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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-12-05 · 49 (5.12.1913) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
49 (5.12.1913)
Date
1913-12-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Lr. 49 I«hrg«ng xxx Dr. Bloch’s Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums, —■ -oo r M. fc. Poflsp arh a ssrnsrnt Q Sleartng-Verkebr «r. 810.976. Redaktion und Administration. r Wien M/i, Praterstraße 9 J> Telefon 14847 <1 qq .. — - -—On -g—- Wien. 5. Dezember 1913 : Brscöetnt jeden Freitag, i Brief-Adresse: Wien» ll/i, Praterstraße 9 Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wien. 0(jr -- ■=■ - - p Vex«g»prrl» für Vrsterrrich: \ Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 56 Heller. Für'» Anslmnd: Halbjährig 16 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die «algespal» 2 tene Petitzeile 48 Heller. OQ - -- —---Q!1 l Inhalt: Leitartikel: Der Ruf nach Gerechtigkeit. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Das Ritualmordbild in der Pfarrkirche zu Rudolfsheim. Die Jahresversammlung der itoistischen Emigrationsgesellschaft in Kiew. Warum die erste Frage im Beilis-Prozeß bejaht wurde. Die Schließung der Charkower medizinischen Gesellschaft. Juden als Soldaten. Das Honorar der Zivilktäger rm Beilis-Prozeß. Jakob H. Schiff und der Zionismus. Jüdische Hilfsaktion für die Ueberlebenden des „Voltunio". Jüdischer Bürgermeister in Cineinnatti. Eine Zeitungsstimme vor 160 Jahren über das »Märchen vom Ritualmord". — Max Schmidt. — Korrespondenzen: Wien. Edler von Horowitz vor Sr. Majestät dem Kaiser. Kinderspital der Israel. Kultusaemeinde Wien. Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis. Berlin. Vier Tage Arrest für Veranstaltung eines Pogroms. Griechische Willkür. Jüdische Opfer mazedonischer Grausamkeiten. Aufllärung eines angeblichen Ritualmordes. Ein Protest der tripolitanischen Juden. Der lürkischgriechische Friede und die Juden. Bukarest. Russischer Einfluß in Palästina. Eine halbe Million für das Rote Kreuz. Ein Studentenstreik wegen der hebräischen Sprache. — Vermischtes. — Feuilleton: Zur Moralität der Jüdin. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Der $t»f «ach Gerechtigkeit. Znr Befreiung Hilsners. Der Abgeordnete Professor Masaryk ist eine jener Erscheinungen, welche den Idealisten, den hoffnungsvollen Politiker ermuntern und trösten, wenn er von der Gemeinheit des Lebens erstickt zu werden droht. Unbekümmert um die Meinung, des Tages, um seine Volkstümlichkeit, um die Verfolgungen und die Macht seiner'Feinde, hat dieser Führer der freisinnigsten Partei in Oesterreich stets einfach und schlicht für seine fortschrittlichen Ideen gekämpft, gelebt und gewirkt und hat denn auch mit der unwiderstehlichen Kraft der.Wahrheit schließlich den Sieg für immer errungen. Wann immer eine Kulturdebatte stattfindet oder wenn eine notwendig ist. ergreift Masaryk das Wort, um ohne Unterschied zwischen angenehm und unangenehm, ohne Unterwerfung unter den Willen des Pöbels zu sagen, was zu sagen ist. So hat er es denn auch jetzt gehalten und hat seine ganze Autorität und sein Wesen leidenschaftlich dafür eingesetzt, daß Hilsner befreit werde, nachdem man es nun selbst in Rußland abgelehnt hat, sich mit der Schande eines Justizmordes zu beflecken. Das wäre nur eine allerdings selten gewordene Pflichterfüllung für einen Freisinnigen. Viel bedeutsamer aber ist es, an wen sich Masaryk mit seinem Appell gewendet hat. Cr bezeichnete nämlich die Befreiung Hilsners nicht als eine Sache der Juden, sondern als eine der Christen. Nicht eine jüdische Angelegenheit sei zu verfolgen, sondern eine Frage des Gewissens, der Kultur ynd Intelligenz. In der Tat würde im ganzen Staate eine höhere Lebensfreude entstehen, wenn nicht nur auf der jüdischen, sondern auch auf der christlichen Seite das Gefühl entstehen würde, daß die Gerechtigkeit absolut nicht im mindesten verletzt werden dürfe, auch wenn es sich um einen Juden handelt. Wir verlangen keine Liebe für uns. Wer nicht glauben will, daß die antisemitischen Verleumdungen gegen uns infame Lügen sind, wer nicht vielmehr anerkennen will, daß wir die größte Treue gegen Staat und Dynastie halten, daß wir mit unseren christlichen Mitbürgern int besten Einvernehmen und Frieden leben wollen, der mag immer hin sich weiter von seinen von uns beklagten Gefühlen der Abneigung leiten lassen. Aber er mag von diesen Gefühlen nicht bis zu einem Punkte geführt werden, an welchem die Gefahr für ihn selbst, für die ganze Gesellschaft und den Staat lauerk. Eines der weisesten Worte steht am äußeren Burgtor in Wien und laute« in Uebersetzung, „daß das Recht eine Grundlage de« Staaten sei". Das Rechtsgefühl ist auch das eiserne Banner, das die Gesellschaft zusammenhält. Wohin sollte es kommen, wenn man das sichere Vertrauen zu den Gerichten verliert, welche ohne einen Blick nach rechts oder links, ehrfurchtgebietend in ihrer moralischen Höhe, den Guten beschützen und den Bösen unschädlich machen? Da gibt es keinen Anfang und kein Ende des Vertrauens, die Zuversicht muß grenzenlos sein und darf keinen Zweifel übrig lassen. Jeder denkende Mensch aber muß sich sagen, daß dieses Vertrauen durch den Hilsnerprozeß einen großen Bruch erlitten hat. Nicht ein Prozeß ist es gewesen, sondern ein Kampf der Parteien, in welchem der Pöbel durch seinen Lärm, seine Gewalttätigkeiten und seine Drohungen den Sieg davongetragen hat. Darf jedoch der Straßenpöbel stärker sein als die Iustiz, darf es jemand wagen, die geballte Faust gegen einen Richter zu erheben, einen Iustizminister zu bedrohen. Zeugen schamlos bis in den Gerichtssaal hinein zu beeinflussen? Hier hört die Affäre Hilsner auf, eine jüdische Frage zu sein und wird zu einer Angelegenheit der Christen. Man hat zwar diesmal nur mit einem Juden angefangen und mißt darum dem verfahrenen Verfahren keinen großen Wert bei. Aber es ist ganz leicht möglich, daß einmal aufgeregtere politische Zeiten kommen und sich die Demagogen mit Nutzen daran erinnern werden, was in Pisek und in Kuttenberg möglich gewesen ist. Dann wird es aber zu spät sein, sie davon zurüchuhalten. Rechtzeitig muß die Justiz geschützt, rechtzeitig muß sie auf ihr Piedestal zurückversetzt, emporgehoben werden. Wir haben ja schon ein Beispiel dafür gehabt, welche Folgen die Verletzung des Rechtsgefühles bei der Bevölkerung hatte. Man duldete den antiseini-

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