Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 6 (5.2.1915)
- Date
- 1915-02-05
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 6 Dr. Bloch's Wochenschrift Sette 113 Feuilleton. Im Tode Versöhnt. Novelle von Clotilde Benedikt. Der „W eiblichen Fürsorge" gewidmet. Schwer hängt ein grauer Novembernebel über der heiteren Donaustadt. Zum letztenmal benützen wir das Auto, das uns seit Jahren die erlesensten Naturgenüsse bereitet. Morgen soll es der unbezahlbare Georg 'zum Kriegsschauplatz geleiten. Ich streichle die weichen roten Kissen, und während seine Besitzerin als Tochter aus Ossians Landen förmlich auflebt im heimischen „sog", brüte ich als unverbesserliche Kassandra über den Heldentod des wackeren Gefährtes, den es wirklich wenige Wochen später in Russisch-Polens Sümpfen erleiden sollte. Wir schlagen den Weg in ehemals verrufene Gegenden ein, wo die Spinnerin am Kreuze, die Teufelsmühle am Wienerberg gedroht. Dort steht auf einsamer Halde in königlichem, doch verschlissenem Glanze das Stammschloß der Schwiegereltern meiner Gefährtin; nicht alles, doch genug ist ihr geblieben, um ein längst einsam gewordenes Dasein sich und anderen zu verschönern. Ich hatte als unerinüdliche Vereinsmeierin gebeten, auf dem Wege zu kurzem Besuche eine unserer verdienstvollsten Philanthropinnen in ihrer Villa begrüßen zu dürfen; dort hatte ich ihren greisen, fast erblindeten Schwiegervater getroffen und mit Andacht den Worten des noch immer geistig bedeutenden Mannes gelauscht, der, vor Alter schwankend, meinen Mut mit seiner Zuversicht aufrichtete. Mit geschlossenen Augen gedenke ich noch einmal im Geiste seiner tiefsten Worte und überhöre das Plaudern meiner Gastgeberin, der der schier undurchdringliche Nebel immer fröhlichere Heimatsstimmung gibt. — Nur undeutlich erkenne ich endlich im Nebelmeer die Umrisse des herrlichen Empireschlosses, das längst ein Fabriksgebäude geworden. Mit rascher Wendung wollen wir in die Einfahrt und den Park einbiegen, als ein qualvoller Schrei uns entsetzt " zum Stehen zwingt. Kreidebleich reißt Georg die Tür auf: „Ich hätte fast jemanden mitten auf der Straße überfahren, der Mann ist tot oder betrunken; es ist nicht meine Schuld; wie ein Nebelhorn ertönten meine Signale." Mit leichtem Schritt springt die entsetzte Besitzerin aus dem Auto, wie eine Nebelfee kniet die überschlanke im Zobelpelz gehüllte Gestalt am Straßenrande, etwas Langeftrecktes, Schmales hat der Chauffeur ihr langsam in den Schoß gelegt. Entsetzliches Stöhnen, wirre Laute, weit und breit keine Menschenseele am Sonntagabend. Ich will hinzueilen. „Bleiben Sie, Sie haben genug Trauriges erlebt. Es scheint ein Herzkramps, er atmet kaum mehr. Georg, greifen Sie in seine Tasche, vielleicht erfahren wir, wer er ist." Mit Widerstreben nehme ich eine abgerissene Brieftasche in die Hand, die beiden anderen haben sich tief über den Unglücklichen gebeugt und stoßen fast gleichzeitig einen entsetzten Schrei aus: „Das ist kein Mensch, das ist der Geist meines verstorbenen Herrn, der bös' ist, weil wir fein liebstes Gut verschenken, ein böser Spuk!" ruft Georg. „Ich kann ihn nicht ansehen," schluchzt die Dame, „es ist mein Gatte, wie er lebte und litt; welch entsetzliches Ereignis!" Nun, Gespenster tragen keine Brieftaschen, tröstete ich, und unwillkürlich bebend, entnehme ich ihr mit wenigem Kleingeld vergilbte, zusammengeheftete Seiten eines Buches und einer Broschüre. Das Grauen ist jetzt an mir! Noch klingen mir ja die Worte unseres würdigen Sig mund Mayer im Ohre, und dies ist ein Ausschnitt aus seiner Selbstbiographie, mit Randbemerkungen von meiner eigenen Hand! Jetzt erkenne ich und erkläre rasch den Zusammenhang. Ich weiß, wer der mit dem Tode Ringende ist, weiß, daß er in verzweifelten Stimmungen oft hinausgewankt, weit hinaus, zum Stammschloß seiner Ahnen; weiß, daß er eine unheimliche Aehnlichkeit mir seinem Vetter, dem Gatten meiner Gefährtin, besessen: weiß, daß sie sich im Leben nie gesehen. Armer Alfred Riehl, unglücklicher aller Freund, so mußt du enden! Vergessen von der Stadt, Ueren alte Steine du jeden angebetet und retten wolltest: verkannt von deinen Wienern, denen du im rastlosen zwanzig jährigen, aufreibenden Studium die schönste Stadt der Welt bereiten wolltest. Es ist mir ein Trost, daß du in den Straßen, deren Durchstreifen dein Lebensgenuß gewesen, zu Füßen eines Künstdenkmals Alt-Wiens den Tod finden sollst; daß du, der in Dämmerungen gelebt, im Dämmern dieses Nebels Hinüberschweben sollst ins Nichts. Und heiße Vorwürfe ergreifen michdaß auch ich dich verlassen, armer Alter. Daß du, in einem Augen blicke heftigster Kränkung, als sich dir wieder ein Weg zur Ausführung deiner Gedanken verschloß, in erbitterster Weise und völlig grundlos gegen das Volk getobt, mit dem ich eins mich fühle im Fluch und Segen, das konnte ich nicht vergeben, obwohl du so innig bereut, so zerknirscht erklärt: „Wie Spanien zugrunde ging, weil es die Juden vertrieben, bin auch ich gescheitert, weil ich euch verkannt; hätte ich die rettende Hand eures Mayer ergriffen, meine Schattenträume wären Leben, waren Stein geworden." Im Unmut meiner Kränkung hatte ich dich verstoßen. Wie ist es mir eine Genugtuung, daß an diesem leidenden Herzen die von mir seinerzeit heraus geschnittenen und dem Freunde gegebenen Worte geruht, die Mayer ihm in seinem Buche gewidmet. Wie wäre es mir eine süße . Rache, wenn ich seine letzten Augenblicke verschönern dürfte! „Sie haben mir versprochen, einen Ihnen einmal erwiesenen Dienst königlich zu belohnen, wenn ich es verlangen werde. Ich verlange es endlich, nicht für mich, für diesen Sterbenden. Führen Sie ihn in Ihr Heim, lassen Sie ihn dort sterben, wo die Seinigen gelebt." Mühsam heben wir ihn in das Auto, das schöne, scharfgeschnittene, von buschigen schwarzen Brauen und weißem Vollbart umrahmte Antlitz liegt in meinem Schoß, die einst so blitzenden schwarzen Augen sind geschlossen. Meine Begleiterin tropft Kognak auf seine Lippen. „Was lächeln Sie, Liebe, in solchem Augenblick?" „Es war ein Lieblingsscherz dieses Mannes in vergangenen Tagen, bei mir, der „kleinen Mestizin", bei jedem Wort, jeder Bewegung herauszuklügeln, was arisches, was jüdisches Blut in meinen Adern. Mir schwebt nun das strenggeschnittene Kameengesicht meiner Mutter, mir schwebt das gebeugte Gelehrtenautlitz meines Vaters vor." „Es ist Ihres Vaters weltfremdes jüdisches Jdealistenblut, Liebe, das jetzt in Ihrer kleinen Hand bebt, während Sie die knöcherne, immer schwerer werdende des Kranken stützen. Wir wollen aber jetzt keine Rassen Psychologie treiben, wir beide, Christin und Jüdin, wollen unser Bestes tun, um ihm wieder ins Leben zu helfen." „Das wäre kein Glück," seufze ich, „gönnen wir ihm das schmerzlose Ende, das er sich selbst zu bereiten zu schwach gewesen." Wir rasen über die einsame Hochebene, durch die traumhaft aus dem Nebel ragende Larenüurger Allee, durch die am Sonntag abend trotz des Krieges lärmend bewegten Straßen Favoritens, wir nähern uns dem Palastviertel, dem Stadtpark, endlich dem Heim meiner Freundin. Ich eile die Treppe hinauf, den treuen Hausgeist vorzubereiteu, stürze zum Telephon, den berühmten in der Nähe wohnenden Internisten herbeizurusen: zu meiner Ueberraschnng wird er sofort kommen. Im Schlaf und Sterbegemach des Hausherrn hat man den Ein dringling rasch gebettet. Da schlägt er die Augen auf und ülit den geschärften Sinnen des Sterbenden heftet