Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 9 (26.2.1915)
- Date
- 1915-02-26
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3022142-3022152--23913-3049135- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 170 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 9 Feuilleton. Da» Heimatsgrfühl der galizischra Ftachttiage. Seine Exzellenz Dr. von B i l i n s k i hat vor einiger Zeit der „Neuen Freien Presse" seinen Dank nicht nur für die Abfuhr von Spenden für die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina ausgedrückt, sondern auch gleichzeitig dafür, daß dieses Tagesjournal dafür eingetreten ist, daß die Flüchtlinge gerne wieder in ihre Heimat zurücktehren, sobald normale Verhältnisse eingetreten sein werden. Bei der hochherzigen Gesinnung dieser vornehm empfindenden Persönlichkeit ist kein Zweifel, daß er dabei auch an die jüdischen Flüchtlinge gedacht hat, und wie diese über die Heimkehr denken, möge nachfolgender Aufsatz illustrieren. Dieser Aufsatz ist bar jeder literarischen Ausschmückung und Schreiber dieses kann beweisen (was übrigens auch aus dem Inhalte zu ersehen ist), daß derselbe bereits in der zweiten Hälfte Oktober v. I. „verfaßt" war, wenn man eine Aufnahme nach der Natur mit diesem Epicheton bezeichnen darf. Es wäre unmöglichalle Zwiegespräche der Flüchtlinge, die immer wieder auf die Sehnsucht nach der Heimat ausgeklungen sind, zu veröffentlichen. Diese Informationen wurden nicht als Mittel polemischer Abwehr gesammelt, denn zu jener Zeit gab es noch keine Verdächtigung der Gesinnung der Flüchtlinge, sondern warmes Mitgefühl mit dem Schicksale der Unglücklichen war die Triebfeder dieser Informationen, und gerne soll eingestanden werden, daß im Laufe dieser Zwiegespräche manche Träne zerdrückt wurde — teils Tränen des Mitgefühls, teils aber auch der Rührung —, weil aus allen Gesprächen Gottvertrauen, Loyalität, Liebe für unseren guten Kaiser und zur Heimat hervorleuchteten, welche einen wohltuenden Gegensatz gegen die frivole Beschuldigung der Vaterlandslosigkeit bildeten. An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. Unsere Harfen hängten wir an die Weiden, die darin sind. Und wandelst Du, lieber Leser, jetzt längs den Wassern, über welchen sich die Brücken der Brigitta, der Kaiserin Maria Theresia bis zu der des Kaisers Franz wölben, da findest Du sie wieder sitzend und weinend, wenn sie an die Heimat denken. Ein hagerer, fast westeuropäisch gekleideter Mann, eine Zeitung in der Hand. „Von wo sind Sie, mein Herr?" „Ich bin aus Tarnopol." „Was für ein Geschäft hatten Sie dort?" „Ich habe einen Eierhandel betrieben." „Haben Sie Familie und wie groß? Und werden Sie hier unterstützt?" „Ich habe eine Frau und zwei Kinder, zahle 80 Kr. per Monat für Wohnung und hübe von niemandem Unterstützung verlangt, denn ich konnte mein bares Geld retten und ich war ein wohlhabender Mann." „Warum sagen Sie „ich war"? Worin bestand denn Ihr Wohlstand?" „Ich habe ein eigenes Haus und eine schön eingerichtete Wohnung zurückgelassen und ein Magazin, voll mit ausgezahlter Ware (Eier); was weiß ichwas davon noch da sein wird!" „Wenn Sie aber hören werden, daß Ihr Haus nicht niedergebrannt, Ihr Magazin in gutem Zustande ist: werden Sie dann sofort in Ihre Heimat gehen, wenn die Behörden verlautbaren werden, daß die Flüchtlinge wieder nach Hause zurückkehren können?" „Und wenn das Haus abgebrannt und das Magazin ausgeplündert sein wird, werde ich dennoch mit Weib und Kindern zurückkehren — wenn ich kann. Wenn ich aber nicht kann, dann muß ich Weib und Kinder hier lassen, denn ich habe niemanden, der chnen Brot geben wird." „Ja, warum aber sollen Sie nicht nach Hause reisen können?" „Weil ich sechsunddreißig Jahre alt bin und (auf die Zeitung weisend) mich jetzt stellen muß." „Nun, beruhigen Sie sich. Die mit fechsunddreißjg Jahren kommen sehr spät daran, vielleicht — mit Gottes Hilfe — gar nicht wehr. Auch wird man gewiß auf Männer aus.jenen Gegenden, die Hab' und Gut geopfert haben (denn man wird ja diefe Gegenden wieder bevölkern wollen) Rücksicht nehmen." „Man braucht aber die Soldaten jetzt notwendiger als die Familie." (Dies seine eigenen Worte.) „Vertrauen Sie auf Gott! Gerade heute lesen wir, daß Stryi wieder von den Unsrigen besetzt ist. Bis Sie an die Reche kommen, wird man schon auf die späteren Altersklassen verzichten können." „Ich will ja nur nach Hause und sonst nichts." Ein hoher, älterer, bärtiger Mann, kräftig und gesund, chm zur Seite ein jüngerer Mann, trotz seines dichten, dunkelblonden Bartes mit fast weiblich-feinen Zügen, welche auf eine schöne Mutter schließen lassen. „Von wo sind Sie, mein Freund?" „Aus Nowo-Sielica." „Sind Sie schon seit langer Zeit Hier?" „Ueber zwei Monate." „Allein oder mit Familie?" „Mit Weib und Kindern; der da (auf seinen Begleiter zeigend) ist der Aelteste meiner Kinder — von. vierzehn bis sechsundzwanzig Jcchren." „Haben Sie Geld? Wovon leben Sie?" „Wir sind fort, haben Haus und Geschäft zurückgelassen, konnten gar nichts mitnehmen, wurden auf der Bahn von Czernowitz umsonst (soll heißen kostenlos) nach Wien geschickt und leben jetzt von Unterstützung." „Werden Sie wieder nach« Hause gehen, wenn die Russen die Bukowina verlassen haben?" „Gleich und gerne, denn ich werde mich schon wieder ernähren." „Womit haben Sie sich denn in Ihrer Heimat ernährt?" „Ich hübe Getreidehandel betrieben und habe sehr schön verdient." „Sie werden also wieder nach Nowo-Sielica gehen?" „Weiß ichob Nowo-Sielica wird sein? Es ist ja von den Russen ganz niedergebrannt. Und dann — ich habe dort existieren können, weil ich. über die Grenze das Getreide bekommen habe. Weiß man denn, ob die Grenze noch dort sein wird? Wenn wir „gewinnen", (soll heißen „siegen"), wird die Grenze vielleicht viele hundert Kilometer weiter sein (seine eigenen Worte). Aber ich werde wieder nahe an die Grenze gehen und werde mich dort ernähren." „Und Ihr Sohn, ist der auch im Geschäfte?" „Nein,'der paßt nicht zum Handel, der hat gelernt." „Und was hat er denn gelernt?" „Er kann vorbeten, kann schachten, und er wird schon eine Anstellung in einer kleinen Gemeinde finden: er geht gerade jetzt zur hiesigen Kultusgemeinde. Vielleicht kann man ihn derzeit, wo soviele Galizianer da