Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 43 (30.10.1914)
- Date
- 1914-10-30
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 43 Seite 754 'i I I. l. Holleschau. Am 21. b. Mts. wurde Frau Katharine Frankfurter, Witwe nach dem vor einigen Jahren verstorbenen unvergeßlichen Rabbiner Herrn David Frankfurter, unter großer Beteiligung der ganzen Gemeinde zu Grabe getragen. Die Dahingefchiedene, eine durch seltene Frömmigkeit und Bescheidenheit ausgezeichnete Frau, hinterläßt sieben hochachtbare, in angeseheneen Stellungen befindliche Söhne, u. zw. Se. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Dr. M. Frankfurter in Winkowze, Dr. Salo Frankfurter, Rabbiner in Königsberg, Dr. Arnold Frankfurter, Religions- Professor und Prediger in Wien, I. Frankfurter, Religionslehrer in Teplitz-Schönau, Doktor Ignatz Frankfurter und Samuel Frankfurter, beide aktive Mittelschullehrer, und der jüngste, Kand. jur. Josef F r a n k f u r t e r, im achten Semester. Die drei Erstgenannten hielten an der Bahre tiefergreifende Nachrufe, welche auf alle Anwesenden einen mächtigen Eindruck machten. Die kantorale Funktion versah Herr Adolf B r a u n f e l d in würdiger Weise. Aussig. Ein schwerer Verlust hat wiederum unsere Kultusgemeinde betroffen. Am 22. Oktober starb nach kurzem Krankenlager Frau Anna Hammerschlag geb. Heller, die Gattin des Tempelvorstehers Herrn Löwy Hammerschlag. Die Verblichene, die ein gesegnetes Alter von 76 Jahren erreicht hat, gehörte zu den Mitbegründerinnen des isr. Frauenvcreines in Aussig, dessen Präsidentin sie mehr als 40 Jahre gewesen ist. Ob ihres lauteren Charakters und ihres bescheidenen, mit Klugheit gepaarten Wesens erfreute sie sich, obgleich sie zurückgezogen im Kreise ihrer Familie lebte, der größten Achtung und Wertschätzung nicht nur bei den Mitgliedern unserer Kultusgemeinde, sondern auch in weiten Kreisen unserer Stadt. Die allgemeine Belirbthdit, deren sich die Heimgegangene bei Lebzeiten erfreute, kam aufs deutlichste zum Ausdruck bei dem Leichenbegängnisse, das am Sonntag den 25. d. M., nachm. 3 Uhr stattfand. Nach einer kurzen Feier im Trauerhause bewegte sich der Trauerzug unter dem unabsehbaren Geleit nicht nur der Gemeindemitglieder, sondern auch einer großen Zahl von Andersgläubigen zum Friedhof, wo Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. R o s e n z w e i g in tiefempfundenen Worten das Charakterbild der Heimgegangenen, als einer treusorgenden Gattin, Schwester und Mutter schilderte und in treffenden Worten der Tätigkeit der Verblichenen als Präsidentin des ist. Frauenvereins dankbar gedachte. Im Aufträge des Frauenvereins dankte Herr Rabbiner Dr. Rosen zweig der Heimgegangenen für das unvergleichliche Beispiel und für die aufopfernde Hingabe, mit der sie ihre ganze Kraft in den Dienst der Armen und Schwachen stellte und insbesondere in der Uebung der wahrhaft uneigennützigen Liebe gegen die Toten vor allem hervortrat. Mit Frau Anna H a m m e r s ch l a g ist ein Stück Alt-Aussig zu Grabe getragen worden. Feuilleton. Zum ersten Jahr zeittage. Dr. Schmiedl im Leopoldstädter Tempel. Mit bangem Herzen horchten wir vor Jahresfrist auf die Berichte vom Krankenlager des hochbetagten, ehrwürdigen Rabbiners Dr. Adolf Schmiedl. Ein Leben voll und gesättigt von Geist und Herzlichkeit, von tiefer Ehrfurcht vor seinem Gotte, von inniger Liebe zu seinem Judentum, ging seinem Ende entgegen. Wehmütig dachten wir an den schlichten, allzu bescheidenen Greis, dessen Anwesenheit im Tempel genügte, um gleichsam die Schechina, die auf dem geehrten Lehrer, dem weisen Führer in dem herrlichen Gotteshause ruhte, zu schauen. Wir erinnern uns gerne und mit dankbarem Empfinden an seine liebliche, angenehme Stimme, die so milde war, die zu uns so freundlich und angenehm sprach; wir denken gerne an die Auslegungen der Bibelstellen, die er in unvergleichlich schöner Weise zu allen Zeiten mit leicht merklichen Gleichnissen ausschmückte. Sein unerschöpflicher Wissensquell, sein Sichanlehnen an die alten Meister der Hagada mußten ihn jedermann zum Bewunderer seiner Rednergabe machen. Wie kein zweiter in seinem Berufe war er von der Heiligkeit desselben durchdrungen. Wenn er predigte, tat er dies mit Liebe, mit Hingebung; keine Zeit, keine Anstrengung bedenkend, war er immer bereit, ein Volkslehrer zu sein. Wie im traulichen Heime der erzählende Großvater zu seinen Enkeln von seinen Erfahrungen und Erlebnissen spricht, so brachte Dr. Schmiedl an Sabbaten und Feiertagen, ja auch an Trauer¬ und Gedenktagen seinen Gemeindekindern alte Erfahrungen zur Kenntnis, so plauderte er mit seinen Zuhörern, groß und klein, Männern, Frauen und Kindern. Da er zu uns in die Leopoldstadt kam, war er 74 Jahre alt, aber die ehrliche und treue Pflichterfüllung in seinem heiligen Dienste machte ihm jugendlich stark, von seinem Herzen begeistert, begeisterte er die Herzen und nahm alle für sich gefangen. Wer sieht ihn nicht noch auf seinem Platze, er stand immer, denn die Majestät Gottes hatte ihn nicht zum Sitzen geladen, und er stand gebeugt in Andacht und in Anbetung des Ewigen. Ein herzerquickendes Empfinden gewann jeder, der mit dem greisen Seelenhirten sprach. Wer ihn in seiner Wohnung oder in seinem Sommeraufenthalte besuchte, konnte eines lieben Empfanges gewiß sein, denn er war überaus gastfreundlich, beschäftigte sich gerne mit seinem Gaste, hörte dessen Ansprache und mit Ruhe auch die Ansichten von Laien der Thorawissenschaft. Hier zeigte er besonders seine nicht genug hervorzuhebende Bescheidenheit und wies jedes Lob, jede Anerkennung für sein Wirken in geziemender Weise zurück. Jedem, auch dem einfachsten Diener kam er freundlich entgegen, ihm waren Stolz, Eigendünkel, Ueberhebung fremde Begriffe für einen Seelsorger. Beim Durchlesen der Thora erinnert sich der aufmerksame Zuhörer Dr. Schmiedls seiner Aussprüche, seiner Erklärungen, die sich zuweilen auch auf einen Satz, auf ein Wort, ja sogar auf einen Buchstaben anlehnten und ihn zu geistreichen Erläuterungen, weisen Lehren, ernsten Ermahnungen veranlaßten. Wer — der ihn gehört halte — sollte sich nicht erinnern, wenn der greise Rabbiner an Freitagabenden oder an Samstagen beim Einheben der Thorarolle oft nur in einigen Sätzen Aktuelles besprach; beim Maskirgebele voll eigener tiefer Ergriffenheit der Heimgegangenen in wehmütiger Weise gedachte; zu Neyla aüfmunternde, hoffnungsreiche Worte mit dem priesterlichen Segen für seine Gemeinde verband; bei Bärmizwa-Fesfen dem Knaben einen beachtenswerten Spruch fürs Leben mitgab; bei Hochzeiten stets das Beste für die Gründung eines jüdischen Familienhauses wünschte oder auf dem Friedhofe auch bei dem einfachsten Leichenbegängnisse Trost und Zuversicht den Trauernden spendete; am Simchas-Thorafeste einen Rückblick auf die Festtage warf und Segenswünsche voller Innigkeit für die rauhen Wintertage seinen Gemeindemitgliedern und deren Frauen und Kindern mitgab; wenn er bei Jubiläumsfeierlichkeiten des Kaiserhauses, an den Geburtstagen des Kaisers, an frohen oder traurigen Gedenktagen, die von Vereinen veranstaltet wurden, in zu Herzen gehenden Worten seine Zuhörer begeisterte und durch eigene Spenden viel dazu beitrug, daß Wohltätigkeit in reichem Maße gefördert wurde. Wer kennt nicht seine zur Treue fürs Judentum auffordern" den Gedichte, die in den von Dr. Schmiedl besonders bedachtem Vereine zur Unterstützung alter Männer rezitiert wurden. Er scheute in früheren Jahren keine Strapazen, um in wissenschaftlichen oder Wohlfahrtsvereinen Vorträge abzuhalten, die sich stets des größten Zuspruches erfreuten. Wie frohlockte sein Herz, wenn er am ersten Pesachlage seine Predigt mit dem lauten Segensspruche »Schehechejonu« begann; wie andachtserweckend war es, wenn er am Rosch-haschono die Indolenz im Judentume besprach, am Jaum-Kippur seine Zuhörer aufforderte, aus der Lethargie, dem krankhaften Schlafe, in dem sie während des ganzen Jahres sich befunden haben, aufzuwachen, am Schwuosfeste das Gebot von Kibud ovwoem besonders den Kindern empfahl; am Sukkotfeste die vier Pflanzenarten des Feststrausses mit den Altersstufen des Menschen oder in anderer sinniger Weise bilderreich verglich, am Sehemini Azeres bei dem Geschem-Gebete die göttliche hoch erhaben über die menschliche Hilfe erläuterte; ja wie er an besonders feierlichen Sabbaten vor Purim und Pesach oder an Ghanuka immer