Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-05-22 · 21 (22.5.1914) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
21 (22.5.1914)
Date
1914-05-22
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3022089-3022111--23155-3048338
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 368 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 21 Hier in den „Kelten" baden wir wahrhaft j ü d i s ch e Figuren vor uns. Diese« vollsaftige, kernige urwüchsige, unvcrblaßte und unverkräukelte Judentum wirkt noch unmittelbarer als Nordaus „Doktor Kohn" — unbeschadet dessen ganz hervorragenden bleibenden Bedeutung! Diese echten, packenden Hcrzenstöne reißen unserem geschämigen, mit dem Taufschwindel kokettierenden Salonjudentum unnachsichtig die Maske herunter. Wie eine Erlösung brachen nach jedem Akt aus den Herzen der Zuschauer spontane Beisallssalven hervor. Das ist echte moralische Aufklärung! Diese blutig-ernste Exekution unserer Taufbolde wirkte als Katharsis, als Läuterung in getreu aristotelischem Sinne. Schon der Name S ch i l d k r a u t s lenkte das Hauptaugenmerk auf die Figur Abraham Sender Lehmanus, dieses prächtigen Juden von alte n Schrot und Korn — nicht aus Galizien oder dem noch ferneren Osten, nein, aus Oppeln, einer längst „aufgeklärten" Gemeinde im „modernen" Preußen! („Preissen"!! betont Salomon, der Aorrik des Stückes, mit unnachahmlichem Galgenhumor). Und wie gibt Schildkraut diesen altfränkischen Juden, der nicht nur noch Kaddisch sagt, sondern auch noch Kiddusch macht, um den getauften Sohn Schiwo sitzt und dabei — tadelloses Hochdeutsch redet, einen Salonrock trägt und preußische Offiziere durch seine ritterliche Haltung beschämt! Der einzige Sohn Abraham Senders wird — ist ja ganz erklärlich — während seines Freiwilligenjahres leidenschaftlicher Soldat. Wie < ber kann — in Preußen — ein Jude Offizier werden — ohne den bewußten Erlag- (Erlüg-?) Schein? Der Offizier beginnt dort nun einmal - kommt eilt Jude in Betracht — mit dem Fahnenflüchtigen, dem Überläufer. Lehman, der Sohn, klammert'sich in seiner Not an eine verheißungsvolle Kabinettsordre. „Alle Preußen sind vor dem Gesetze gleich" usw. usw. Wer liest nicht die parlamentarischen Balancierstückchen gewisser Kriegsminister, wer kennt nicht gewisse Kabinettsordres in der Beleuchtung der „Zwölf aus der Steiermark"? Sigmund Lehmann läßt sich also, es bleibt ihm — man lebt ja nur ein Leben! — nichts anderes übrig, er läßt sich hinter dem Rücken seiner Eltern taufen und wird — sage und schreibe, wirklich und wahrhaftig königlich preußischer — Leutenant! (Sine Sedanfeier bringt die Katastrophe. Abraham Sender war naiv^enug, zu glauben, sein Sohn sei diesen Eifelturm wahnwitziger Höhe emporgeschnellt — als Jude. Man klärt ihn auf. Er kann es von seinem Sigmund nicht glauben. In einer erschütternden Szene fordert er den Sohn irr Gegenwart der „Kameraden" vom Regiment zu einem Geständnis auf. Sigmund bekennt seinen Betrug an Vater und Mutter, an Gott und Väterglaubcn. Es folgt ein wilder Auftritt zwischen ihm und einem seiner — fast durchwegs — antisemitischen Kameraden. Die Folge ist ein „Ehrenhandel". Er büßt seine Schuld mit durchschossener Brust Alles im raschesten Tempo atemlos spannender Handlung, hochrrnd echt-dramatisch. Eine Episode bildet Sigmunds Liebe zu einer im Hanse seiner Ettern erzogenen Verwarrdten. Diese R a h e l tritt aber ganz unversehens in den Mittelpunkt unseres Interesses. Sie ist die Trägerin des heroischen Judentums unserer besten und glorreichsten Antike. Diese eine Gestalt — von Schitdkraut ganz zu schweigen — verdient schon, daß jeder jüdische Vater seine Kinder zu diesem Stücke führen sollte. Das ist eine echt jüdische Schüleraufführung! Der kritische „Man" unserer Tagesblätter prophezeit dem Stücke nur Eintagsdasein auf Wiener Boden. Mau hört aus diesem Kassandraruf die „Ketten" klirren, die solchem „Man" — das Urteil binden. Wie sollten den Täufllingeu, die bei' uns die sogenannte öffentliche Meinung fabrizieren, nicht den Atem verschlagen diese Wahrheiten, die ihnen da von der Bühne ins Gesicht geschlendert werden! Eine solche Jndecenz muß man zu Tode kritisieren! Wir Juden sollten diesenUnkenrnfjLügen strafen zur Ehre des noch ungetansten und die Taufe verabscheuenden Wiener- Juden tu ms! Mann für Mann sollten wir durch Befitch dieses Stückes zeigen: Wir Juden spotten solcher Ketten und verachten sie trotz allerhöchster Taufpaten Gnaden verheißender Protektion! Bravo Schildkraut.' Dreimal bravo der Mut, einem Wiener Publikum das zu bieten! Literatur. Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur. Herausgegeben vonr Verbände der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland (Verlag von M. Poppelauer, Berlin 1914). Wenn es wahr ist, daß von gewissen geistigen Repräsentanten ein eigenartiger, undefinierbarer Zauber ausgehl, daß sie gleichsam ein giüius i ci umschwebt, der nur ihnen und keinem anderen zu eigen ist, dann bietet hiefür die wissenschaftliche Revue der deutschen Literaturvereine, das vorliegende Jahrbuch, eine lebendige Illustration. Denn nicht anders als mit vertrauensvoller Sicherheit in den gediegenen Inhalt ist man seit Jahren gewohnt, besagtes Jahrbuch in die Hand zu nehmen. Dies gilt besonders von dem gegenwärtigen, dem 17. der gesammelten Serie, in welchem eine Reihe wissenschaftlich auserlesener Beiträge in verschwenderischer Fülle niedergelegt erscheint, Und bei der Frage, welchem derselben die Palme zuzuerkennen wäre, würde die Wahl eine Qual bereiten. In dem wie gewöhnlich so orientierenden „Rückblick aus das Jahr 5673" von Martin Philippson nimmt das im Vordergründe der Zeitereignisse stehende Balkanproblem, die Maroftosrage und der polnische Boykott das Hauptinteresse für sich in Anspruch. Und was für den österreichischen Leser von Belang ist, daß der „Deutsche Schulverein" in Oesterreich seinen antisemitischen Charakter, den er bisher stets verleugnet, offen dargetan, „indem er grundsätzlich nur Lehrer arischer Abkunft anstellt" (S. 16); eine Tatsache, aus der für die Selbst- und Charakterwürde sich die Konsequenz wohl von selbst ergibt. ,Simon Bernselds „Literarische Jahresrevue" stellt mit Recht den Wert der jüdischen Wissenschaft der Lüge und gehässigen Anschuldigung entgegen, die noch immer im Berichtsjahre, dem Jahre des Heils 1913, ungescheut einherspuft. So bietet er denn ihr wohlweislich das Prognostikon, daß die Wissenschaft des Judentums am Ende auch den dichtesten Nebel der Vorurteile durchdringen und die Macht der Finsternis für immer zerstören werde (S. 24). Er hält,' von dieser Perspektive geleitet, eine gründliche Heerschau über die geistigen Kämpen auf dem Gebiete der Bibelwissenschaft, Volks- und Religionsgeschichte, Archäologie, Geographie, Memoirenliteratur, Rassenuntersuchung, synagogalen Gottesdienst, Religionsphilosophie und Sprachkunde. Rabbiner Dr. Stier bietet (S. 65 f) eine Fortsetzung seiner tiefgründigen Arbeit: „Die Ehre in der Bibel" und „Die Ehre im Talmud" (s. das gleiche Jahrbuch 1912, 63 f). Durch seine scharfsinnige Untersuchung des Talmud Chacham auf dessen Doppelrolle als Träger der „Ehrenpflicht" und des „Ehrenrechtes" hin (S. 79 f) erscheint so manches in milderem Licht, was auf den ersten Blick als reaktionärer Doktrinarismus des Talmuds sich dokumentiert. Man wird sich überhaupt bequemen müssen, auf Grund dieser Arbeit manches landläufige Schlagwort über den sogenannter Pharisäer und Talmudjuden zu berichtigen. In dem „Neuen Bund von Damaskus" bekundet Rudolf Le - s z y n s k y seine bewährte Vertrautheit mit archäologischen Dingen, die wir im Vorjahre an dieser Stelle in seiner Behandlung der „Papyri von Elefantine" („Oesterreichische Wochenschrift" 1913, 26) zu würdigen Gelegenheit fanden. Der vorliegenden Arbeit liegt eine der reichhaltigen Eenizahfunde in Kairo zugrunde, über eine im grauen Altertum in Damaskus bestehende jüdische Zweiggemeinde. tDocuments of Jewish Sektaries. Volume I. Fragments of a Zadolite edited by 8. Sobeebier. Cambridge 1910h Die im Kreise dieser Sekte gebräuchliche Strasmaßregel der „Absonderung von der Reinheit" (S. 105), die der Autor für ein altes Zeugnis vom L e c e u n im Judentum reklamieren möchte, spricht offenbar eher für die körperliche Reinheit, die im Essäerbund eine solch wichtige Rolle spielte. Indes wäre chronologisch nichts gegen diese Hypothese Leszynskys einzuwenden; vorausgesetzt, daß die Sekte „um die Wende der üblichen Zeitrechnung" zu lokalisieren ist (S. 103). Denn der erste gebräuchliche Ausdruck Cherems für „Ausschließende Maßregel aus der Gemeinde des Erils" findet sich nachweislich schon bei Esra (Kap. 10, 8). Kulturhistorisch interessant sind weitere Vergleiche dieser Zweiggemeinde mit den Pharisäern, Sadduzäern und dem Christentum bezüglich des Monotheismus, Opfers, Sündenbekenntnisses, Sabbates und der Messianität. .(S. 121 f.) Dr. M. Eschelbachers: „Die Predigt im.Judentum" bildet eigentlich eine geschickte Paraphrase von dem schon in Zunzens epochalem Werk: „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden" erbrachten Nachweis, daß' „die Predigt, im eigentlichen Sinne die Rede im Gotteshaus, eine Schöpfung des Judentums ist", und zwar geht der Autor von der Thoravorlesung aus, diesem Zentrum unseres Gottesdienstes, und gelangt bis zur Gegenwart, in welcher er unserer Kanzel die Aufgabe zuweist: „Sie soll zu einer jüdischen Tribüne gemacht werden, zu einer Stätte, von der aus die Gemeinde vom Judentum hört und in jüdischem Sinne beeinflußt wird." (S. 141 f.) In Dr. G. Rosenmanns Nekrolog auf „Hofrat Professor Dr. D. H. Müller" lernen wir eine tiefempfundene Würdigung des bezeichneten Semitologen aus der Hand seines pietätvollen Schülers kennen. Wahrlich, bewunderswert dieser Werdegang eines Forschers, der sich auch der geistigen Atmosphäre des galizischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.