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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-05-29 · 22 (29.5.1914) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
22 (29.5.1914)
Date
1914-05-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 374 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 22 Berchtold aufmerksam, der wieder machte seine Vertrauensmänner in Durazzo aufmerksam und diese legten den Fürsten sanft in die Arme der Jesuiten, aus denen er jetzt sehr unsanft wieder herausgesallen ist. Die Priester, welche die katholische Leibwache kommandierten, flohen samt dieser bei den ersten Schüssen der Aufständischen, ebenso die Nonnen und Priester des Krankenhauses, und zum Schluß machte der Fürst sich und seine Richtung unmöglich .Wenn es bloß mit dem Verlust seines Thrones abgetan wäre und diesen jemand anderer einnehmen würde, wäre alles angenehm erledigt. Leider aber ist der Einfluß des religiös freisinnigen und neutralen Italien in ganz Albanien enorm gestiegen, was uns als loyalen Oesterreichern nicht angenehm sein kann. Unsere Interessen und die unseres südlichen Verbündeten stoßen hart zusammen, was eine begrabene Feindschaft wieder wachruft und den Dreibund schwächt. Die mühsam geschaffene Ruhe am Balkan ist zu großen Möglichkeiten der Verwicklung geworden, von denen man den Ausgang niemals im vorhinein erraten kann und während deren Dauer unsere Volkswirtschaft den größten Schaden haben wird. Das hat alles die Propaganda für den Katholizismus getan, wegen der wir uns wieder um alle Erfolge in der Politik bringen. Es wäre ein Segen, wenn wir uns endlich mit Serbien vertragen wollten, wozu uns die Frage der Orientbahnen ein Mittel gibt. Aber die Feudalen und Klerikalen erlauben das nicht. Nicht etwa bloß wegen der Einfuhr von Vieh und Getreide, welche sogar der wichtigere Teil der Bauernschaft, die alpenländische, entgegen dem Interesse der Großgrundbesitzer verlangt. Sondern unsere Monarchie soll in Waffen stehen^ gegen die Nachbarn, welche den orthodoxen Glauben als Staatsreligion haben und denen nun die Klerikalen auf Umwegen chre Macht zeigen wollen. Noch im zwanzigsten Jahrhundert soll ein Glaubenskrieg geführt werden, der gegen das Interesse der Monarchie ist, wie es gegen das Interesse der Monarchie war, daß in Albanien in unserer Einflußsphäre vor allem der Kampf um den Katholizismus ausgenommen wurde. Vielleicht kommen durch diese historischen Tatsachen die Bürger Oesterreichs zur Besinnung, was sie mit chrer Absage an den Fortschritt gegen sich selbst getan haben. vom Zabrmsrlrt des Lebens. Ein alljüdisches Parlament. (Eine Unterredung mit Israel Zangwill.) Der Herausgeber des jiddischen Tagblattes „Die Wahrheit" in Newyork, Herr L. E. Miller, hatte jüngst während seiner Anwesenheit in London eine sehr interessante Unterredung mit Israel Zangwill über dessen nächste Ziele und Bestrebungen. Zangwill gab zunächst seinem Erstaunen Ausdruck über die einwanderungsfeindlichen Bestrebungen in den Vereinigten Staaten, denen er eine kurze Dauer vorhersagte; Nordamerika sei auf die Juden angewiesen, ebenso wie die Juden auf Nordamerika. Die Lage der Juden werde immer ärger. Und wenn er auch nach wie vor am Territorialismus festhalte, so sei er jedenfalls pessimistischer und skeptischer geworden. Allein als Ausgangspunkt einer Besserung der jüdischen Lage betrachtet Zangwill die Schaffung eines ständigen alljüdischen Parlamentes. Nur entstehe die Frage: „Wer soll die Initiative hierzu ergreifen?" „Da bei uns in Europa," meinte Zangwill, „kenne ich niemanden, dessen Losungswort bei allen Parteien Beachtung finden könnte. Der einzige Mann, der genug Autorität hierzu hätte, wäre Jakob Schiff." „Nehmen Sie beispielsweise die Einwanderungsfrage," fuhr Zangwill fort, „Sie sagen ja selbst, daß die jüdische Einwanderung weniger Antipathie fände, wenn sie besser verteilt wäre, wenn die jüdischen Massen sich weniger in den Ghettos zusammendrängen möchten. Und wer könnte diese Verteilung besser durchführen als eine jüdische Welt-Organisation? Jakob Schiff ist der einzige, der hierzu die Initiative ergreifen müßte. In Europa suchen wir den richtigen Mann vergebens. Nehmen Sie zum Beispiel unseren Rothschild, den großen Rothschild. Mit ihm machte ich folgende Erfahrung: Ich habe ihn, als die Premiere meines „Schmelztiegels" stattfand, eingeladen, ich habe ihm sogar eine Loge reserviert. Dadurch wollte ich in ihm das jüdische Gefühl erwecken. Lord Rothschild hat die Karte angenommen und sogar seine Anwesenheit versprochen. Aber er kam nicht. Vor der Vorstellung ließ er sich entschuldigen. Warum, glauben Sie? Weil sich der russische Botschafter bei ihm für diesen Abend zu Besuch anmelden ließ. Sehen Sie die Ironie der Geschichte! Der König des Golus konnte das Drama des Golus nicht besuchen, weil er es vorzog, den Besuch des — russischen Botschafters zu empfangen. Dagegen kam der Botschafter der Vereinigten Staaten zur Vorstellung spontan, ohne jede Einladung, um das bedeutende Problem kennen zu lernen, das die jüdischen Bürger seines Staates zum Gegenstände hat. Sehen Sie also, warum die Einberufung des jüdischen Parlamentes nur von Amerika und von keinem anderen Staate ausgehen kann? Die ganze Welt, muß die schreckliche Lage des jüdischen Volkes kennen lernen! Deshalb benötigen wir ein alljüdisches Parlament. Und nur Amerika, aber kein anderes Land muß hierzu die Anregung geben." Eine Aktion der B'npi-B'rith für die Balkanjuden. In Konstantinopel wird am 14. und 15. Juni eine Sitzung der Großloge der B'nai-B'rith für den Orient stattfinden, welche sich mit der Lage der Juden auf dem Balkan und in der Türkei überhaupt befassen wird. Bevollmächtigte aus der europäischen und asiatischen Türkei, aus Palästina, Aegypten, Bulgarien, Serbien und Griechenland werden über den materiellen und geistigen Stand der Judenheit in ihren Ländern referieren. Die Herren Dr. Markus aus Konstantinopel und der bekannte Hebräist Jizchok Epstein aus Saloniki werden über die Ausgaben der B.-B. in der Wiederbelebung des östlichen Judentums referieren. Die letzten Gemeinderatswahlen in Jerusalem. Aus Jerusalem wird uns berichtet: Der Ausgang der jüngsten Wahlen in die hiesige Stadtverwaltung hat auf die hiesige Judenschaft einen niederschmetternden Eindruck gemacht. So unglaublich es klingt, so ist es doch wahr: die Stadtverwaltung von Jerusalem, in welcher bisher drei Juden, u. zw. David I e l l i n, Rachmim M i s r.a ch i und Josef L. Iaschar saßen, ist jetzt ganz judenrein, da die Genannten bei der letzten Wahl keine Majorität erlangt haben. Betrübend an diesem Umstande ist nicht nur, daß die heilige Stadt nunmehr keine jüdischen Vertreter in ihrer Stadtrepräsentanz hat, sondern ganz besonders, daß die Schuld an dieser Niederlage wie die Jerusalemer Blätter selbst zugeben, die Uneinigkeit im jüdischen Lager ist. Auch der Abgeordnete für das türkische Parlament ist ein ausgesprochener Judenfeind, ohne daß seine Wahl verhindert wurde. Es ist das eine traurige Folge der im abgelaufenen Jahre ausgefochtenen Kämpfe unter den palästinensischen Juden. Es ist nur zu hoffen, daß diese bedeutsame Niederlage die Juden im Heiligen Lande noch rechtzeitig zur Besinnung bringen wird.

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