Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 15 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 15 Dr. Vlvchs Wochenschrift. ilie 253 jfeutlleton. Katadi« und Theodor gjev;l. Eine Pessach - Betrachtung. Von Rabbiner W. Reich in Baden bei Wien. : nmn mw ps Nach dem Aus spräche eines großen Philosophen lebt in jedem Menschen „die blonde Bestie" und selbst die höchste Kultur kann ihr nur der falsche Firniß sein, der ihre Gewalttätigkeit verdeckt, nimmer aber vollständig auszurotten vermag. Es ist das uralte atavistische Moment, das in jedes Menschen Natur seit der Schöpfung schlummert, die Sucht nach Bevormundung, gelinde ausgesprochen, aber in Wirklichkeit das bestialische Ringen nach Gewalttätigkeit, nach Beherrschung, nach Druck und Unterdrückung; es bricht hervor und solltet mit unwiderstehlicher Gewalt; wenn es nicht nach außen hin losbrechen kann, so schafft es sich Raum nach innen, selbst gegen den eigenen Stammesgcnossen, gegen eigen Fleisch und Blut. Die Jugendgeschichte Moses in Egypten entwirft uns solch ein Bild, welches die augenfälligste Galuth-Erscheinung, die wir Juden als Erbübel in aller Herren Länder mit uns schleppten, in wahrem Lichte erscheinen läßt. Ein Volk ohne Land, ohne Freund, ohne Beschützer, ohne Fürsprecher, von Druck belastet, von Feindschaft, die keinen Pardon kennt, umgeben, sollte doch durch dem natürlichen, in jedem Organisneus lebenden Erhaltungstrieb — wie alle anderen nationalen oder konfessionellen Minoritäten — unter allen Umstünden wie festgekittet durch die gemeinsame Gefahr zusammenhalten, und dennoch — wo immer es war — es stritt, es zankte, cs kämpfte mit- und gegeneinander, ohne Rücksicht auf beit lauernden Feind, ohne Scham vor den schadenfrohen Unterdrückern. Es wiederholte sich immer und immer wieder das anwidernde Schauspiel der Trennungen und Scheidungen in Gruppen, der gegenseitigen Gewalthaberei und Herrschsucht, des Zankes und Haders, wie es in kurzen, dürren, ungeschminkten Worten von dem dunkelsten und erbarmungslosesten Galuth-Mizraim zur Zeit Moses im II. Buche, Kap. 2, V. 13 und 14, uns entgegengrinst. Moses war hinausgegangen, um nach seinen Brüdern zu sehen, die unter der Peitsche der Egypter zusammenbrachen. In dem von Wollust schwellenden Königspalaste, in dem er seine glückliche Fugend verbrachte, brannte ihm — nach der Erzählung des Midrasch — die Frage auf seinem wachgewordenen Herzen: „Womit hat Israel sich so schwer versündigt, daßdieses wie kein anderes unter allen anderen Völkern zum schwersten Sklavenjoche ausersehen war!?" Er ging hinaus zu seinen Brüdern, um ihr Wesen zu. studieren, um ihren Charakter kennen zu lernen. Am ersten Tage, da er die Brüder aussuchte, sah er, wie ein Egypter einen Hebräer schlug; er nahm sich seines wehrlosen Bruders an und befreite ihn von der Knute, indem er deren Träger niederschlug. Er mußte nun voraussetzen, daß auch alle anderen Brüder seines Stammes fühlten wie er, daß sie einer für den anderen mit Gefahr des eigenen Lebens einstanden, zumindest aber, daß sie, von der Peitsche der Bedrücker gejagt, wenigstens mit- und zueinander wie Brüder standen, in Liebe und Eintracht, in brüderlicher Freundschaft, bedrückt von außen, umso fester sind sie verbunden in ihrem Zusammenleben nach innen. Aber ach! Er geht am anderen Tage wieder hinaus zu seinen Brüdern, und welch schmähliches Schauspiel zeigt sich ihm!? „Sieh! Es sind da zwei Männer, H e b r ä e r — s i e ft reit e n m it ein anbei: Außen der Feind, innen die Zwietracht, die Gewalttätigkeit, die Bestialität, die sich gegen die Genossen wendet. Und Moses ruft, wie wenn ihm Gott selbst hätte die Augen öffnen wollen, um seine Verwunderung über die Knechtschaft Israels zu lösen, m i=» „Nun ist mir die Frage, die schwerwiegende, die mich gepeinigt und nicht zur Ruhe tommen ließ, nun ist }k mir in der traurigsten Weise beantwortet"; meine Brüder sind nichts anderes wert; es ist wie in Liner belagerten Stadt, die von außen bedroht, doch im Innern von dem noch gefährlicheren Feinde, der Zwietracht, dein Verderben überantwortet wird. Dieses Erbübel des Galuth, es hat sich immerfort wiederholt; das atavistische Merkmal der' gegenseitigen Rechthaberei und Bedrückung, das sich beim jüdischen Volte: als ewige Minorität unter allen anderen Völkern, nicht gegen andere wenden kann, bricht wie eine Pestbeule selbst ln den drohendsten Zeiten im Innern aus und läßt es nicht gesunden. Momente, die die Juden zu sich selbst rufen sollten, günstige, glückverheißende, haben sich in der (beschichte ostmals wiederholt, allein innerer Zwist hat immer und immer wieder das jüdische Volk zur Ohnmacht verurteilt. Oder wie ein Humorist es so tiefeinschneidend nach dem Erscheinen des Buches „Der Judenstaat" von Th. H e rzl aussprach: „Mit den Juden läßt sich nicht Staat m a ch e n!" Der Traum Herzls, unter türkischer Herrschaft sich einen freien Charter zum Wiederausblühen Palästinas zu verschaffen und dort eine freie Scholle für beit müden Zwischen Fuß zu schaffen — er zeigt schon seine Risse in dem gegenseitigen Bekämpfen von Kultur-, National und Religionsparteien auf einem Boden, der doch um so mehr nach dem für die Türkei so unglücklich verlaufenen Balkankriege - von lauernden Feinden umgeben ist. Der Druck, der von außen auf allen Juden lastet, hat selbst auf heiligem Boden nicht verhindert, daß er in dem gegenseitigen, sich einander verfolgenden Druck nach innen mit allen seinen bösen Folgen ausbricht, und da soll einst ein Judenstaat erstehen!? Ein Analogon, wie selbst nach den günstigsten Auspizien im heiligen Lande jeder Versuch zur Einigung fehlfchlug, möge hier seine Stelle finden. Es wird uns kund in dem nach Art arabischer Makamen verfaßten Buche „Tachkemoni" des Alcharisi, der zur Zeit der Eroberung Jerusalems durch S a l a d i n lebte und die Erfahrungen, die er während feines kurzen Aufenthaltes in Palästina machte, poetisch in seine 28. Pforte zusammenfaßte. Die Zeit des S a l a d i n war für die Juden eine Wiederholung der Erlösungszeit des Cyrus. Nach den blutgetränkten Zeiten der Kreuzzüge, die jede Spur jüdischer Einwohner in Jerusalem für unabsehbare Zeiten zu verwischen schien, war Saladin auf der Plattform der Weltereignisse erschienen, wie ein Stern Judas, wie eine Leuchtkugel, wie eine Feuersäule, die Israel den Weg zur Rückkehr nach Palästina zeigte. Saladin war der Begründer einer neuen Dynastie der Ejjutiden; hatte in einer Schlacht in der Ebene von Tiberias Guido von Lusignau, den König von Jerusalem besiegt, die Großmeister der Tempelherren und des Johanniterordens gefangen, die Stadt Jerusalem wie im Sturme genommen. Saladin, der Juden sreund, dessen Leibarzt Maimonides war, der bei ihm ein- und ausging, der ihn zum Kampfe gegen die .Kreuz fahrer beeinflußt haben soll: Saladin, der im klassischen Zeitalter der Literatur des 18. Jahrhunderts in dem Buche „Nathan der Weise" seine Wiederauferstehung feiert; dieser Saladin ruft die Juden heim nach den blutigen Erfahrungen der