Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-01-01 · 1 (1.1.1915) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
1 (1.1.1915)
Date
1915-01-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3022142-3022144--23753-3048967
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 18 Dr. Bloch's Wochenschrift die Handwerkerkammern von Moskau und Smolensk, woher der Wind weht, und nehmen Juden fortan reicht mehr in die Innung auf. Damit find sie keine Handwerker mehr und können jederzeit nach Polen aögcfchoben werden. Laut Senatserläuterung vom 6. August 1888 wird den jüdischen Handwerkern außerhalb des Anfiedlungsrayons der Kauf von Immobilien verboten. Ein Jahr später dürfen diese Handwerker auch keinen Handel mehr treiben. Ein Uhrmacher z. B., der seine Uhren im Umherziehen loszuwerden trach.ee, kann danach ohne weiteres ausgewiesen werden. Er ist kein Uhrmacher mehr, sondern ein Händler. Zu Ende des Jahres bestimmt eine „Erläuterung", Haß jüdische Handwerker in Sibirien überhaupt nicht mehr wohnbercchtigt sind. 1^91 intet» dann auch allen jüdischen Handwerkern im - Gouvernement Moskau wie in Moskau selbst das Wohnrecht entzogen, was' ungefähr 10.000 Familien brotlos machte. 1898 werden durch die „Erläuterung" vom «8. Dezember Fischeinsalzer, Klavierstimmer und Landmesser aus der Kategorie der Handwerker ausgeschlossen. Dazugesellen sich später noch Tinteamacher, Gummischuhslicker. Was für Sorgen die russische Regierung hat! 1899 geht es den Herstellern von künstlichen Mineralwässern ebenso. Ncch dem 6. Oktober desselben Jahres sind jüdische Handwerker aus Kurland im übrigen Reich nicht mehr wohnberechtigt. Seil 1908 gehören auch die Setzer nicht mehr zmn Handwerkerstand. Ein englischer Journalist erzählt, er habe ,im siidlichen Rußland gesehen, wie Juden auf der Eisenbahn halbtot geprügelr wurden, nicht weil sie etwas gesagt oder getan, oder zu tun und zu sagen unterlassen hätten, sondern einfach deshalb, weil sie' Juden waren. Und wenn sie sich beklagten oder um Gnade baten, warf man sie aus dem Waggon hinaus, mitten auf die Steppe. »Bor . noch «icht--L<mger ^Zmt-H fAxrr-dieser-Herr fort, „sah ich den Gouverneur einer großen Stadt einen ehrwürdigen jüdischen Greis schlagen, weil er den Laden über die vorschriftsmäßige Zeit hinaus offen gelassen hatte; darauf brach der Gouverneur in Lachen aus, als er bemerkte, daß feine Uhr nicht richtig ging und daß es eine Stunde früher war, als er geglaubt hatte." („Daily Telegraph", 4. August 1890.) Wir in den westlichen Ländern können nicht begreifen, welche geringfügigen Ursachen in Rußland ausreichen, die ehrlichsten Menschen von der Welt einzukerkern, sobald sie Juden sind. Vor kurzem hat die Versammlung der Friedensrichter im Bezirk Uchitsa einen jüdischen Angestellten zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt, weil er etwa bis 1 Uhr des Nachmittags in einem seinem Chef gehörigen Forst, wo er das Holzfällen beaufsichtigte, verweilt hatte. Die Polizei behauptete, daß er die Pflicht habe, seine Arbeit bis 11 Uhr des Vormittags zu erledigen, und daß er, indem er zu lange in dem Forst verweilte, sich außerhalb der Stadt niedergelassen hätte! — Es ist sicherlich keine Uebertreibung in dem Ausruf eines englischen Publizisten: „Ich möchte lieber behandelt sein wie ein Betrüger, ein Fälscher oder ein gemeiner Mörder, als wie ein ehrlicher russischer Jude!". „Wehe den Verfolgern!" schrieb die große Katharina cm Voltaire, indem sie ihm eine Unterstützung für die Sirven sandte, die das Opfer religiösen Aberglaubens geworden waren; und die Zarin hatte mit eigener Hand folgende denkwürdige Worte in einer Instruktion an das Gesetz-gebungskomitee geschrieben: „In einem großen Reiche, das seine Herrschaft über eben so viele Völker erstreckt, wie es verschiedene Glaubenslehren unter den Menschen gibt, würde der nachteiligste Fehler die Intoleranz sein." (Voltaire, Euvres Ed. Lefevre 1818, XVIII-, S. 624, und XXVI., S. 289, Dictionnaire pliilosojijiiqne. ^B. Puissance,) Viele hervorragende Geister haben gedacht, wenn auch nicht geschrieben, daß die Juden die Ausnahmemaßregeln, deren Gegenstand sie sind, durch eine Massenbekehrung beantworteil müßten. Diese Ansicht ist ganz trügerisch. Sie ist es, weil sie von den moralischen Eigenschaften absieht, welche gerade den russischen Israeliten die Sympathien der zivilisierten Welt zugewandc haben: die Anhänglichkeit an die Traditionen ihrer Väter, an die 'Religion, in der ihre Ahnen gelebt und für die sie so viel gelitten haben. Diese Pietät, welche nicht notwendig von einem sehr starken Glauben'begleitet ist, ist das letzK' Gut, welches den russischen Israeliten, nachdem man ihnen alles geraubt, übrig bleibt. Das ist der Ehrcnschaft, welcher bei ihnen oft die Stelle der moralischen Erziehung oder der geistigen Bildung vertritt. Diese Unglücklichen, der Gegenstand einer so ungerechten Verachtung, welche ihre Feinde zu beschimpfen suchen, indem sie sie als Materialisten bezeichnen, geben vor dem Angesicht der Welt ohne Widerrede den Beweis eines exaltierten Idealismus. Man sieht seit vielen Jahren alle Tage, wie sie ihren Beruf, ihr Brot, dasjenige ihrer Familien der herben Genugtuung ihrer moralischen Pflicht, die sie zu erfüllen glauben, opfern. „Alle Jude.:, welch? Ehrgefühl haben," sagt ein vornehmer russischer Soziologe, „werden ihrem Glauben nicht abtrünnig. Sie betrachten diese Tat als entwürdigend, gerade wegen der Vorteile, die damit verbünden sind." Literatur. Im Krieg mutz man für den Frieden sorgen und im alten Jahr für das neue. Die k. u. k. Hofbuchhandlung Moritz -P e r l-e-s-4*-SB i e n, -I.,- Seilergasse 4; die aus dem Gebiete der Kalenderliteratur dominierend-ist/ hat ihre Kalenderausgaben für das Jahr 1915 rechtzeitig fertiggestellt, um den Bedürfnissen des Handels und des privaten Lebens zu entsprechen. Selbstverständlich wurde das gewaltige Ereignis, das unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, der Weltkrieg, in gebührender Weise berücksichtigt. So bringt der Illustrierte Österreichische Volksrakender für 1915, dieses beliebte Volksbuch, eine reich illustrierte Geschichte des Krieges bis zur zweiten Schlacht bei Lemberg und der bekannte Kalender der Muskete, dieser Almanach des militärischen Humors, einige kräftige, schwungvolle Kriegsgedichte nebst Kriegswitzen. Den grötzten Raum in Perles' Kalenderoerlag nehmen bekanntlich die Fachkalender ein, in bequemem Taschenformat jene Vorschriften, Tabellen und Hinweise enthaltend, die der Praktiker täglich oder doch mindestens sehr häufig benötigt; von dieser Abteilung erwähnen wir, um nur einige zu nennen, das Taschenbuch für Zivilärzte, die Taschenkakender für Apotheker, Bautechniker, Juristen, Landwirte, Lehrer, Veterinäre usw. .Eine Fülle von billigen Schreib- und Lesekalendern vervollständigt die Reihe der Kalender, über welche auf Wunsch ein Verzeichnis von der k. u. k. Hofbuchhandlung Moritz Perles in Wien, I., Seilergasse 4, gratis und franko versendet wird. Wer es sich kommen kätzt, sinder sicherlich einen oder einige Kalender, dieihm gute Dienste leisten. Jung-Judc». Illustrierte Zeitschrift für unsere Jugend. 15. Jahrgang. Akr. 12—20. Prag, den 25. Dezember 1914 (8. Thebet 5675). — Redaktion und Administration: Prag, II., Stefansgasse 629. — Inhalt: M. A. Klausner: Psalm 83. — Ben Jehuda. — M. Antscherl: Warum sollen 'unsere Kinder hebräisch lernen. (Schluß) — Dr. Nathan Grün: Die Entdeckung Amerikas und die Juden. (Schluß.) — El. Lädier: An die Kämpfer. — Martha KoIlmann: Eine Rabengefchichte. — El. Lädier: Chanuka. — Seltener Glücksfall. — M. K.: Die Kanone. — Josef Jbn-Nagrela. — Der Schöpfer des Suezkanals. — Uebersetzungs-Aufgabe. — Rätsel. Kriefkasten. K. F. Die hebräische Presse in Rußland steht selbstverständlich unter dem Zeichen des Krieges. Die Monatsschrift „Haschiloah" (Odessa) erscheint auch während des Krieges regelmäßig. „Hazefirah" (Warschau), „Hasman" (Wilna) und die jüdischen Tages-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.