Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 35 (28.8.1914)
- Date
- 1914-08-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 600 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 35 DittrLch, k. k. Richter Dr. Schwe tz, Steueramtsverwalter Beran, Grundbuchführer Pokorny, die k. k. Gendarmerie, die Lehrkörper der Bürgerschule und der Volksschulen, die Vertreter der Genossenschaften, Abordnungen der Freüvilligen-Feuerwehr und des Veteranenvereines und noch viele andere. Der neugewählte Rabbiner Herr Dr. F e r d a hielt die Festrede. Die Gesänge wurden von Herrn Oberkantor Roth unter Mitwirkung mehrerer Herren in vorzüglicher Weise vorgetragen. Mit der Absingung der Volkshymne schloß die erhebende Feier. In Amstetten fand am 18. August, nachmittags, die Kaiserfeier statt. Herr Bezirksrabbiner Dr. Berti s ch hielt die Festpredigt. Die kantoralen Funktionen versah Tempelvorsteher A. Deutsch. In V u k o v a r erschienen zur Kaiserfeier im Tempel die Spitzen der Behörden mit sämtlichen Beamten und ein außerordentlich zahlreiches Publikum aller Kon- .sessionen. Oberkantor Schwarz rezitierte die Kaiserpsalmen, Herr Oberrabbiner Dr. Julius D i a m a u t hielt eine ergreifende patriotische Festrede. Im Bethausverein „Oseh Tow", Wien, III., Obere Viaduktgasse 12, hielt im Beisein des Gesamtvorstandes und einer zahlreichen Versammlung Herr Rabbiner Winter die Festpredigt. In Biala fand am 18. August, 12 Uhr mittags, ein Festgottesdienst statt. Die Festpredigt hielt der Vereinsrabbiner Herr Halb er st am. Die Kaisergebete verrichtete Kantor Baumann. Zum Schlüsse der Feier wurde die Volkshymne angestimmt. Nachahmenswertes Beispiel. Wir haben in voriger Nummer berichtet, daß ein kinderloses Ehepaar ein Waisenmädchen annehmen will. Die betreffende Dame, Frau Helene Rosenfeld, hat sich nun eines Reservistenknaben, dessen Mutter stündlich im Krankenhaus der Entbindung entgegensieht, aufs liebevollste angenommen, ihn völlig bekleidet linb hält ihn wie chr Kind. Hoffen wir, daß dies Beispiel Nachahmung findet und viele kinderlose Eltern sich die Ausregungen des Weltkrieges lindern, indem sie ein armes Kind, das alles entbehren muß, als Sonnenschein in ihr Haus‘ aufnehmen. Verein Fraucnhort, IX., Müllnergasse 21. Obwohl dieser Verein fast der einzige ist, der, trotzdem er seine Mittel zur Unterstützung der vom Krieg betroffenen Familien gänzlich erschöpft, bis jetzt weder an seine Gönner noch an die Oefsentlichkeit herangetreten ist, so haben sich ihm bis jetzt freiwillig bei fc hier Beliebtheit viele Mitglieder zur Verfügung gestellt, die seinen Kindern Freitische gewähren, wie fast alle Vorstandsdamen Verwundete in Pflege nehmen oder Kinder bei sich tagsüber aufnehmen. Eine Herzenspflicht ist es aber, dem Frauenhort und seiner glänzenden jugendlichen Hilfskraft, Frl. Johanna L u r y, zu danken, die dem Ferienheim über 200 Freitische zur Verfügung gebracht hat, während das Ferienheim alle Schützlinge des Frauenhortes mit Tischen versieht. Die böse Kriegszeit zeitigt überhaupt als Schönstes einen regen Zusammenschluß . aller Vereine und Fahnen, die das schier grenzenlose Elend der vom Krieg Betroffenen lindern wollen. Spenden. Dem.Vereine zur Errichtung von Volksküchen (nach israelitischem Ritus) sind zur unentgeltlichen Verteilung von Speisemarlen an Reservistenfamilien und Arbeitslose zugekommen: Familie Loew Kronen 50 (Kranzablösungsspende für weiland Frau Kolisch). Herr Jacques Balog 20, Herr Karl Heller 5, Frl. Doris Schulhof 10, Frau G. W. 20, A. I., XIII. 5, FrRu Hedwig Sachs 20, Herr Michael Lichtenstern 20, Herr Josef Ratz 6, Herr Dr. Jakob Nirenftein 20, Herr Ludwig Bauer 25, Herr Dr. Weisengrün 20, Herr Alfred Kohn 2, Frau Gisela Zirner 5, Tarokpartie Professor Königstein 10; hiezu die bereits ausgewiesenen Kronen 569.50, zusammen Kronen 807.50. Mädchen-UnterMtzMigsvercin, Wien, IX., Seegasse 16. Der Mädchen-Unterstützungsverein beruft die Schülerinnen der Frauengewerbeschule, die gegenwärtigen sowie die absolvierten und derzeit arbeitslosen, zur Uebernahme von gezahlter Näharbeit (Militär- und .Krankenwäsche) ein. Anmeldungen von Donnerstag, den 27. ds. an, zwischen 3 und 5 Uhr nachmittags, in der Schulkanzlei, IX., Seegasse 16. Richter Jakob Teitel über die unerträgliche Lage der Juden in Rußland. In der Nummer vom 31. Juli, der letzten, welche vor dem Kriegsausbrüche hier eingelangt ist, veröffentlicht der Londoner „Jewish Chronicle" eine Unterredung mit Herrn Jakob Teitel, dem einzigen Juden, der in Rußland ein Richteramt bekleidet hat. Richter Teitel weilte in London und äußerte sich über die Judenfrage in Rußland unter anderem wie folgt: Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Die Lage der russischen Juden Wird von Tag zu Tag schlechter und unhaltbarer. Selbst in Rußland ist man sich nicht überall darüber klar, in welch schrecklicher Lage sich die Juden befinden. Destoweniger vermögen es unsere Brüder im Auslande zu ermessen. Die rechtseinschränkenden Verfügungen haben nicht nur an Zahl zugenommen, sondern auch in bezug auf die Strenge und Hartherzigkeit, mit welcher sie zur Ausführung gebracht werden. Der russische Jude kann buchstäblich keinen einzigen Schritt in seinem Leben unbehelligt und unbelästigt tun. In mancher Beziehung wird er jetzt sogar daran gehindert, irgendein Handwerk oder eine Handarbeit zu. machen. Hiegegen gibt es nur ein Mittel, nur dieeine Möglichkeit einer Erleichterung im gegenwärtigen Augenblick, und das ist die Auswanderung. Das bedeutet sicherlich nicht die Lösung des rüssisch-jWischen Problems, da es nätürgemaß unmöglich ist, die Auswanderung von nahezu sieben Millionen Menschen durchzuführen. Die Lösung niuß in Rußland und auf russischem Gebiete gefunden werden. Die Auswanderung ist ein großer Segen für diejenigen, deren Leben infolge von Vertreibung aus ihren früheren Wohnplatzen daselbst unmöglich gemacht wurde. Richter Teitel gibt nun der Meinung Ausdruck, daß an der Lösung dieser schweren Frage alle Juden Mitarbeiten sollten. Die Tendenz der russischen Gesetzgebung war, ganz besonders in der letzten Zeit, aus den Juden unkultivierte Wilde zu machen, während sie selbst nach Kultur dürsten und deshalb die Quellen der Kultur selbst auf den gefährlichsten Wegen aufsuchen. Zum Schlüsse appelliert Richter Teitel an die englischen Juden, damit sie ihren Einfluß sowohl in politischer als auch in finanzieller Hinsicht zugunsten der russischen Juden geltend machen. Wie jämmerlich klingt dieser Herzensschrei eines mit den.Verhältnissen so gut bekannten russischen iJuden gegenüber dem verlogenen gleißnerischen Appell des Pogromzaren „An meine lieben Juden". Und wie bitter enttäuscht wird sich heute Richter Teitel und mit ihm das gesamte Judentum und jeder zivilisierte Mensch fühlen, seitdem er die hinterlistigen Umtriebe des hochkultivierten England zugunsten des Despotenzaren kennen gelernt hat. Unterbrochene Judenaustreibung aus Liebau. Newyorker Blätter melden: Mit dem Ausbruche des Krieges und ganz besonders durch die gleich zu Beginn der Feindseligkeiten zwischen Deutschland und Rußland erfolgte erfolgreiche Beschießung des Häsens von Liebau hat auch eine der vielen barbarischen Maßnahmen der Behörden des Zaren eine wohltuende Unterbrechung erfahren. Auf Grund einer der vielen verruchten „Senatserklärungen" wurden nahezu sämtliche jüdischen Handwerker von Liebau, welche Jahrzehnte hindurch in der