Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 23 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 599 halten hinlängliche Ausbildung zum Besuche einer Jeschibah. Sehr an Umfang hat die Horaah (Entscheidung ritueller Fragen) zugenommen, so daß die beiden Herren Rabbiner Fürst und Rabb. Ass. Baumgarten zeitweise die an sie gestellten Anforderungen nicht bestreiten sonnten. In einer großen Anzahl von Fällen hat der Vorstand interveniert, wenn Eltern darüber Beschwerde führten, daß ihre Kinder in der Schule wegen der Sabbatheiligung Unannehmlichkeiten hatten. Die Interventionen erfolgten in allen Bezirken, auch wenn die Beschwerdeführer in seiner Beziehung zur Schiffschul standen, immer mit dem vollsten Erfolge. — Ueber die Kassagebarung berichtete Herr Glückselig, der darauf verwies, daß das Budget des Vereines derzeit sich auf 65.000 Kr. belaufe, dazu komme noch das Budget der affiliicrten Vereine, wie Bet Hamidrasch, Jesode Thora, Religionsschule, Tomech Gvojenim re., mit einem weiteren Aufwande von inehr als 55.000 Kr. An den Wohltätigkeitseinrichtungen nahmen Arme ohne Unterschied der Heimatsberechtigung teil. Herr Spitz berichtete namens der Revisoren, daß alle Rechnungen und Belege genau geprüft und in Ordnung befunden wurden' er beantragte, dem Vorstande das Absolutorium zu erteilen. Die nun folgende Debatte wurde von der Klage über die hohen Fleischpreise beherrscht und gestaltete sich stellenweise ziemlich lebhaft. Es sprachen die Herren Gabriel F i s ch e r, Joses Ster n, Siegmund F i g d o r. Mich. Neu m a n n. Moritz Fels e n b u r g, Isidor A u st e r l i tz, Moses K l e i n. Hervorzuheben find die Ausführungen des Herrn Moritz Leitner, der in temperamentvoller Weise an der Hand von Ziffern darlegte, daß der Fleischpreis übermäßig hoch sei; die Ritualspesen seien so niedrig, daß sie die Preisdifferenz nicht rechtfertigen. Herr David Fleisch mann übte an diesen Ziffern teilweise Kritik. Sehr wirkungsvoll sprach Herr F r o m m e r denr Vorstande den Dank für die strenge, prinzipientreue Leitung dieser ersten und größten thoratreuen orthodoxen Organisation Oesterreichs aus. Kultusvorsteher Emanuel Grünwald brachte die .Anerkennung mtd den Dank des Kultusgenreindevorstandes für die nrusterhaste Führung des Vereines zum Ausdrucke. Hier ist wahres Judentum zu Hause. Die Abstimmung über den Antrag Spitz ergab dessen einstimmige Annahme. Bei den nun folgenden Wahlen wurden 124 gültige Stimmen abgegeben; es wurden die bisherigen Vorsteher Samuel G l ü ck s e l i g mit 114, Dr. Reiniger mit 112, Jakob Stern mit 112, Philipp Back mit 110, Siegmund B o n d i mit 98, Berthold Stroh mit 89 Stimmen gewählt. Herr Adolf Fischer blieb mit 46 Stimmen in der Minorität. Zu Revisoren wurden die Herren Bernhard H o f b a u e r, Ernil Neurath und Artur Spitz gewählt. Nachdem der Vorsitzende einige Anfragen beantwortet hatte, tourde die Versammlung geschlossen. Ehrung und Abfchiedsfeier iu Jglau. Im Laufe des 50jährigen Bestandes einer Gegreinte gibt es schwere und erhebende Stunden. Eine solche Stunde, in der die Deeken in Wehmut und doch in hoher Freude erklingen, war für die hiesige israelitische Kwltusgemeinde gekommen. Freilich, ein hoher Preis tvar es, um den diese Feierstunde erworben rvard. Herr kais. Rat Adolf Lieblich nahm von seinem Amte als Kültusvorsteher, das er durch vier Jahrzehnte inne hatte, Abschied. Mit aufrichtigem Bedauern hatten Vorstand und Gemeinde von diesem, Entschlüsse Kenntnis genommen. Die herzlichsten Bitten, dieses Ehrenamt weiter zu führen, glaubte Herr kais. Rat Lieblich mit dem Hinweis auf die Bürde seiner Jahre nicht erfüllen zu können. So galt es' nun, dem um die Gemeinde so außerordentlich verdienten und allseits wahrhaft verehrten Manne die tiefempfundene Dankbarkeit und liebevolle Verehrung in einer Form zum Ausdruck zu bringen, die seinem schlichten, jeder Äußerlichkeit abholden Charakter entsprechen sollte. Im Sitzungssaale der Gemeinde, der in seinem Schmucke einem Garten glich, ^hatten sich der Vorstand und der Gemeindeausschuß, Le. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. Friedrich Weiß und die Beamten und Angestellten der Gemeinde, die Vertretungen aller der Gemeinde angegliederten Körperschaften und Vereine und verschiedene Gaste eingefunden. Nachdem Herr kais. Rat Lieblich von zwei Vorstandsmitgliedern eingeführt worden rvar, begrüßte der. Nachfolger im Amte, Herr Simon Feldmann, ihn und die Anwesenden in herzlichster Weise und erteilte Herrn Dr. Ed. Kraus dem neugewählten Vorsteher-Stellvertreter, das Wort, welcher nachstehende Festrede hielt: Hochverehrter Herr kaiserlicher Rat! Als der Kultusausschuß, Ihrem wiederholt geäußerten Ruhebedürfnis entsprechend, Ihre Resignation auf das Amt des Kultusvorstehers, das durch Sie zum Ehrenamte im eigentlichen Sinne des 'Wortes ausgestaltet worden ist, zur Kenntnis zu nehmen sich genötigt sah, als dessen wiederholte und dringende Bitten, Sie auch weiterhin als Führer und ersten Ratgeber der Repräsentanz in seiner Mitte zu sehen, leider vergebens blieben, da war wohl niemand in der Kultusgemeinde, der bei dieser Nachricht nicht das Gefühl aufrichtigen Bedauerns und tiefster Wehmut empfunden hätte. Namentlich aber wir Mitglieder des Kultusausschusses, die wir seit einer langen Reihe von Jahren gewohnt waren, unter Ihrer Leitung an der Verwaltung' der Kultusgemeinde teilzunehmen, die (las Glück hatten, aus dem reichen Schatze Ihrer durch Dezennien erworbenen Erfahrungen schöpfen zu können, und Zeugen waren Ihrer mustergiltigen, objektiven und sachlichen Führung der Geschäfte und Ihrer alle Gebiete der weitverzweigten Aufgaben der Kultusgemeinde umfassenden Kenntnisse, wir haben insbesondere Ihre Resignation schmerzlich empfunden. Und mit uns mußten nicht minder alle mit unserer Kultusgemeinde verbundenen und die sonstigen hier für die Interessen des Judentums wirkenden Vereine und Institutionen, deren Förderung Ihnen stets ein Herzensbedürfnis war und für die Sie hei jeder Gelegenheit mit Mort und Tat sich einzusetzen bemüht waren, sowie die Beamten und Angestellten unserer Kultusgemeinde, die in Ihnen mit Recht einen warmherzigen, für ihre Interessen jederzeit bedachten Freund und Fürsprecher erblicken konnten, Ihren Rücktritt als einen schweren und unersetzlichen Verlust bedauern. Die ungewöhnlich lange Dauer Ihrer Amtswaltung, die große, kaum zu überblickende Fülle der in dieser Zeit an Sie gestellten und von Ihnen bewältigten Aufgaben, die. reichen Erfolge, die Ihre hingebungsvolle Tätigkeit für die Kultusgemeinde gezeitigt hat und nicht zuletzt — wohl müssen wir auch dies trotz aller Rücksichtnahme auf Ihre jede Anerkennung abwehrende Bescheidenheit hervorheben — die persönlichen Vorzüge rechtfertigen und erklären gewiß diese allseitige warme Anteilnahme an diesem ungewöhnlichen, die Kultusgemeinde tief berührenden Ereignisse. Nur wer jemals Gelegenheit hatte, die Tätigkeit eines Obmannes einer großen Korporation näher kennen zu lernen, vermag die Unsumme > on Arbeiten, die schwere Bürde und die große Verantwortung zu beurteilen und zu würdigen, die eine solche Stellung mit sich bringt, die vielen Sorgen, Aufregungen und Unannehmlichkeiten, die damit verbunden sind. Und um wieviel mehr gilt dies erst von dem Amte eines Vorstandes einer Kultusgemeinde von dem Range und der Bedeutung, wie dies unsere Gemeinde ist, deren Verwaltung, abgesehen von der großen Arbeitshust, einen ungewöhnlichen Aufwand von Selbstbeherrschung, Klugheit und Menschenkenntnis erfordert, um alle leider so häufig sich äußernden Divergenzen auszugleichen und die vielen disparaten -Elemente zur gemeinsamen Arbeit zu vereinigen. Diese Last, diese große, schwere Bürde haben Sie, hochverehrter Herr kaiserlicher Rat, durch nahezu ein Menschenleben getragen, unverdrossen, unermüdlich und arbeitsfreudig, stets voll Liebe und Hingebung für die Sache, der Sie Ihr Leben gewidmet, immer von gleichem Eifer und Opferwilligkeit für die jüdischen Interessen und für das Gedeihen der Kultusgemeinde. Eine, ganze Generation ist seit dem Tage, da Sie das Amt angetreten haben, dahingegangen, neue Menschen sind