Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 2 (8.1.1915)
- Date
- 1915-01-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 22 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 2 Die biblischen Mitteilungen im Buche der Könige und in dem der Chronik, die sich auf die durch Nebukadnezar im Jahre 586 v. d. b. Z. beziehen, sind da eigentümlicherweise sehr karg und lassen uns die schrecklichen Ereignisse während derselben kaum ahnen. Ein biblisches Zeugnis über die grausigen und fürchterlichen Episoden dieser Belagerungszeit haben wir nur in der Ieremiade, die alljährlich am Trauertage des 9. Ab gelesen wird. Nicht so ist es mit der Geschichte der zweiten und endgiltigen Zerstörung Jerusalems, die im Jahre 69 n. d. b. Z. stattfand; da haben wir einen Historiker als Quelle, der als Augenzeuge der Belagerung anwohnte, und es sind da einige Stellen, die uns zeigen, daß die talmudischen Legenden auf einem festen geschichtlichen Boden sich aufbauen. Es ist Josephus Flavius in seinem ..Bellum judaicum“. Im Buche VI schildert er die Hungersnot in der Festung: „In der Stadt raffte die Hungersnot eine Unzahl Menschen hin und brachte unnennbaren Jammer. Wo in einem Hause auch nur ein Schatten von Nahrungsmitteln sich zeigte, entspann sich ein förmlicher Kampf; die besten Freunde wurden miteinander handgemein und suchten sich die armseligen Fristungsmittel des Daseins zu entreißen. Selbst den Sterbenden wollte, war: nicht glauben, daß sie nichts mehr haben; die Räuber durchforschten solche, die in den letzten Zügen lagen, ob nicht einer nur den Anschein gebe, daß er am Sterben sei und doch noch eine Speise in der Tasche versteckt halte." „Alles ,brachte chnen die Not unter die Zähne; Dinge, welche nicht einmal die unflätigsten Tiere vertragen können, lasen sie auf und vermochten es Der sich zu bringen, sie zu verzehren. Gürtel sogar und Schuhe griffen sie an und kauten das Leder, das "sie von den Schilden gerissen. Manchen dienten Ueberreste alten Heues zur Speise." „Doch was brauche ich die schamlose Gier zu schildern, mit welcher der Hunger über leblose Dinge hersiel? Ich bin im Begriff, eine Tat zu berichten, schauderhaft zu sagen, unglaublich zu hören." Und er erzählt die Geschichte einer Mutter, Maria, Eleazars Tochter, die einst durch Geburt und Reichtum ausgezeichnet war und vom Hunger so verzweifelt wurde, daß sie chr eigenes Kind verzehrte. Der Talmud Gittin weist auf diese schrecklichen Ereignisse in seinen Erzählungen von der Belagerung Jerusalems hin, die also hier ihre historische Belegstelle haben. Als das Heiligtum zerstört war und ein Flammenmeer um dasselbe emporzüngelte, keine Hoffnung auf Rettung mehr zu erwarten, da gingen Gruppen von jungen Priestern hinaus auf das brennende Dach des Tempels — erzählt der Talmud (Taanith 29) — und riefen: „O, Herr der Welt? Da wir uns als unwürdig erwiesen haben, die Verwalter deines Hauses zu sein, so nimm die Schlüssel desselben von uns wieder entgegen!" Und sie nahmen die goldenen Schlüssel und warfen sie in die Höhe. Da senkte sich von oben herab eine Hand und nahm die Schlüssel an sich. Die Priester jedoch sprangen herab und stürzten sich in das Flammenmeer. Diese ergreifende Episode wurde auch von Michael Sachs in seinem Buche: „Stimmen vom Jordan und Euphrat" unter dem Titel: „D e r Tod der Priester" poetisch dargestellt. Beim Nachlesen im Josephus dortselbst erkennen wir die historische Grundlage für diese legendarisch scheinende Erzählung. „Der Tempelberg schien von Grund aus zu glichen" — erzählt er —, „da er von allen Seiten in Feuer gehüllt war; aber noch voller als die Feuerströme schienen die Blutströme zu fließen und die Gemarterten zahlreicher als die Mörder. Nirgends sah man mehr vor Leichen den Boden; über ganze Berge von Toten rannten die Soldaten den Fliehenden nach. Die Räuberschar schlug sich mit Mühe "durch die Römer in den äußeren Vorhof und von da in die Stadt hindurch; was von den Bürgern zurückgeblieben war, floh in die äußere Halle. Einige der Priester rissen zuerst die Spieße auf dem Tempel und das Blei, in das sie eingelassen waren, herab- und schleuderten sie gegen die Römer; als sie aber nichts damit ausrichteten und das Feuer über sie hereinbrach, zogen sie sich auf die acht Ellen breite Mauerwand zurück, wo sie blieben. Zwei der Vornehmsten, da ihnen die Wahl blieb, zu den Römern überzugehen und sich das Leben zu retten, oder auszuharren, wollten das Schicksal der andern teilen, stürzten sich in das Feuer und verbrannten mit dem Tempel; Meir, Belgas' und Josephus, Dalaios' Sohn." Hier haben wir die geschichtliche Quelle für beit Talmud, aus der ersichtlich ist, daß die Priester während des Brandes auf das Dach des Tempels stiegen — denn dort waren die goldenen Spieße, die sie herausgerissen hatten, um sie als Waffe gegen die Römer zu benützen, — und es werden zwei derselben mit Namen angeführt, die sich schließlich, in die Tiefe des Flammenmeeres stürzten. Wie gewaltig stark die Festung war, schildert Josephus im 9. Kapitel desselben Buches folgendermaßen: „Als Titus in die Stadt einzog, bewunderte er ihre Festigkeit im allgemeinen, besonders aber die der Türme, welche die Tyrannen in ihrem Wahnsinn verlassen hatten. Indem er die Höhe des massiven Baues, die Größe jedes Steines und die Genauigkeit der Zusammenfügung und ihre gewaltige Länge und Breite betrachtete, rief er aus: „Mit der Hilfe Gottes haben wir gekämpft, er war es, der die Juden von diesen Bollwerken herabtrieb; denn was vermöchten Menschenhände oder Maschinen gegen solche Türme!?" Die Reste der Klagemauer legen noch gegenwärtig Zeugnis ab mit ihren gewaltigen Granitsteinen, die nun von den Tränen ihrer seit zwei Jahrtausenden benetzten Quadern ihre ursprüngliche Farbe verloren haben, daß die Worte der Bewunderung des Titus über diese mächtigen Festungswälle nicht übertrieben waren. Indem sich jedoch Titus hier auf die Hilfe Gottes beruft, daß es sonst ihm nicht menschenmöglich erscheinen konnte, diese Festung einzunehmen, findet eben sein Gegenstück in den Worten des Midrasch, der in folgenden: das Gleiche ausdrückt: „Ein Engel war vom Himmel herabgestiegen und stieß mit seinen Füßen die Mauern Jerusalems um und riß sie nieder." Er rief es aus und sprach: „Mögen die Feinde kommen und .einziehen in das Haus, in welchem der Herr nicht mehr ist, mögen sie die Stadt berauben und zerstören; mögen sie in den Weinberg kommen und die Weinstöcke umhauen, den der Hüter verlassen hat. Damit die Feinde sich nicht rühmen, sie selbst wären imstande gewesen, die Stadt zu besiegen. Nein? Eine bereits vorher besiegte Stadt haben sie bezwungen; ein bereits vorher erschlagenes Volk haben sie erschlagen!" Nur weil der Untergang der Stadt bereits vorher, wegen der Sünden Israels, bestimmt war, konnte sie bedungen werden, spricht es da der Midrasch, aus, und wir sehen in Josephus, in dem Berichte von Titus Worten, daß auch die siegenden Feinde es erkannten, sie hätten diese gewaltige Festung nie besiegen können, wenn sie nicht schon vorher gottverlassen gewesen wäre. Die Mauern allein, und wenn sie noch so stark und riesig hoch angelegt wären, schützen also eine Festung nicht, soll hiedurch ausgedrückt werden, sondern es kommt