Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 34 (21.8.1914)
- Date
- 1914-08-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3022089-3022124--23388-3048584- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
iiiwmr ©fite 588 Dr. Bloch's Wochenschrift 34 Hause in der Bahnhofstraße staute sich die Menge uitb man konnte im Antlitz zahlreicher Trauergäste den aufrichtigsten Schmerz lesen über den Verlust eines Mannes, dessen humanes Wirken in aller Stille von Tausendeil erkannt worden war. Unter den vielen Trauergästen konnte man neben den ungezählten persönlichen Freunden und Bekannten auch Herrn Bezirkshauptmann Dr. Edlen von Gschmeidler, den Bürgermeister der Stadt Mähr.- Ostrau Herrn Dr. Fiedler,- Herrn Vizebürcjermeister Baurat Gl aß ne r sowie zahlreiche Repräsentanten der Behörden und Aemter bemerken. Korporativ vertreten war der Ausschuß der israelitischen Kultusgemeinde unter Führung des Präsidenten Dr. Hilf, der Vorstand des Wohlfahrtsvereines Bikur Chaulim, der Vorstand des Vereines jüdische Volksschule sowie alle übrigen jüdischen Vereine und Korporationen. Auf dem Friedhofe angekommen, rvurden zunächst die Trauerzeremonien abgehalten und die Gebete gesprochen. Es ergriff sodann Se. Ehrwürden Rabbiner Dr. Spira das Wort zu einer tiefergreifenden Trauerrede. Dr. Spira führte aus: „Schlichtheit und Gradheit behüten mich; denn ich . harre dein." Schlichtheit und Eradheit waren Quell- und Mittelpunkt seines Wirkens, seiner Hingebung für die Gemeinde und für die Familie. Es hat selten jemand für seine Gemeinde solchen Opfermut bekundet wie der Verblichene. Er war in allen Zweigen der Gemeindeverwaltung tätig, auf dem Gebiete des Schulwesens, des Gottesdienstes und der Armenpflege. Wer hatte noch ein so warmes Herz für die jüdische Schule? Wer besuchte noch so fleißig den Eottesdicnst an Sabbaten und Feiertagen? Er wirkte, segensreich als Obmann der Armensektion, als Obmann des Bikur Ehaulim- Vereines. Schlicht und gerade war sein Wesen; da war keine Pose, nichts Gekünsteltes, nichts Gemachtes. Er sprach so wie er dachte, und alle die ihn kannten, würdigten seinen Mannesmut und fein offenes, rückhaltloses Wesen. „Schlicht und gerade" war er in seinem Familienleben. Er hatte das Glück, eine gleichgesinnte Gattin zu haben und selten hat ein Ehepaar so segensreich zum Heile der Wohhtätigkeitsanstalten gewirkt. Seine Kinder verehrten ihn wie einen Patriarchen, seine Enkelkinder waren die Freude und Wonne seines Lebensabends. Als er vor einigen Monaten seinen 70. Geburtstag feierte, da nahm die ganze Gemeinde an diesem Feste Anteil in Dankbarkeit und Verehrung. Und wie er gelebt, so starb er auch, ruhig und gefaßt. Als er sein Ende herannahen fühlte, klagte und jammerte er nicht, er blieb gefaßt im Vertrauen auf Gott, in dem und mit dem er gelebt, er rief seine Gattin und seine Kinder und nahm Abschied von ihnen. Die Gemeinde wird seiner nicht vergessen. Wie es im dieswöchentlichen Prophetenabschnitte heißt: „Kann je eine Mutter ihres Kindes vergessen?" Eingegraben hat er sich mit unauslöschlichen Zügen in die Geschichte unsrer Gemeinde." Die Herren Oberkäntor Löwy und Kantor K läger sangen am offenen Grabe mit tiefer Empfindung die Trauerlieder. Als die Gesänge verstummt waren, trat der Präsident der israelit. Kültusgemeinde Herr Dr. Alois Hilf an das offene Grab, um in ergreifenden Worten immens der Kültusgemeinde und im eigenen Namen Abschied zu nehmen von dem verdienstvollen und allseits verehrten Toten. Herr Dr. Hilf führte aus: „Treuer, guter Freund, lieber guter Bruder! Jetzt heißt es Abschied nehmen, im eigenen und im Namen der großen Gemeinde und Deiner Brüder! Abschied nehmen für immer. In ein Meer von Jammer taucht meine Liebe bei diesem Gedanken; gilt doch dieser Abschiedsgruß einem Mann, dem ich durch ein Menschenalter als Freund nahegestanden und mit dem mich das Zusammenwirken im Dienste unserer heiligen Gemeinde durch mehr als drei Jahrzehnte in beinahe täglichen Verkehr brachte. Wie kaum irgend einem war es mir vergönnt, Deine hervorragenden geistigen und seelischen Eigenschaften, Deine hohen Tugenden, Dein ausgeprägtes Pflichtgefühl, Deine begeisterte Anhänglichkeit für unser altes Judentum, Deinen regen Sinn für richtig angewandte Wohltätigkeit, Dein heilsames Wirken für das allgemein Veste, für das Gute und Edle zu verstehen und zu würdigen. Dir war es Bedürfnis, zu helfen, Not und Elend zu lindern, Kranke zu besuchen, Witwen und Waisen zu unterstützen und den Opfern der Verfolgung beizustehen. In dieser Erkenntnis fühle ich den Schmerz, den Dein Hingang uns allen bereitet, doppelt tief und schwer, deshalb ertönt mein Klageruf desto inniger und trauriger. Wenn es Dir auch vergönnt war, ein Alter zu erreichen, von dem der Psalmist sagt, daß es ein hohes genannt werden könne, uns allen starbst Du viel zu früh und doppelt beklagenswert in. einem Zeitpunkte, in welchem wir im Dienste der Wohltätigkeit auf Deinen weisen Rat und Deine unermüdliche Tätigkeit werden verzichten müssen. Der unerforschliche Ratschluß des Ewigen hat es anders be-, schlossen, als wir es gehofft. Gottergeben müssen wir uns in das Unabänderliche fügen; doch wenn auch Deine sterbliche Hülle der kühlen Erde überantwortet wird, zu der sie zurückkehrt, die gute Saat, die Du auf Deinem. irdischen Wandel, durch Dein vorbildliches Familienleben, durch Dein öffentliches Wirken,, durch Deine guten Taten ausgestreut hast, werden herrliche Früchte tragen und die Erinnerung an Dich wird zum Segen gereichen Allen, die' nach Deinem Vorbilde wirken und schaffen. Und nun ruhe denn in Freden in Deinem Ehrengrabe, das Dir dre Gemeinde in Anerkennung Deiner hervorragenden Verdienste gewidmet hat, Du treuer, guter Freund und lieber Bruder, Deine reine Seele aber schwinge sich aus und werde teilhaftig des ewigen Lichtes, dessen Du Dich durch Deinen tadellosen Lebenswandel als frommer, gradsinniger Mann würdig machtest. Dein Andenken sei gesegnet für und für!" Mit der Ansprache des Herrn Dr. Hilf, die einen überwältigenden Eindruck auf alle Anwesenden ausübte, war die Trauerfeierlichkeit geschlossen. Mödling. (S y n a g o g e n w e i h e.) An die Stelle des alten Bethauses, das sowohl in gesundheitlicher als auch primitiver Hinsicht schon längst nicht mehr den Anforderungen der wachsenden Gemeinde entsprochen hatte, wurde nunmehr von der israelitischen Kültusgemeinde Mödling durch Anregung und opferwillige Hingebung ihres sehr verdienstvollen Knltusvorstehers Herrn Ignaz Belai eine neue Synagoge erbaut, die, nach den Entwürfen des bekannten Wiener Architekten Herrn Ignaz Reiser ausgeführt, einen imp osanten Anblick gewährt und in ihrem romanisch-deutschen Stil iutb inneren Ausstattung als eine neue Zierde der Stadt bezeichnet werden darf. —- Die Einweihung dieses neuen Gotteshauses, die gleichzeitig mit einer Geburtstagsfeier für unseren geliebten Kaiser verbunden wurde, fand Sonntag den 16. d. M., 4 Uhr nachmittags, unter Beteiligung zahlreicher Honoratioren und eines vielhundertköpfigen Publikums statt. In dem mit patriotischen Farben und Blumen geschmückten Gotteshause, das ein Verdienst des Ausschußmitgliedes Herrn Ferdinand Diamant ist, sei das Erscheinen folgender Gäste besonders hervorgehoben: Generalmajor v. Merkl, Oberstleutnant Kreutzbruck v. Lilienfeld mit einer Abordnung der Technischen Militärakademie, Bezirkshauptmann F ü ch s mit mehreren Beamten, Bürgermeister Ländtagsabgeordneter T a m u s s i n o und Vizebürgermeister Fiedler, Landesgerichtsrat Dr. T r i e b e n b a ch e r, 'Stadtpfarrer Dechant F u ch s, evangelischer Pfarrer Stiller und Kurator Dr. Polak, in Vertretung der Wiener Kültusgemeinde erster Vizepräsident Landesschulrat Dr. Gustav Kohn und erster Sekretär kais .Rat Dr. Liehen, Gymnasialdirektor Regierungsrat Dr. Franz Raths am, die Erbauer der Synagoge Architekt Ignatz Reiser und Baumeister K r i s ch usw. usw. Eine Abteilung der MödliiMr Bürger- und Feuerwehr sorgte für die Aufrechtcrhaltung der Ordnung. — Eingeleitet wurde die Feier mit dem herrlichen Mah taüwn sinkt Kantor und Chor von Sulzer. Daraufhin erfolgte das Änzünden des ewigen Lichtes durch Herrn Rabbiner Dr. David Feuchtwang aus Wien, welcher die heilige Handlung mit erhebenden Worten begleitete. Daran schloß sich die feierliche Einholung der Thorarollen, wobei inzwischen der gutgeschulte Chor aus Wien unter der bewährten Leitung seines Dirigenten I. Porth den berühmten Hallelujah von Sulzer vortrug. Nach der tiefdurchgeistigten und erhebenden Weihepredigt des Herrn Rabbiners Dr. Leo B a r d o w i c z trug Herr Oberkantor Ignaz Falk unter