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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-12-18 · 50 (18.12.1914) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
50 (18.12.1914)
Date
1914-12-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 878 Dr. Bloch's Wochcnschrift Nr. 50 (Line große Freude bereitet mir das Verhalten der jüdischen Offiziere und Militärbeamten. Alle ausnahmslos erfüllen mit ganzer Begeisterung ihre Pflichten, sie stehen muftergil'tig da. Der bekannte Vorwurf der Feigheit des jüdischen Stammes ivird verstummen müssen. Wo immer sie hingestellt werden, stellen sie ihren Mann. Daß sie so tapfer kämpfen, ist gut für ihre Zukunft und entzieht ihren Feinden den gefährlichsten Vorwurf, den der Feigheit. Es ist das erstemal in der Weltgeschichte, das; Juden Gelegenheit geboten wird, sich kriegerisch zu betätigen, das ist gut, sehr gut. . . . Nun habe ich mich gehörig ausgeplauscht. Viele Küsse allen, die bei uns sind. Sigmund." Ire Juden in Hstgalizieii unter russischer Herrschaft. Einem Artikel des Lemberger Schriftstellers B. W. Segel in der jüngsten Nummer von „Ost und West" entnehmen wir folgende Daten: Der Vorbeter der großen Synagoge in Brody hat sich das Leben genommen, als ihn: der derzeitige russische Gewalthaber auftrug, am bevorstehenden Neujahrsfeste und Versöhnungstage das Gebet für den Zaren anstatt wie bisher für den Kaiser Franz Josef vorzutragen. Die Russen haben die voir kaum einigen hundert Menschen im ganzen Lande bekannte griechisch-orthodoxe Religion als herrschende Staatsreligion proklamiert und den Katholizismus, das Judentum und den Protestantismus, zu denen sich der „Rest" von mehr als 99 °/o der Bevölkerung bekennt, als tolerierte Religionen erklärt. Sie haben auch das „russische Gesetz" eingeführt. Eine ganz neue, bisher völlig unbekannte Institution taucht in unserem Lande auf. Das ist die berühmte Ochrana, deren Organe im Geheimen über unser geistiges und leibliches Wohl tvachen und ihren fördernden und heilvollen Einfluß auf die Moral und Redlichkeit, aus die Treue und Ehrenhaftigkeit der Bevölkerung ausüben werden. Wer in Europa kennt nicht die Ochrana! Me jüdischen Schulen wurden geschlossen, in zahlreichen Gemeinden waren Pogroms und Aufrufe wurden verbreitet, in welchen die-bäuerliche Bevölkerung aufgefordert wurde, die österreichischen Gendarmen und die Juden zu ermorden, wofür ihr die Aufteilung des jüdischen Grundbesitzes, Getreides und Viehbestandes sowie der sonstigen jüdischen Vermögen versprochen wurde. „Wo die Russen einmarschiert sind, dort fliehen die Juden und werden nimmer wiederkehren." Ier Kuttusprästdent und der russische Keneral. Wie der „Egyenlöseg" mitteilt, erzählt ein Honvedhusarenoberst in einem Feldpostbrief an seinen Freund die folgende Episode: In der Stadt H. begegnete ich dem Präsidenten der dortigen israelitischen Kultusgemeinde, der mir mitteilte, daß der Kommandant der in die Stadt eingebrochenen russischen Truppen, ein General, der Stadt eine Kriegskontribution von 200.000 Kronen auserlegte und dern Kultuspräsidenten auftrug, diese Summe innerhalb einer bestimmten Frist einzuliefern. Das Städtchen war außerstande, diese große Summe aufzubringen, weshalb der russische General damit drohte, die Stadt einäschern zu lassen. Gerade zu dieser Zeit erschienet: unsere Truppen. Die Russen flohen Hals über Kopf und allen voran auf einem Bauernwagen flüchtete der General. Der Präsident der Kultusgemeinde verstellte ihm den Weg, streckte den Kutscher mit einem Schüsse nieder und nahm mit Hilfe eines Verwandten den General gefangen. Hlusstsch-züdische Soldalenlragik. Die Zeitschrift „Ost und West" veröffentlicht die autobiographische Skizze eines russisch-jüdischen Soldaten, der vor Przemysl ein Bein verloren hat und sich jetzt im Wiener Universitätslazarett in Pflege befindet. Der Verfasser schildert zunächst seinen Lebensgang und speziell den typischen Leidensweg der jüdischen Intellektuellen in Rußland, denen der Besuch sowohl des Gymnasiums wie der Universität unsäglich erschwert ist. Sv mußte auch Boris Dawidowicz sein Glück außerhalb Rußlands versuchen, und es gelang ihm, in die medizinische Fakultät einer großen deutschen Universität c ingeschrieben zu werden. Aber bald machte sich auch dort eine feindliche Stimmung gegen die russisch-jüdischen Studenten fühlbar. Diese Strömung war auf den Einfluß und die Wirksamkeit von Agenten der russischen Bureaukratie zurückzuführen, die bei allen maßgebenden Instanzen gegen ihre jungen Landsleute mit allen Mitteln arbeitete. Ihr war es ein Dorn im Auge, daß sie vor ihr an europäischen Hochschulen eine Zufluchtsstätte fanden. Dawidowicz ging nach Wien, wo er sein Studium unbehindert fortsetzen durfte. Als der Krieg ausbrach, kehrte er nach Rußland zurück und mußte sich dort zum Militärdienst stellen. Er wurde aus der Stelle eingereiht und marschierte mit den Truppen nach Galizien. lieber seine Kriegserlebnisse schreibt Dawidowicz nun wie folgt: „Bei den russischen Soldaten aller Konfessionen und Nationalitäten, insofern sie einige Bildung und Intelligenz besaßen, ließen sich häufig Stimmen hören: Warum schlagen wir uns mit Oesterreich? Was hat Oesterreich uns oder anderen zuleide getan? . . . Bei mir aber nahm diese Frage häufig die Form quälender Gewissensbisse an. Warum tötete ich österreichische Soldaten? In diesem Lande hatte ich nur Gutes erfahren. Hier durfte ich unbehelligt überall wohnen und studieren, was mir mein eigenes Vaterland versagt, und mm stattete ich dem Lande meinen Dank ab, indem ich seine Söhne erschoß oder erstach. Gemordet, gebrannt und geplündert ^haben — das muß ebenfalls betont werden — die jüdischen Soldaten im russischen Heere nicht; wir brachten in geplünderten Ortschaften den Bewohnern, Christen wie Juden, die von unseren lieben Kameraden geraubten Sachen zurück. Aber kriegsmäßig habe ich doch viele Oesterreicher auf dem Gewissen. Das Geknatter der Gewehre und das Brüllen der Geschütze übertönen diese inneren Stimmen. Wir kamen nach Przemysl. In dem hartnäckigen dreiwöchigen Ringen der Russen um diese gigantische Festung ist unendlich viel Blut geflossen. Die Oesterreicher, die die russische Belagerungsarmee schließlich zurückgeschlagen haben, dürfen sich sagen, daß sie einen ihnen an Zahl vielfach überlegenen rücksichtslosen und mit ungrzähmter Energie kämpfe den Feind übe > wunden haben. Von den Russen wurden die polnischen und jüdischen Soldaten immer in erster Reihe ins Feuer geschickt und rückwärts von Maschinengewehren angetrieben. Diese Elemente sind das Kanonenfutter der russischen Armee. Mir wurde das linke Bein durchschossen. Einige Tage lag ich in einem Graben. Endlich wurde ich von einer österreichischen Sanitätskolonne aufgelesen. Ich verfiel in eine Art dumpfer Betäubung, aus der ich erst nach langer Zeit erwachte. Ich sah mich auf einer Tragbahre, umgeben von weißgekleideten Sanitätsdienern und Schwestern. Man brachte mich in einen weißen hohen Saal zu einem Operationstisch. Der Chirurg stand davor, während Assistenten und Krankenschwestern die nötigen Vorbereitungen trafen. „Ihr linkes Bein muß sofort amputiert werden," sagte der Chirurg. Beim Klang dieser Stimme wurde ich tief erschüttert und ries: „Herr Professor!" Das war nämlich mein Lehrer, bei dem ich erst vor kurzem ein Examen bestanden hatte und der sich jetzt meiner erinnerte. „Dawidowicz. sind Sie es!" rief er aus; „hier sehe ich Sie wieder! Na. jetzt ist keine Zeit für Erkennungsszenen, Sie müssen sich narkotisieren lassen." Ich erwachte ohne linkes Bein und erfuhr, daß ich mich in einem Hörfaal des zu einem Lazarett umgewandelten herrlichen Gebäudes der Wiener Universität befand. Vielleicht ist es derselbe Saal, in welchem ich so oft zu Füßen des berühmten Lehrers saß und seinen Worten lauschte; nun liege ich hier als verwundeter Feind und werde von demselben Lehrer betreut und gepflegt. Ich werde sehr gut gepflegt. Mein Lehrer läßt mir alle Sorgfalt angedeihen. Seit drei Tagen kann ich auf meinem provisorischen künstlichen Bein schon ein wenig herumhumpeln. Der Professor sprach oft mit mir über meine Zukunft. Er erbot sich, zu erwirken, daß ich, wenn ich einigermaßen hergestellt bin, nicht als Kriegsgefangener behandelt, sondern in Freiheit gesetzt werde. Aber was soll aus meinem Studium werden? In der Heimat durfte ich es nicht fortsetzen und die Pforten der Wiener Alma mater bleiben mir als „Feind" verschlossen. Gestern brachte mir der Professor die Nachricht, daß ein Erlaß des österreichischen Unterrichtsministeriums den Angehörigen der feindlichen Staaten den Zutritt zu den österreichischen Hochschulen verbietet, aber Ausnahmen zuläßt zugunsten solcher Studierender, die in ihrem Lande nicht zu der herrschenden Nationalität gehören. Na, gottlob, ich gehöre nicht zu der herrschenden Nationalität. Ich darf also die Wiener Universität wieder beziehen; ich werde hier meine Studien beendigen, ich werde Arzt werden. Ein Arzt mit einem Holzbein war freilich bisher keine

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