Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 44 (6.11.1914)
- Date
- 1914-11-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 758 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. U durchlebten! Die große Kulturlüge, mit der Weltfriedensliga, der ein Palast gebaut worden ist, der am besten gegenwärtig zu einem Verwundetenspitale zu verwenden wäre. Und die Parteistreitigkeiten, die die Länder durchwühlten; die Parlamente, die nur unter steten Obstruktionskomödien tagen konnten! Wo find die Pfeifen und die Ratschen, die pöbelhaften Anrempelungen und Begeiferungen, mit denen man für das Volk angeblich eiferte? Die größten Lärmmacher und Radauschläger waren die Matadoren der von der sogenannten Bolksgunst Gekrönten; so ging es in den hohen Parlamentsbauten zu, bis in die kleinste Dorfgemeindeversammlung, wo der vielbeliebte Voltston als die eindrucksvollste Oratorik beklatscht und bewundert wurde. Diese anfangs nur gegen Juden eingeführte Schimpf-Redekunst, zu der keine Wissenschaft und keine Bildung nötig waren, die der dümmste Schreier leicht treffen konnte, hat sich dann zur gewalttätigsten bübischen Frechheit entwickelt, die keine Scheu und keine Schranken kannte und die heiligsten Gefühle schonungslos zerpflückte. Es mußte erst ein Mann auftreten, der mit Einsetzung seiner ganzen Persönlichkeit, durch Errichtung einer Parlamentswache die Schreier zu Paaren trieb, von der nun erzählt wird, daß einer der von ihr aus dem Tempel der Gesetzgebung Hinausgejagten gesagt habe: „Ich möchte nun den Parlamentstrabanten küssen, der mich aus dem Saal gewaltsam hinausgeschleppt hat." Nein, gewiß nicht, die Friedens stimmung vordem Kriege war nicht mehr schön; sagen wir, sie war häßlich! Wir hatten einen bösen Traum. Eigennutz, Heuchelei, konfessionelle Treibereien, nationaler Haß haben uns unser tägliches Brot gebildet. Die Presse bot uns in ihren Berichten ein Chaos gegenseitiger Feindseligkeiten, ein Tohu wabohu von Naderertum, von Verhetzung. Es war ein häßlicher Traum mit allen Dämonen der Leidenschaften, mit allen Furien der Bosheiten und niedriger Begierden. Und wie sah es mit der Wohlfahrt aus im geschäftlichen, im industriellen, im gewerblichen Leben!? Ein täglich um sich greifender Verfall. Eine täglich steigende Teuerung, ein täglich zunehmendes Verdrängen und Verdrücken! Und die Heranwachsende Jugend! In diesem flammenden und zuckenden Brodeln der Gehässigkeiten herangewachsen, wäre sie ein Geschlecht niedrigster Anschauungen geworden, bar jedes Hochschwunges, jeder Begeisterung, jeder Opferfähigkeit für die Allgemeinheit! So sah das Zukunftsbild der F r i e d e n s st i m m u u g aus, durch Jahre, durch Jahrzehnte! Und nun die K r i e g s st i m m ung unserer aus dem Traumschlafe erwachten Völker! Gewiß, die Opfer sind groß, unermeßlich groß! Die Größe dieser Opfer, die Zukunft der Geschichte wird sie erst ganz und voll ermessen. Aber sehen wir uns die schon jetzt neu erstehende Welt an! Sie ist erst im Werden! Aber die Tugenden, die sie auslöst! Die Herrlichkeit der Erscheinungen, die sie himmelhoch aufleuchtend weithin erglänzen läßt! Die Freude am Wohltun, die Herzlichkeit im Verkehr verschiedenster nationaler, politischer, konfessioneller und wirtschaftlicher Kreise! Ein Bild geistiger und moralischer Erlösung. Ein Stahlbad der Läuterung, eine Feueresse, in der die heroischen, aber auch menschlich empfindenden Charaktere geschmiedet werden! So blickt uns die gewaltig arbeitende Gegenwart an. Welch ein herrlicher Ausblick erwartet uns in Zukunft, wenn der Sieg mit Gottes Hilfe vollendet, wenn das Heldenzeitalter der beiden Bundesmächte ihr titanenhaftes Werk vollbracht haben werden und die Sonne des Friedens zu einem Sing- und Festspiel der Menschheit geworden sein wird — das ist ein Bild, so herrlich, so glanzvoll, so den ganzen Menschen packend und hoch erhaben, daß wir die weltumfassenden Konsequenzen nicht vorher auszudenken vermögen, sie nur mit der alles Große in sich einschließenden Messias zeit der — Welterlösung bezeichnen könnten. .Unsere Kriegs stimm ung ist keine gemachte, sie ist aus dem Innersten der Erhaltungsnotwendigkeit her-- vorgegangenen. Ganz anders ist die unserer gegnerischen Feinde. Das ist schon ersichtlich aus dem Konglomerat ihrer phantastischen Zusammensetzung. Ein p a r l a m e n - tarisches England mit einem despotischen Rußland! Ein barbarischer Welte nautokrat mit einem republikanischen Frankreich! Ein fernes, innerlich zerwühltes Portugal, das sich zum Kriege treiben läßt, wie ein von Hunden angebelltes Kalb, das zur Schlachtbank geführt wird, mit einem am anderen Ende der Welt lebenden japanischen Volk, das uns mit seiner Tücke und Behendigkeit wie ein räuberisches Affen Volk anmutet! Und das Sammelsurium der Völkerschaften, die angeblich die Weltkultur retten sollen! Völkerschaften, die uns wie Phantasiegestalten der Hölle erscheinen, aus Gegenden, die mit Europa und seiner aus Jahrhunderten mühsam entwickelten Kultur keine Berührungspunkte haben. T u r k o s und Z u a v e n, S i n g a l e s e n und Marokkaner, T s ch e r k e s s e n und Sibirier, Benghasis und Spahis — mutet das nicht an, wie eine internationale Schaubude aus der Wandertruppe eines Barnum!? In diesen kaleidoskopartig wechselnden Menschenbildern soll eine echte, wahre, heroische, für das Höchste der Menschheit schlagende Kriegsstimmung vorhanden sein!? Dieses Völkerbabel soll der Menschheit das Heil bringen??