Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 42 (23.10.1914)
- Date
- 1914-10-23
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 734 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 42 Frau N. Scheuer, Frau Pros. Adler, Frau N. Lissauer, Adolf Fried, Frau Martha Roscnspitz, Frau Baechrr, Frau Direktor Regine Ullmann, Frau Düetror Siranay, Frau R. Eisenhammer, Frl. Amalia Hecht, Frau KainUla Bloch, Frau 9!. Kann, Frau Nanny Kornfeld, Fa. A. Gerngrotz, Frau Sofie Engel, Frau Dr. Horowitz, Fa. M. Kneller, Frau R. Altmann, N. N., Frau N. Baruch, M. Spitzer, Frau Ludwig Schütz, Frau de Majo, Frau Alice Schwarz, Frau Bianca Loitersdorf, Josef Weiner, Frau R. Fürst, Frau N. Juchelka, Hofrat Dr. I. Löwner, Dr. S. Schwarz, Albert Kurt, Dr. Josef Müller in Baden, Frau N. Steiner, Berthold Belial, Gustav Hessel, Frau Jenny Nagclstock, Frau Rosa Hahn, Frau N. Löwenbach, Hugo Reit, Frau Jlla Liebmann, Frau Eustao von Maulhnor, Frau Stefan Aobiktchor, Frau Anna Holischer, Frau Dr. R. Ha p^n, Fua i Sofie Lederer, Frau N. Goldschmidt, Fa. I. I. Le'ntaus, Eduard Rosenwasser. Weitere Geld- und Natu alspenden (Wä'che, warme Kleider, Schuhe, Dcflen usw.f werden im Bureau der J-raelitischen Allianz. 2. Bezirk, Untere Donaustra^e 33, dankend entgegengenommen. Geldsendungen können auch durch die Postsparkasse (Scheckkonto Rr. 8152) übermittelt werden. Feuilleton. Neujahrsgaltesdienst im Gefangenenlager non Kerryerrnexo. Von Mar Szabolcsy. Es halsen die Behörden, es half das Publikum, man hals von allen Leiten und es half vor allein — gelobt sei sein heiliger Name in Ewigkeit — der allmächtige Gott, dem unser Opfer gefällig war. Nur so war am soeben verflossenen jüdischen Neujahrsfeste jener einzige Gottesdienst in dem Lager von Kenyermezö möglich geworden, wie man einen ähnlichen bei uns oder anderswo kaum noch gesehen hat. Als ich den Gedanken einige Tage vor dem Feste in meinem Blatte auswarf, tat ich es selbst nur zaghaft. Ich fürchtete Hindernisse allerlei Art, befürchtete Störungen, und es gav ganz besonders Kluge, welche die Durchführung für unmöglich erklärten. Kaum war jedoch der Gedanke in die Ocssentlichkeit gedrungen, hatte er die Herzen ergriffen, klein und groß förderte ihn, und unter dem von der Lonne prachtvoll bestrahlten wolkenlosen freien Himmel Gottes haben am 21. September vormittags Tausende jüdischer Kriegsgefangener sich vor dem Schöpfer gebeugt, indem sie in uralten Gebeten in heiliger hebräischer Sprache vor seiner Allmacht ihr Herz ausschütteten. Noch niemals gab es eine so hinreißende Andacht, ein solch tiefinneres Schluchzen, eine so helle Freude. Zentnerschwere Lasten fielen von den Herzen der Unglücklichen, nach langer Zeit hatten sie sich selbst. wiedcrgcjundcn. Denn sie durften an diesem hochheiligen Festtage nach dem Ritus beten und das Wort der Thora vernehmen. Erschütternd war es anzuschen, als sie die Thora erblickten. Sic schrien aus, mit ausgestreckten Armen eilten jie ihr entgegen. „Die Thora!" sprachen sie mit glänzenden Blicken voll unbeschreiblichem Entzücken. Ein Augenblick, ihr Auge füllte sich mit Tränen. Bon allen Seiten war ein Schluchzen hörbar. Das Schluchzen des Glücklichen, wie wenn das treue Kind nach langer Abwesenheit seine teure, liebe Mutter an seine Brust drückt. Schon glaubte ich, .daß wir den Gottesdienst nicht würden abhalten können. Es war schon etwas spat, als ich zum erstenmal bei den Gefangenen war und die Entdeckung machte, wie sehr ihre Seele nach Gott dürstet, wie ihr Herz zusammenkrampst bei dem Gedanken, daß die ehrfurchtsvollen, großen Festtage herannahen und sie nicht teilnehmen konnten an einem gemeinsamen Gottesdienst. Für den religiösen Juden birgt schon der Gedanke an eine solche Möglichkeit etwas Schreckliches in sich. Daß sie dennoch au einem Gottesdienste teilnehmen würden, an dieses Wunder dachten sie gar nicht, das entnahm ich ihren entsagenden Seufzern. Die Sache hatte nämlich den Haken, daß, da es sich um Kriegsgefangene handelte, um die Erlaubnis beim Kriegsministerium in Wien altgesucht werden mußte, was ich anfangs nicht wußte. Alles aridere ging von selbst. Die Esztergomer Kultusgemeinde hatte sich mit wahrer Begeisterung in den Dienst der Idee gestellt, und besonders ihr Rabbiner bemühte sich stark um deren Durchführung. Das Publikuni — es klingt fast unglaublich — hat über 1700 gottesdienstliche Gegenstände (Sidurim, Machsorim, Tefillin und Arba-Kansos) über unseren Aufruf binnen wenigen Tagen an die Erste Gomer Kultusgemeinde gelangen lassen. Das ist jener Teil des Publikums, der überall gibt, sich für alles Edle begeistert. Möge auch der liebe Gott alle seine Angehörigen segnen. Man brauchte Geld für seinen würdigen Kantor. Ich wandte mich an den Kultusvorsteher der Pester KuG tusgemeinde und nach zwei Stunden war der Kantor uub war das Geld gesichert. Das tat dieselbe Kultusgemeinde, welche seit Wochen Hunderte armer Flüchtlinge versorgt und deren Lasten seit dem heiligen Kriege in demselben Maße stiegen, in welchem ihre Einnahmen gesunken sind. Aber auch die Frage der Bewilligung wurde mit Liebe behandelt. Unsere Landeskanzlei, beziehungsweise deren Präsident Dr. Moritz Mezei und Vizepräsident Dr. Franz Mezei wandten sich mit einem Gesuche nach Wien und, da die Sache dringlich war, auch gleichzeitig an die Wiener Kultusgemeinde, welche in der Angelegenheit auch unverzüglich interveniert hat. Zum Lobe des Kriegsministers will ich es sagen, daß der Wiener Kultuspräsident euren leichten Standpunkt hatte. Der Kriegsminister hat die angesuchte Bewilligung bereitwilligst und unverzüglich erteilt. Es wirft auf die Gottesfurcht und edle Nächstenliebe Seiner Exzellenz ein schönes Licht, daß er mehr bewilligen wollte, als man von ihm zu bitten gewagt hatte. Er verfügte nämlich!, daß die alt der Andacht Teilnehmenden mit Festbrotelt verschen werden sollen. Die Bewilligung gelangte erst dreißig Stunden vor dem Neujahrsfeste in Ester Goü an. Die Vorbereitungeil wurden nun rasch gemacht. Am Morgen des Festes führten unsere Soldaten die endlosen Reihen der russischen Gefangenen nach eineni Punkte, wo eil! kleiner, rnit schönem weißen Seidcnvorhange behängter Schrank stand. Da ihre Reihen sichstark in die Länge zogen, konnten die Gefangenen den Schrank kaurn sehen, umsoweniger, als ihre Aufmerksamkeit von allem Anfänge an nach anderer Richtung hmgeleukt wurde. Man stellte sie vor einer Reihe von in steinen Abstanden nebeneinander befindlichen kleinen Hügeln auf. Nun wurden von diesem Häuslein die Tücher, mit denen sie bedeckt waren, weggezogen, und die Gefangenen lvurden aufgefordert, der Reihe nach zu wählen. Es waren dies nämlich die für das Fest bestimmten hebräischen Gebetbücher uub Gebetmäntel. Welchen Eindruck dieser Anblick auf die Gefangenen, welche noch immer nicht wußten, daß für sie ein Gottesdienst vorbereitet wurde, gemacht hat, läßt sich hier nicht beschreiben. Sicher ist bloß, daß selbst die abgehärteten Wachen Tränen aus ihren Augen wischten. Wer einen Tallis erlangte, hüllte seinen Kops damit ein uub rief weinenh die Namen seines Kindes, seiner Mutter und seines Weibes. Wem ein Buch zufiel, der preßte es mit beiden Händen an seine Lippen, küßte es schluchzend und küßte cs immer von neuem. Als ob von dem Herzen eines jeden einzelnen bei dem Anblick der heiligen Gegenstände ein Stein gefallen wäre und dadurch die Tränenquelle, welche die Brust zu sprengen