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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-10-23 · 42 (23.10.1914) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
42 (23.10.1914)
Date
1914-10-23
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 42 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 735 drohte und so unsägliche Schmerzen verursacht hatte, plötzlich freien Lauf bekommen hätte, und sie von diesen Schmerzen befreit würden. Arme Menschen! Sie waren so unsäglich glücklich, sie weinten so herzzerreißend. Diese furchtbare graue Menschenmasse (grau war die Kleidung der Gefangenen schon damals, als sie neu waren, heute erst recht) hat plötzlich. Farbe bekommen. Die verheirateten Soldaten haben, so weit sie dazu kommen konnten, sich in einen Tallis gehüllt. Der weiße Grund mit den blauen oder schwarzen Streifen hat dem Auge in diesem Meer von grau eine angenehme Abwechslung geboten. Fast jeder zweite Mann konnte ein Gebetbuch erhalten. Da sie nicht wußten, was noch ihrer harrt, gruppierten sie sich truppenweise und begannen plötzlich zu beten: „Leel orech bin." (Dem Allmächtigen, der heute zu Gericht sitzt, huldigt das ganze Weltall.' Und sie beteten das ganze Stück zu Ende, worauf die bewaffnete Wache (auch alle diese Wachsoldaten waren Juden, das Kommando hat in weiser Vorsorge es so gefügt, daß sowohl die Wache als auch, die Bewachten gemeinsam den Gottesdienst verrichten konnten) zur Ruhe mahnte. Es erschien nämlich —vom Kopf bis zum Fuß in weißem Priestergewande — der Vorbeter Isaak Samuel Eizig Halevy, ein angesehener Sänger und Kantor, der seiner Abstammung nach gleichfalls Russe ist und in russischem Stile betet. Vielleicht wurde er gerade deshalb ausgewählt. Als die Russen ihn erblickten und erfuhren, daß er ihr Schelliach-Zibbnr hei, als sie ferner des weißen Schrankes ansichtig wurden und erfuhren, daß in demselben sich eine Thorarolle der Synagoge der Ester Gomer Kultusgemeinde befände, aus welcher ihnen, beit Gefangenen, vorgelesen werden solle, als sie ferner erführen, daß auch der Schofar, der Krug und die Lchüssel zum Waschen der Hände für die Kohaniten, mit einem Worte, daß alles vorhanden sei, was zum Gottesdienste notwendig ist, da stieg die Gottesfrende und die Begeisterung unter ihnen in solchem Maße, daß der Kantor bei diesem Anblicke und unter diesem Eindrücke mit erschütternder Stimme in den großen Raum hineinrief: „Owinu malkenu chotonu lefonercho!" (Unser Vater, unser König, wir haben gesündigt vor dir.) Und das Echo der reumütigen Tausende von Gefangenen um ihn wiederholte es gleich einem brausenden Meere. Und damit begann der Gottesdienst, wie seinesgleichen noch niemals gesehen wurde. Bei der berühmten Jom Kippur- Andacht bei Metz waren es ihrer viel weniger, und dann waren die Andächtigen nicht wie hier Kriegsgefangene. Allerdings, so lange der Gottesdienst währte, waren sie auch hier nichts anderes wie alle übrigen: Kinder Gottes, die um Vergebung ihrer Sünden flehten §it ihrem Vater im Himmel. Das Ausheben und Umtragen der Thora war einer der unvergeßlichsten Momente des Gottesdienstes. Es hat lange gedauert,' bis die Heilige Schrift wieder in ihre Lage zurückgebracht werden konnte. Mit ihren Küssen und Umarmungen, ihren Tränen und ihrem Schluchzen wollten sie das Bekenntnis ablegen, daß sie der heiligen Lehre in ihrem Herzen treu blieben, wenn sie auch ihre Gebote als Gefangene nicht zu erfüllen vermögen. Auf die Thora wollten sie gewissermaßen alle die Namen ihrer (Lieben hinhauchen, über deren Schicksal sie nichts wissen und für welche ihr Herz Tag und Nacht schlägt und weint. Die Thora wurde später noch einmal aus der Bundeslade geholt. Es war dies, als der Kantor für unseren erhabenen König ein hebräisches Gebet sprach. Es war ein überwältigender Augenblick, als auf die Worte: „Er (der Ewige) segne, schütze, beschirme, helfe, mache groß, erhebe und führe zur höchsten Höhe unseren Herrn und König Franz Josef I.", aus tausend und tausend fremden Lippen das begeisterte „Amen?" erscholl, während unsere Offiziere und Soldaten und auch die anwesenden Andersgläubigen Habt-Acht-Stellung einuahmen. Tie Beschreibung dessen, welchen Eindruck dort im Freien auf der unübersehbaren Masse von Gefangenen das von dem himmlischen Gerichte handelnde Gebet' ,, une sane tokef" machte, wolle niemand erwarten, denn das zu beschreiben ist unmöglich. Der Feder eines Meisters würdig war auch das Bild, welches der ungeheure Platz bot, als bei „Korein" alles in die Knie sank, die Körper sich beugten und die Stirnen die Erde berührten, genau so, wie es Vorschrift ist. Unvergeßlich war auch der Segen, welchen die unter den (befangenen befindlichen Kohaniten über^die Anwesenden sprachen. Allesamt hatten sich in den Tallis gehüllt (damit sie weder Freund noch Feind zu sehen vermögen1 und sprachen wie die Heilige Schrift es befiehlt, den Segen über die Kinder Israels. Diese nämlich, die einfachen Israeliten, beteten während des lauten Segens der Kohaniten leise und andächtig und als das Gebet zu Ende war, da ersüllte den Raum, aus Tausenden von Kehlen kommend, das „Jejascher koach", welches die Gesegneten den Segenspendern zuriefen. Siteratnr. Rabbiner Dr. Armin Abeles. Sind am Juden oder Israeliten? Wien 1S(!.4. Im Selbstverläge des Verfassers. Wien, 2. Bezirk, Rembrandtstratze 2. Kriefkaste«. Prof. Dr. I- Kahan, Znaim. Wir missen aus sicherer Quelle, daß Hans Heinemann in Hamburg Jude ist. Rabbinat Una.-Hradisch. Wegen staatlicher Unterstützung galizischer Flüchtlinge in Ung.-Hradisch wenden Sir sich mit einem Gesuch: 1. an das Ministerium des Innern und 2. an den gemeinsamen Finanzminister Erzellenz von B i l i n s k i, als Präsidenten des großen Aktionskomitees zugunsten der galizischen Flüchtlinge. Notiz. Jüdische Bühnr. (Dir. M. Siegler.) Hotel Stefanie, 2. Bezirk, Taborstrahe 12. Freitag den 23., Samstag den 24. Ortober 1£&4: „Schir Haschiri m", Operette von A. Schor. Sonntag den 25., Montag den 26.: „D u s T o j r a l e", von Tomaschefsky. — Sonntag den 25. Nachmittags-Vorstellung: „Emes und Scheke r". Anfang 1 A Uhr. — Dienstag den 27., Mittwoch den 23., Donnerstag den 29.: „D i e Weibe r", Lebensbild mit Gesang. - Karten im Vorverkauf im Hotel! Stefanie beim Portier. Theobald Uffenheimershe Studentenstistung. Verlieh:» werden: Vier Stipendien mit dem Iahresbetrage von je Kronen 275, und zwar je eines an einen Hörer der juridischen, medizinischen und philosophischen Fakultät der k. k. Universität in Wien und an einen Hörer der k. k. Technischen Hochschule in Wien für die Dauer des Studienjahres 1914/15. In diesem Studienjahre sind nur Hörer israelitischen Bekenntnisses anspruchsberechtigt. Vorzugsberechtigt find: Verwandle des Stifters, dann nach Wien zuständige oder im Bezirke Leopoldstadt in Wien oder in Wien überhaupt geborene Bewerber. Dem Gesuche sind beizulegen: Geburts- und Heimatsschein, Armuts- oder Mittelkosigkeitszeugnis, Maturitätszeugnis, Impfzeugnis, Studiennachweis und eventuell Nachweis der Verwandtschaft^ Einreichstelle: Magistrats-Abteilung XIII. Einreichungsfrist: Bis 14. November 1914. Gustav Figdorfche Stipendien. Verliehen werden: Für das Studienjahr 1914/15 drei Gustav Figdorsche Stipendien im Betrage von je 1000 Kronen an je einen armen, durch Fleiß, Sitten und Geistesgaben hervorragenden Hörer der Rechte, der Medizin und der Philosophie (Naturwissenschaft) in Wien; und zwar wird beteilt je ein Studierender des katholischen, protestantischen oder evangelischen und des israelitischen Bekenntnisses. Dem Gesuche sind beizulegen: Tauf- (Geburt-) Schein, Impfzeugnis, Heimatschein, Armuts- (MittellosigkeUs--) Zeugnis, Maturitätszeugnis und Studiennachweis. Einreichstelle: Magistrats-Abteilung XIII. Einreichungsfrist: Bis 31. Oktober 1914.

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