Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 50 (18.12.1914)
- Date
- 1914-12-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 50 Dr. Bloch’s Jahrgang XXXI Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. ---ooc- Wien. 18. Dezember 1914 LrscDelnt jeden Frettsg. Brief-Adresse: Wie», II/i, Praterstraße 9. Telegramm-Adresse: Bloch S Wochenschrift, Wie». 06 O =öo Q K. ft. Postsxarftaffensmt Llearing-Verkebr Nr. S10.97S. RedaMon und Admintslratton: wir» H/1, Praterstraße 9. Telephon 45.359. _ nP ..----- -Qo OU - — =DO Vr;ugsprris für Aestrrrrkrh: Q Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für da» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 2mal gespal> tene Petitzeile 48 Heller. _ QO ----—Do Inhalt r Leitartikel: Weltverbände in Kriegszeiten. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Auszeichnungen jüdischer Ossiziere und Soldaten. Otto Goldstein. Regiurentsarzt Dr. Julius Weisz. Auszeichnung des Redakteurs Dr. Hugo Glaser. Die Auszeichnung nach dem Tode. Der Tod des Honveds Breuer. In 33 Schlachten gestanden. Zugsführer Geza Klein. Zum drittenmal verwundet. Leutnant Eugen Korein Feldpostbrief des Oberoffizials Sigmund Hirschmann an seine Gattin. Die Juden in Ostgalizien unter russischer Herrschaft. Der Kultuspräsident und der russische General. Russisch-jüdische Soldatentragik. Auszeichnung jüdischer Krieger mit dem Eisernen Kreuz. Sonstige Auszeichnungen. Militärische Zurückweisung anonymer antisemitischer Verleumdungen. Das Ende eines antisemitischen Hetzblattes. Ein Gemütsmensch. Verleumderische Behauptungen des belgischen Gesandten in Kopenhagen. Amerikaner gegen Japan. Ein jüdisch:r Soldat beim Einmarsch der Oesterreicher 1789 in Belgrad. K. k. allgem. Berkehrsbank Waidhosen a. d. Pbbs. Wer weiß? — Korrespondenzen: Eine Predigt in der Alserkirche. Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchen- und Arbeiterinnenheim. Eine nachahmenswerte Feier. Chanukka-Festjause im Pestalozzi-Vereine. Verein zur Bekleidung und Unterstützung armer alter Männer isr. Konfession. Sportlich-hygienisches Herrenturnen. Leopoldstädter Kinderschutz. Ausruf. Eine interkonfessionelle Ansprache des Feldrabbiners Dr. Funk beim Abmarschieren der Honveds in Preßburg. Karlsbad. Galizische Flüchtlinge in Reichenberg. Israel. Mädchenheim in Frankfurt a. M. — Vermischtes. — Feuilleton: Wo stehen die Juden? — Saget's der Mutter nicht. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. WellVervarrde in Kriegsbeilen. Bon Oberrabbiner W. Reich in Baden bei Wien. Ein bekannter Autor im Talmud sagt an einer Stelle: „Nie vermag ein Mensch in die letzten Gedanken seines Nebenmenschen einzudringen. Was dein Nebenmensch denkt, bleibt dir verschlossen." Noch verschlossener und undurchdringlicher dadurch, daß der Mensch nicht nur die Fähigkeit hat, seine Gedanken zu verbergen, sondern sie auch dem Mitmenschen gegenüber im entgegengesetzten Gesichte erscheinen zu lassen; also zu täuschen, die Wahrheit zu maskieren. Hierin unterscheidet sich der Mensch unvorteilhaft von dem Tiere, Bei allen Vorzügen, die den Menschen auszeichnen, hier ist ein Moment, in dem das niedrigstehende Tier selbst dem hochstehenden Menschen vorangeht: in der Aufrichtigkeit, der Uebereinstimmung seines inneren Wesens mit seiner äußeren Erscheinung. Das Tier zeigt sich mit seinen Vorzügen und Fehlern, die es besitzt, so getreu wie es ist; die Vorzüge, die wir bei ihm erkennen, sind nicht erborgt, sie sind echt; die Fehler, die es hat, es verbirgt sie uns nicht; es zeigt sich uns äußerlich genau so, wie es im inneren Wesen ist. Nur der Mensch hat die wahrhaft gefährliche Fähigkeit, sein Aeußeres ganz vom Innern zu scheiden, sich nach außen anders zu geben und darznstellen, als er handelt, spricht und vorgibt. Seine Vorzüge, seine Tugenden, Bescheidenheit, Gottesfurcht, Herzensgüte und wie sie immer. beißen mögen, wie oft müssen wir es zu unserem Leidwesen erfahren, daß wir uns getäuscht haben, daß sie unecht sind. Und die Fehler, die der Mensch be^ sitzen kann: Stolz, Neid, Gier, Mißgunst. Haß. Rachsucht, wie leicht vermag er diese >nit der Larve der Heuchelei, mit der Maske der Verstellungskunst vor seinem Nebenmenschen zu verheimlichen! Dieses Scheinwesen, das also der Mensch fähig ist, bis in sein Grab zur Schau zu tragen, findet jedoch auch in dieser lügnerischen, trügerischen Welt eine Gelegenheit, bei der es sich unwillkürlich offenbart, bei einer plötzlich eintretenden, gewaltig hereinbrechenden Katastrophe; da fällt die Maske zu Boden und die mühselig verheimlichte Fratze zeigt sich in ihrer häßlichen, widerlichen Figur. Eine solche Katastrophe ist auch der Krieg, er ist es sogar vornehmlich und üut ^x«>. lwu. Er reißt so mancher Kulturlüge die Larve ab, und zwar nicht dem Einzelnen, sondern ganzen Völkern und ganzen Staatengebilden. Dieser Weltkrieg, in dem wir jetzt uns befinden, ist eine solche Katastrophe, die wie ein Gottesgericht erscheint, bei dem so manche Maske von so manchem Volksgesichte herabgefallen ist. Wo ist die Politesse des Franzosen hin verschwunden, wo das „Gentlemanlik" des Engländers!? Nur dem Russen möchte man auch da etwas zubilligen, was jenen mit Kultur flunkernden Völkern abgeht: die Aufrichtigkeit. Sie haben sich nie anders gegeben, als sie sich jetzt zeigen, mit ihrer Roheit, Blutgier, Raub- und Mordsucht. Sie haben den Vorzug des Tieres vor dem Menschen, der in der Aufrichtigkeit seines bestialischen Wesens besteht, noch bewahrt: sie sind geblieben, was sie waren in ihrer urwüchsigen Unmenschlichkeit. Aber doch nein, einen Trug hat der Russe glänzend durchgeführt. Ist doch der Russe in seinem Zaren als der Begründer der Weltfriedensliga aufgetreten! So weit konnte die Kulturlüge sich verfteigen. Ein Carnegie, der einem Zaren als Ehrenpräsidenten der Weltfriedensliga einen Palast erbaut: eine Suttner, die sich von einem Barbarenhäuptling das Heil der Welt erivarret.' So enthüllte sich da die innere Hohlheit eines We l t v e rb a nd es, wie ein solcher in der grandiosen Katastrophe der Kriegszeit in sich selbst zusammeubricht. Aber wir Juden haben da auch l^edauken über einen Weltverband aimauchen gesehen, von dem viele Ounderltauseude das Heil der so schwer gevrüsren Judenheit erwarten. Wir müssen der Sache in die Augen blicken und nicht die Vogelstraußpolitik mit den kostbarsten Gütern unserer heiligsten Empfindungen treiben.