5.3.1915)
Date
1915-03-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 174 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 10 Leserin der „Reichspost" ist und diese ihm wiederholt ins Feld nachschickt." Die „Reichspost" betreibt das Handwerk der Judenverleumdung als einen heiligen Kultus, die Lüge gegen Juden ist Herrn Dr. Funder ein gottgefälliges Werk. Wer dieses Lügenorgan ununterbrochen nest, nimmt Schaden an der Seele, verliert den Maßstab des Wahrhaftigen und des Gestatteten, steht unter dem Einftuß einer bösartigen Suggestion und verliert schließlich die Fähigkeit, zwischen Einbildung und Wirklichkeit zu unterscheiden. Der „Reichspost" ist jede Lüge ein seiner Sonntagsschmaus, wenn es einen Juden zu verleumden gilt und den Pöbel gegen Juden auszureizen. An der Wiener Hosoper wird der Tenorist Jadlowker ein Gastspiel absolvieren. Die Direktion der Wiener Hofoper hat mit dem Tenoristen Jadlowker ein Gastspiel vereinbart, das nach dem soeben festgesetzten Spielplan am Montag, 8. März, beginnen soll. Die „Reichspost" natürlich ist darüber entrüstet; Jadlowker sei angeblich „an der Berliner Hofoper kaltgestellt" und bei den Berlinern „unmöglich". Nun hat der königl. preußische Generalintendant bereits vor Wochen in den Berliner Tagesblättern durch eine öffentliche Erklärung, das Ausscheiden Jadlowkcrs aus dem Verbände der Königlichen Oper nachdrücklich; dementiert. Er habe lediglich einen Urlaub genommen. Am 14. Dezember sang er zum Abschied den Troubadour und wurde, wie Berliner Berichte wörtlich lauteten, „durch Ovationen nnd Ueberreichung von Blumen geehrt". Diesmal hat die Direktion der k. k. Hosoper das Lügenorgan zu einer Berichtigung gezwungen. Sonst wird keine Verleumdung eines Juden widerrufen — fre iwillig nie! Der Antisemitismus ist aber überall ein Helfershelfer Rußlands. Der antisemitische Abgeordnete C u z a beantragte in der Rumänischen Kammer die Ernennung des französitzchen Generals Pau zum rumänischen Ehrenbürger. In allen Ländern sind die Antisemiten die Sold- Enechte Rußlands. Und auch bei uns! Der Botschafter des Deutschen Reiches in Washington Graf Bernstorff erklärte in der Newyorker Zeitung „Der Tag" (gegen die Behauptung S a s 0 n 0 W s in seiner Dumarede, daß alle Nachrichten von Judenpogromen in Russisch-Polen Erfindungen der Deutschen wären, um Rußland in Amerika anzuschwärzen): „Der Gegenstand (die verübten Judenpogrome) peitscht zu sehr die Humanität auf, um etwa noch zu politischen Zwecken ausgeschlachtet zu werden. Hier zeigt sich einer der traurigsten Züge in diesem Kriege. In ihm sind westeuropäische Kulturnationen mit einem Volke verbündet, bei dem das leiseste Gefühl von Menschenwürde keinerlei Spur von Aufwärtsentwicklung zu zeigen auch nur begonnen hätte." \: >So schrieb der Botschafter des Deutschen Reiches. Dem entgegen sind die publizistischen Bemühungen der „Reichspost" darauf gerichtet, in Wien Judenpogrome herbeizuführen. Wie würde der Zar, wie würden die Herren S a so n 0 w und G 0 r e m y k i n triumphieren, wenn die iBemichNngen der Wiener „Reichspost" von Erfolg gekrönt sein würden! Der Antisemitismus ist ein Helfershelfer Rußlands. Die jüdischen Soldaten kämpfen vor der Front mit von allen Führern anerkanntem Todesmut, sie bezahlen chre Kaisertreue mit dem Leben und Herr Bielohlawek beschimpft sie als „fremdvölkische -Elemente". Er sitzt zu Hause, führt den Krieg wie der selige Falstaff, läßt sich nichts schien, besucht Vergnügungs- und Nachtlokale — selbst sogar das des Juden Harry, Am Peter, unterhält sich und champagnisiert mit einer heiteren Jüdin, und dann zicht er in die Versammlung, um diejenigen, welche im Interesse der Milderung des Kriegsleides arbeiten, als „fremdvölkische Elemente" zu schmähen. Das ist die „Kriegsstimmung" der Wiener Rathausleute! Solcher Stimmung entsprechen judenhetzerische Frivolitäten. M« Mah«m»rt an die Flüchtlinge. Ein unbarmherziges Schicksal hat die Bewohner Galiziens ereilt. Durch den Einfall tartarischer Horden, wie einst unter Chmelnicki, sind Städte verwüstet, Dörfer verbrannt, friedliche Heimstätten beraubt und der Erde gleichgemacht worden. Die Wut des Feindes traf vor allem unsere Glaubensgenossen. Zu dem religiösen Fanatismus der russischen Orthodoxie kam noch das Bewußtsein, daß die .österreichischen Juden zu dein loyalsten und kaisertreuesten Bürgern der Doppelmonarchie gehören. Unter den galizischen Juden gab es keinen einzigen Spion, keinen einzigen Vaterlandsverräter! Mit tiefer Trauer im Herzen, aber ohne Unmut und Anklage verließen wir Heimat, Beruf und Erwerb, Hab und Gut. Wir waren die ersten schmerzensreichen Opfer der feindlichen Invasion. So kamen wir nackt und arm in die benachbarten Kronländer, so war uns der traurige Beiname „Flüchtlinge" gngeheftet. Was Staat und Behörden, Gemeinden und Körperschaften, Glaubensgenossen und christliche Barmherzigkeit in Stadt und Land für die Unglücklichen getan haben und tun, gehört zu den glänzendsten Leistungen allgemeiner Menschenliebe. Daß es dem Bürgermeister der Haupt- und Residenzstadt Wien und den städtischen Behörden gelungen ist, inmitten der bekannten, den Juden feindlichen Stimmung Gerechtigkeit und Wohlwollen zu betätigen, wird unvergessen bleiben. Die hämischen Angriffe und Anklagen der wenigen antisemitischen Zeitungen weisen wir mit gebührender Verachtung zurück, nachdem die patriotische Gesinnung und Haltung der Juden so oft an allerhöchster Stelle Würdigung und Anerkennung gefunden haben. An einem Kaiserwart zu mäkeln und zu deuten, ist höchst unpatriotisch. Nichtsdestoweniger drängt es mich an meine Glaubensgenossen einige mahnende Worte zu richten. Vergeßt nicht, um mit der Bibel zu sprechen, „daß wir Fremde und Flüchtlinge sind auf Erden". Erblicket nicht in jeder von den Behörden ausgehenden Beschränkung eine gegen euch gerichtete Feindseligkeit. Die Verweigerung z. B. beliebig großer Mengen von Weizenmehl zur Anfertigung von Osterbroten ist eine dringend notwendige volkswirtschaftliche Maßregel. Fraget nur eure geistlichen Oberhäupter, ob im vorliegenden

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