Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 9 (27.2.1914)
- Date
- 1914-02-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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m 9 Qr. Bloch’s ******** Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums Wien. 27. Februar 1914 Lrscbelnt jeden Lrettag. Brief-Adresse: Wien» ll/i, Praterstraße 9 Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Inhalt. Leitartikel: „Warum lassen sich die Juden nickt taufen?!" — Ein Brief aus Nordpersien. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Vorläufiges Ende des Streites über das Technikum. Der Historiker Dubnow über das Sprachenproblem in der jüdischen Geschichte. Zum Andenken an den Erfinder des Taudstummeninstitutes. Ein neuer jüdischer Universitätsprofefsor in Bologna. Der größte Teil der hebräischen Manuskripte in England. Die Danksagung des Mendel Beilis. Der Dank des Grafen Bobrinski an den jüdischen Advokaten. Eine Meldung der „Rossija" aus Palästina. Bodenkauf ausländischer Juden in Palästina. Sanitäre Bedvrfnifie in Jerusalem. Achtung des religiösen Empfindens. — Die Gehilfenwahlen der Wiener Handelsangestellten. — Korrespondenzen: Die Leidesdorf-Feier im Spitale der israelitischen Kultus gemeinde. Der Nestor des Alt-Liberalismus. Der Glückwunsch der israelitischen Kultusgemeinde. Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen. Der neue sephardische Oberrabbiner in Sarajevo. A. I. K. O. in Deutschland. Die Organisation der marokkanischen Jude». Ueberfall auf ein jüdisches Theater. Ein Förderer griechischer Literatur. Ein bemerkenswerter Aufruf des Odessaer Rabbinates. Ausweisung eines zweijährigen Kindes. Antisemitische Rohheit. Ein Erfolg der Schomre Schabboth in London. Eine Versicherungsgesellschaft jüdischer Farmer. Ein jüdischer Sanitätschcs in New Dort. — Vermischtes. — Feuilleton: Das Helligengrab. — Literatur. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. O o - -ü C P Bringst! reia für ©eftrrrrfdj: Halbjälrrig 8 ffTPtmt: Einzelexemplare.V, Hellet. Für » Buslunö: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die «algespaltene Petttzetle 48 Heller. OG= «k. 810.976. Redaktion und Administration: , Vien ll/i, Praterstraße 9 Telefon 14847 N. fc. postsxarkaffrrrarnr „Warum lasten sich die Juden nicht taufen?!". , lieber diese seltsam anmutende Frage meditiert eine ärgerliche Schrift*), an der wir nicht achtlos Vorbeigehen können. Ihr Autor, dem Judentum und Christentum gleich wertlose Erscheinungen sind, das eine ein ausgeblasenes Ei, das zweite eine hohle Nuß, ist der Typ jener Wiener jüdischen Intelligenzler, welche dem Judentum völlig entfremdet sind, das sie bloß aus antisemitischen Presseerzeugnissen kennen und auf Grund dieses ihnen vertrauten Literaturkehrichts zu anmaßenden pietätlosen Urteilen über Bibel und Talmud sich berechtigt glauben. Er selber sagt: „Man kann ruhig behaupten, daß der gebildete Jude vom Alten Testament fast weniger weiß, als vom Neuen. In einer in allen Lebensäußerungen vom christlichen Geist durchtränkten Umgebung leben, da wo ihm in Kunst, Wissenschaft, Literatur überall christliche Motive, viel häufiger als jüdische, entgegentreten, muß er, um zu ihrem Verständnisse zu gelangen, das Neue Testament beherrschen, wie die griechisch-römische Mythologie. Er kennt alle christlichen Feiertage und Gebräuche ganz genau, die jüdischen, die im allgemeinen nicht gehalten werden, hat er vergessen, oder vielleicht von Haus aus gar nie gekannt." Als ein Musterexemplar eines solchen Inden kann der Verfasser selber gelten, trotzdem er in seinem Buche der Bibel und dem Talmud ein ganzes Kapitel voll strenger Verurteilung, ja zum Teil voller Schmähungnen widmet. Herbert Spencer hat einmal ärgerlich notiert, es scheine das Bestreben der großen Mehrheit zu sein, mit so wenig wie möglich Aufwendung von Nachdenken durchs Leben zu kommen, und Wilh. Wnndt bestätigt kurz und ehrlich: „Die Annahme, . daß alle Menschen denken, ist ein allgemein verbreiteter Irrtum! In Wirklichkeit denken nur sehr wenige Menschen selbständig. Die große Majorität macht sich nur die Gedanken oder häufiger noch die gedankenlosen Aeußerungen anderer zu eigen." *) „Warum lassen sich die Juden nicht taufen?" Von Dr. Edm. Blum. München 1913. Verlag von O. Th. Scholl. Seine Kenntnis des Judentums und der jüdischen Weltanschauung schöpft Dr. Blum ausschließlich aus christlichen Literaturprodukten, deren Urheber natürlich gegen das Judentum stets voreingenommen, meistens gehässig sind. Jüdische Schriftsteller hat der Autor überhaupt nicht zu Rate gezogenn, und auch eigenes Nachdenken über den Gegenstand schien ihm bei der Fülle des vorliegenden (meistens antisemitischen) Materials überflüssig. Welche Kulturwerte hat das Judentum geschaffen, welchen Kulturwert stellt es noch heute dar? Diese und ähnliche Fragen beschäftigten nicht sein Nachdenken. Mit dem Postulat der gemeinsamen Abstammung hat das Judentum die Idee der Brüderlichkeit und Rechtsgleichheit geschaffen: mit dem Postulat der Gottesebenbildlichkeit die Idee der Menschenwürde, die die Bibel selbst in dem Leichnam des Hingerichteten Verbrechers zu respektieren befiehlt. „Ausgezeichnet ist der Mensch, im göttlichen Ebenbilde ist er geschaffen", sagt der Talmud. Ist das ein Produkt „unentwickelter, niederer Weltanschauung?" Den hebräischen Urtext der Bibel kennt der Autor offenbar nicht, er nimmt die ch r i st l i ch - dogmatische Auffassung des Alten Testaments als Grundlage seiner Kritik, seiner Angriffe gegen Bibel und Judentum. Wer hat dem Dr. Blum es nur aufgebunden, daß das Judentum an eine „Erbsünde" glaubt? (L. 15.) Paulus brauchte die „Erbsünde" als Voraussetzung für den Sühnetod Jesu; in der alten Bibel steht nirgends, daß für die Sünde des ersten Menschenpaares „das ganze Menschengeschlecht bestraft" werde. Die Gedankengänge der schönen biblischen Erzählung erschließen sich nur 'dem, der sich liebevoll und ernst in den Text versenkt. Ein „Paradies", aus dem man verjagt werden kann, war nie ein solches, so wenig wie ein Besitz Eigentum ist, das man nicht durch eigene Arbeit selber erworben, sondern durch höhere Gunst einem zufiel. Als „Strafe" für die Sünde wurde Adam beim Verlassen des Gartens bedeutungsvoll und von hoher Symbolik zugerufen: „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot genießen", dem Weibe wurde