Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 48 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 48 Dr. Bkochs Wochenschrift. Seite 881 dingt aus seine Kurmitlel angewiesen sind — HU meiden, und dann geht ihr Abgeordneter her und beteiligt sich — als einer der Ersten — an einer konfessionellen Hetze, die an die Heldentaten eines Ernst Schneider (Schußgeldschneider) erinnert, um die Juden gegen Karlsbads Besuch aufzureizen. So fördert die jetzt am Ruder befindliche deutschradikale Partei den Lkurorl. Was die Karlsbader Juden dazu sagen, daß der von ihnen gewählte Herr Lößl sich derart benimmt, interessiert uns dabei in zweiter Linie. Aber, darauf, welche Antwort die in ihrem Erwerbe geschädigte Gesamtbevölkerupg Karlsbads dazu geben wird, darauf sind wir denn doch neugierig. Dr. Schemaja Lcwrrr in Pilsen. Am 19. d. M. hielt hier Herr Dr. Lewin aus Berlin im großen Saale des Hotel Waldek seinen angekündigten Vortrag über das aktuelle Thema: „Die Tragödie des Judentums". Der gefeierte Name des feinsinnigen Denkers und Gelehrten, der so mächtig in die Saiten zu greifen versteht, hatte ein nach Hunderten zählendes Auditorium zusammengeführt, das in atemloser Stille den glänzenden Darlegungen des Redners lauschte. Wenn Nietzsche von seinem Zarathustra sagte, er habe der Welt das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt, so muß man, ohne überschwänglich zu sein, gestehen, daß dieser von poetischem Zauber durchhauchte Vortrag bei der gesamten Intelligenz Pilsens eine Hochstimmung des Geistes ausgelöst, die zu einem tiefen, den Intellekt bereichernden Erlebnis wurde. Voll glühender Begeisterung hat Dr. Lewin in einem hinreißenden Redestrom den neuerwachten jüdischen Nationalgenius in die Erscheinung treten lassen und dies in einer Art, die vornehmen Naturen eigen ist, voll markiger Kraft und doch voll beseligender Zartheit. Da gab es kein schweres Geschütz eines seichten Geistes, kein donnerndes Poltern, das über Gedankenleere hinwegtäuschen will, keinen vernichtenden Regensturm, eine milde Sonne war allsgegangen, alles durchdringend, erleuchtend llnd erwärmend. Man merkte es dem Redner an, daß es in ihm glühe und lohe, daß ihm das Elend seines Volkes ans Herz gehe, er blieb aufrecht und ruhig und je länger er sprach, desto wärmer wurde er, desto mehr zündeten die überspringenden Funken aus seinen Gedankenblitzen. Mit lebendiger Poesie schilderte er an der Hand Chamissos Peter Schlemiehl, die erschütternde Tragik eines Menschen, der seinen Schatten um Geld und Genuß verkauft, mitten im Reichtum aber auf dem öden Felsen der Vereinsamung dahinwelkt, die unendliche Forderung des Lebens, die Entfaltung des eigenen Ich, in der Endlichkeit nicht findet. Wohin er sich auch durch des Lebens Wirrungen flüchtet, überall wird er verkannt, gemieden, gesellschaftlich geächtet, und vergebens zerrt an den klirrenden Ketten, die ihm so tief ins Fleisch schneiden. Und je mehr ihn sein Lebensweg in die Höhen des Daseins führte, desto stärker durchdringt ihn das Bewußtsein, daß ihm die Selbstachtung, das befreiende und erhebende Gefühl des Eigenwertes abhanden gekommen sei. In einer Zeit, in der so viel von der Kultur der Persönlichkeit, von der Stählung des Volkscharakters gesprochen wird, ist es entwürdigend, ja niederbeugend, in kriechender Liebedienerei im Schatten seines Sklaven scheu einherzuschleichen, anstatt im Hochgefühl der eigenen Jchkultur stramm und aufrecht, gerade und zielbewußt als Herr im eigenen Lande einherzuschreiten, sich in den Idealen seines eigenen Volkstums fest verankernd. Mit feinen Pinselstrichen hat Herr Dr. Lewin das lebenswahre Bild eines Sichselbstverläugnenden gezeichnet, das durch die plastische Herausarbeitung eine packende, siegreiche Wirkung ausgeübt. Der Vortrag verträgt keine weitere Zergliederung, es hieße ein Gedicht zerpflücken. Mit rauschendem Jubel dankte das zahlreiche Publikum dem Redner für den anregenden und lehrreichen Vortrag. Es war ein denkwürdiger .Abend, an dem man sprechende Musik eines künstlerischen Genies zu vernehmen .glaubte. Dr. Link. Trauerfeier für kaiserlichen Rat Moritz Hahn. Die isr. Kultusgemeinderepäsentanz Prag hatte für Sonntag, 16. Nov-, im Festsaale des Iüd. Rathauses in Prag eine Trauersitzung angesetzt, um das Andenken des vorige Woche verstorbenen Herrn kais. Rat Moritz Hahn zu ehren. Aus den Reden, die bei dieser schlichten und ergreifenden Feier gehalten wurden, sprach, die große Liebe und Wertschätzung, welcher sich der Verstorbene erfreute, und die tiefe Trauer um den unersetzlichen Verlust des Heimgegangenen Wohltäters. Nach einem weihevollen Chorgesang, den Herr Adolf Frank dirigierte, sprach Herr Oberrabbiner Dr. Heinrich Brody, der in eindringlichen Worten die harmonische Persönlichkeit des Dahingeschiedenen schilderte. Der Präsident der Prager Kultusgemeinde Dr. Arnold Rosenbacher rühmte das großzügige und universale Wirken Hahns, Dr. Alfred Hamburger sprach von dem unermüdlichen Eifer, den der Verstorbene für die Waisenfürsorge bekundet hatte. Dr. Karl Bendiener widmete im Namen des Näch? stenliebevereins dem Verewigten warme Worte des Gedenkens. Mit einem Schlußgesäng des Chors wurde die ergreifende Feier beendet. Nachod. In unserer allezeit hilfsbereiten Gemeinde wurden in diesem Jahre gleichzeitig zwei größere Sammlungen durchgeführt. Die erste Sammlung für die auf heiligem Boden anzusiedelnden bedrückten Juden aus dem arabischen Aemen, welche Rabbiner Dr. Sicher in einer Predigt erbat, ergab, noch ehe man an alle Gemeindemitglieger herantrat, die gewünschte Summe von 1000 Kronen. Das Hauptverdienst um diese Sammlung gebührt dem Obmann des hiefigen Jüdischen Volksvereines, Herrn Ludwig Fanta. Die zweite Sammlung, um welche sich Herr Vizevorsteher Gustav Schur bemühte, galt den Opfern der Preßburger Brandkatastrophe und ergab 608 Kronen. Es spendeten für N e m e n je 50 Kr. die Herren : Vorsteher Jakob Pick, Schur, Fanta, Hitschmann, Brüder Holzner in Hronow; je 30 Kr. die Herren: Lawetzky, Leopold samt Fritz Stransky, Alfred Pick, Oskar Lewith, S. Gold' schmid & Co., Brüder Buxbaum in Eipel; je 25 Kr. die Herren: Edmund Pick in Hronow, Hirsch H Löwenbach, Hronow, Jakob Bondy in Skalitz; je 20 Kr. die Herren: Stein, Pichl, Fuchs, Otto Pick, Anonymus. Wilhelm Lederer, Kraus, Hronow, Löwy & Cie., Pölitz, Gintz & Winternitz, Skalitz, Reich, Skalitz; je 10 Kr. die Herren: Straß, Hugo Horpaczky, Ernst Lewith, Hermann Pick, Rabbiner, Frankl, Max Pollak, Bleek, Emanuel Nettel, Hugo Lustig, Gustav Pick, Josef Kirschner, JUDr. Vrba, Hostovsky & Bruder in Hronow; je 5 Kr. die Herren: Mahler, Wilhelm Winternitz, Reich, Josef Wilhelm, Rudolf Munk, MUDr. Lederer, Max Pick, Leo Kohn, Moriz Sommernitz, Jakob Sommernitz, Edmund Fischer, Max Schulhof, Kafka; ferner Herr Jakob Munk 4 Kr. und der Jüdische Volksverein 36 Kr. — Für Preßburg spendeten je 30 Kr. die Herren: Kraus in Hronow, I. P. Gottlieb in Pölitz; je 20 Kr. die Herren: Schur, Jakob Sommernitz, B. Spiegler & Söhne in Hronow, Reich in Skalitz, Theodor Morawetz in E>'Pel, Eipler Flachs- und Jute-Spinnerei in Eipel, der Verein Chewra-Kadischa in Nachod; je 15 Kr. die Herren: Hitschmann, Edm. Pick, Hronow, Löwy & Co., Pölitz, Fröhlich L Pentlar, Hronow; je 10 Kr. die Herren: Jakob Pick, Josef Kraus, S. Goldschmid & Co. Hugo Horpaczky, Fanta, Pichl, Ludwig Pick, Stransky. Josef Lederer (Fabrikant), Fuchs, Hirsch & Löwenbach in Hronow, Kohorn u. Bruder in Braunau, Kohorn & Schulz in Eipel; 6 Kr. Herr Gutfreund in Pölitz; je 5 Kr. die Herren: Max Pollak, Alois Pollak, Jg. Lederer, Wilh. Lederer, Herm. Pick, Frankl, Julius Munk, Heller, Rabbiner, Gustav Pick. Bleek, Stein, JUDr. Vrba, Straß, Ernst Lewith, Em. Nettel, Mahler, Kafka, Lawetzky, MUDr. Gans, Braunau, JUDr. Löbl, Braunau, JUDr. Winternitz. Braunau, Emilian Löwenbach, Hronow, Moriz Munk, Pölitz, ferner Frau Lehrer Hirsch, Nachod und Frau Dora Rachwalsky, Braunau; je 3 Kr. die Herren: Hugo Lustig, Max Pick, Josef Lewith; je 2 Kr. die Herren: Josef Lederer, Peck, Emil Winternitz, Karl Kirschner, Jos. Kirschner, Adolf Weißenstein, Karl Kohn, ferner folgende Herren aus Braunau: Eugen Holub, Stationsvorstand Kauders, Kohn, Bankdirektor Hofmann, Reich, Singer, Smreka, Schick, Tausfig, Turnowsky, Weiner und Frau Pollatschek. — Herr Rabbiner Dr. Sicher wurde im Juli d. I. zum k. k. Feldrabbiner i. d. R. ^rnannt. Religiöse Reformen in der Türkei. Der Großrabbiner der Türkei hat für sämtliche jüdische Gemeinden des Reiches eine bindende religiöse Reform dekretiert. Es handelt sich um eine neue hygienischere Methode der Meztzaa bei der Circumcision. Die Mezizaa soll, laut dieser Verordnung, nicht mehr in der bisher üblichen althergebrachten Form, sondern auf mechanischem Wege, wie dies in vielen jüdischen Gemeinden in Europa seit langem der Fall ist, ausgeführt werden.