Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 20 (15.5.1914)
- Date
- 1914-05-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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L-eitc 342 Tr. Bloch's Wochenschrift Nr. 20 lich, die Kultur und (Gewissen besitzen, Sie ivollen aber deswegen nichts für uns tun, weil wir es ja gar nicht von ihnen verlangen. Mit zeitweiligen Memoranden, mit Vorstellungen und Ermahnungen ist da kein großer Eindruck zu erzielen. -Ein geschloffener Wille, eine dauernde Empörung, ein einstimmiges Verlangen wäre die einzig richtige Methode, welche zu einer Entschließung der staatlichen Faktoren führen könnte. Man inuß sich nur immer vor Augen halten, daß selbst in Rußland die Macht der Finsternis durch das Feuer des Widerstandes aller (Gebildeten verhindert wurde, einen Ritualmord zu konstruieren, und daß nur mehr wir Juden hierin Oesterreich durch unsere Lässigkeit uns von dieser schmählichen Anklage nicht befreien können. Es ist über die Möglichkeiten dieser Befreiung schon viel gesagt und geschrieben worden, aber eine Zache ist noch nicht geschehen: Das Permanenzkomitee ist noch nicht eingesetzt worden, das aus allen Parteien und Richtungen der Juden gewählt ist, über ausreichende Mittel und Unermüdlichkeit und Bedeutung seiner Mitglieder verfügt. Mit diesem Vorschlag ist keine Undankbarkeit gegenüber den Organisationen und Personen verbunden, welche sich bisher mit der Sache abgegeben und wirklich sehr Verdienstliches geleistet haben. Die Sache ist jedoch so groß, daß die ganze Kraft des österreichischen Judentums eingesetzt werden muß, um sie betreiben zu können. Wir brauchen durchaus nicht leise aufzutreten und hinter den Kulissen zu agieren. Wir vertreten eine gerechte und wahrhafte Sache und können und müssen sogar Vorgehen wie entschlossene Männer. Seit vielen Jahren schon ist die Sache Hilsners in den Gefühlen der Allgemeinheit begraben wie er selbst in der Strafanstalt. Dezennien sind seit einem Justizmord vergangen, für welchen sich weder Rache noch Strafe gefunden hat in einem Staate, der ein Parlament besitzt. Jeder Tag mehr jedoch der Lässigkeit, der Ruhe, der Nachgiebigkeit vermindert die Wahrscheinlichkeit des Erfolges für einen Kamps und vergrößert die Vorwürfe für alle Juden, die schließlich nur für sich selbst Vorgehen, wenn 'sie es für Hilsner tun. Nach so vielen vergeblichen Notrufen des armen Opfers wird vielleicht doch einer in den Herzen der Hörer ein lautes Echo finden. Das Asylrecht des Einwanderers. Als trauriges Zeichen für die Bewegung, die in den durch das Asylrecht begründeten und emporgewachsenen Vereinigten Staaten nicht nur unseren Glaubensgenossen, sondern Tausenden und Tausenden unserer Staatsgenossen die rettende Insel der Seligen, die gelobte Atlantis, versperren möchte, kann es erscheinen, daß der beredte Fürsprecher seiner Stammesgellossen, der bekannte Anwalt Mar Köhler, sich kürzlich veranlaßt sah, in der Hauptversammlung der amerikanischen Reformrabbiner, einer jährlichen an die Konzile der katholischen Kirche durch Glanz und Ansehen gemahnenden Vereinigung, einen Vortrag „über das 'Asylrecht" zu halten. Noch trauriger, daß er dem amerikanischen Senat, d. h. der bald darauf vom Präsidenten Wilson abgewiesenen Gruppe von Einwandererfeinden, das englische Mutterland Vorhalten mußte, in denr zuerst Cromwells mächtige Gestalt das Asylrecht für iinmer gewährleistet hat einige Dezennien nach der ersten englischen Niederlassung in Newyork. Köhlers Vortrag mußte aus die Debatten zurückgreifen, die anfangs der neunziger Jahre im englischen Ober¬ und Unterhause infolge eines von Arthur Balfour, dem damaligen Ministerpräsidenten, eingebrachten Abänderungsantrages zum Asylrechte stattfanden. Dieses Amendement wollte das Asylrecht nur auf solche mittellose Einwanderer ausgedehnt wWen, welche in unmittelbarer Leib¬ und Lebensgefahr wegen Zugehörigkeit zu irgend einer Religionsgenossenschaft stehen. Wer die Geschichte der russischen Pogrome der letzteil Revolution, also einer späteren Epoche, studiert hat, ans die ich nächstens zurücklommen möchte, weiß, daß inan bei genaner Befolgung dieses Programmes nur die verstümmelten Leichen nach England hätte bringt» können, so rasch und unerwartet pflegen die schwarzen Banden zu handeln. Ein glänzender Kreis von Amvälten aller, auch der damaligen ministeriellen konservativeil Partei, erstand damals dem englischen Hilfskomitee für die jüdische Einwandermlg, als dessen geistiger Führer der spätere englische Postminister Samuel sich bewährte, und der dainalige Minister des Jnneril A k e r - D o u g l a s gab bald zu, daß die Absicht der Regierung von beiden Seiteil des Hauses inißverstanden wordeil fei. Wer gewohnheitsgemäß die Reden der beiden englischen Häuser verfolgt, kann auch in dieser Debatte mit Neid das einzige Niveau konstatieren, auf denl sich die voll Witz und Humor, Tiefe und Anschaulichkeit erfüllteil oratorischen Leistuilgen durchlvegs aus der Menschheit ethischen mtb intellektuellen Höhen bewegten. Lord H u g h C e c 11, der Nachkomme des berühmteil Burleigh und als solcher ein naher Verivandter des von ihm bekänipsleil Balfour, brachte, wie noch heute, mit Temperament seine stützende Gelehrsamkeit zur Geschichte des Asylrechtes in England vor, das ja auf mosaische und altgermanische Bräuche zurückgeht, aber 1215 in der Magna Charta zum erstenmal kodifiziert wurde; der Arbeiterführer Burns sprach vom rein ethischen Standpunkt gegen seine Berufsgeilosseil in Stepney, die aus Konkurrenizrücksichten die Aenderung angeregt hatten; so Trevelyan, so Emott; mit bewunderungswürdiger Objektivität sprach, der heutige oberste Richter Englands Sir Rufus Jsaacs über die Bill vom reinen Standpunkt der englischeil Verfassung, in deren Gestrüpp sich niemand so auszukeilnen schierl wie gerade der Jude und große Jurist; auch, die Redner des Oberhauses Lord B e l p e r, Lord Spenee r, Marquis Landsdowne, Lord Coleridge uild namentlich Lord James von Hereford, der Präsident der eilglischen Einwanderungskommission war, verdienen jeder namentlich genannt zu iverden; stehen sie doch int wohltuendsten Kontrast zu ihren normannischen Ahnen, bereit Namen sie -tragen, die jüdischen Kaufleuten in den „Keeps" derselben Schlösser, wo heute jüdische Gelehrte und Künstler gastfreieste Aufnahme finden, die Zähne auszuziehen pflegten, bis sie ihnen die nötigen Lösegelder erpreßt hatten. Hervorheben möchte ich, daß zwei Redner des Unterhauses, der berühmte Sir Charles D i l k e und B r y c e, die Gesetzänderung nicht vom ethischen, sondern vom praktischeil Standpunkt beleuchteten. Sie erklärten, daß durch die entsetzlich schlechten Löhne, die dem jüdischen Arbeiter im Gegensätze zum englischen gezahlt werden, und die nur durch die reiche 'Unterstützung des Einwandererkomitees und die unglaubliche Anspruchslosigkeit des östlichen Juden möglich waren, erst ganze Industriezweige in England ins Leben gerufen wurdeil und die ausländische, französische und' deutsche Industrie, die mit lueit billigeren Löhnen arbeitet, verdrängen, konnte. Da hiedurch der englische kleine Mann zu weit billigeren (Gebrauchsartikeln (Kleider- und Schuhbranche namentlich), der englische christliche Fabrikant zu' billigen Arbeitskräften kam, sei England zur Masseneinwanderung aus Rumänien und Rußland nur zu beglückwünschen, und der gelehrte Vertreter von Oxford, eben Sir Hugh Cecil, erbot sich, über dieses Thema in den Fabriksstädten zu reden. (Wenn bei uns Hochtories in diese Kreise wandern, Pflegen ihre Reden anders gefärbt zu sein.) R u n - ei man und Hope schließlich erklärten, daß diese Bill ebenso die katholischen Polen, russischen Sektierer und die