Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 45 Dr. Bloch’s I«hr-anxyt Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. o G= O - -- ~~0 o M. Ä. PoMparkksffrnsmt OG Do Glearlng*1Der ftebr Rt. 810.976. Redaktion und Administration, r- Vien H/i, Praterstraße 9 Telefon 14847 np — -■ -On ien, 7. November 1918 : Lrscveinr jeden LreLtsg. i Brief-Adresse: Wien, ll/i, Praterstraße 9 Telegramm-Adreffe: Bloches Wochenschrift, Wien. "P BrFUgsprri» Mr Drsterrrirh: Halbjährig 8 Kronen: SinzelexenWlare 56 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig 16 Kronen. Ganzjährig 26 Kronen. r> P- Anzeigen: Die nalgespaltene Petitzeile 48 Heller. d n a Inhalt: Leitartikel: Der Kiewer Ritualmord-Prozeß ein Verbrechen der politischen Polizei. — Der Lord-Oberrichter. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Ein russischer Staatsmann (Graf Wüte?) über den Beilis-Prozeß. Der Leibarzt des Zaren über den Prozeß. Urteile der Wissenschaft. Eine Erfindung der „Nowoje Wremja". Petersburg. Protestversammlungen in Johannesburg. Protestversammlungen in Breslau. Ein wichtiges Anbot der serbischen Regierung. Eine Straßendemonstration in London. Der Heilige Synod in Bulgarien und das Blutmärchen. Protestresolutionen in Amerika. Progromhetze in Rußland. Beschuldigungen gegen Christen. Sir Edward Gray und die rumänische Judenfrage. — Wer ist der Mörder? — Auch ein Wort zur Predigtfrage. — Korrespondenzen: Aus der öffentlichen Plenarsitzung des israelitischen Kultusvorstandes vom Mittwoch, den 29. Oktober 1913. Sympathiekundgebung für Se. Eh.würden Herrn Rabbiner Dr. I. M. Bach. Vortrag des Professors Delitzsch über die Stellung der Frau in Affyrien und Babylonien. Stiller Boykott der russischen Papiere. Die Ritualmordlüge in den galizischen öffentlichen Schulen. Berlin. Allgemeine jüdische Kolonisations-Organisation. Auszeichnungen und Ernennungen in Frankreich. Eine Satire des „Gil Blas". Ein jüdischer Universitätsprofessor in Tokio. Zentralisierung des jüdischen Armenwesens in Paris. Eine Gnade der russischen Regierung. Zur Korrespondenz des Lord Rothschild mit dem Kardinal-Staatssekretär. Ein 200 Pfund schweres jüdisches Spendenbuch. »Jerusalem" in Nordkarolina. Spanien und die Juden. — Vermischtes. — Feuilleton: Heimkehr. — Kunst und Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Der Kiemer Rilualrnord Prozeß rin Jt*rlrrechen der politischen Polizei. Aus Petersburg wird geschrieben: Während im zivilisierten Westeuropa das infame Märchen vom Ritualmord nur noch im Aberglauben ungebildeter ländlicher und kleinstädtischer Bevölkerungen fortspukt und höchstens bei der Feigheit und reaktionären Zweideutigkeit von Regierungen, die gegen die terroristische Demagogie fortschrittsfeindlicher Parteien nicht aufzumucken wagen, mitunter eine passive Förderung findet, ist es in Rußland noch ein wichtiges Stück in der mittelalterlichen Requisitenkammer der zarischen Regierungspolitit. Dort ist es nicht nur ein Produkt alter Barbarei, sondern ein sorgsam fortgezüchtetes Mittel, die Barbarei zu verewigen. Die Ritualmordlegende gehört dort ebenso zur offiziellen Regierungskunst wie der Pseudo-Revolutionarismus der Azew und H arting-Landesen und es ist immer dasselbe Instrument der Geheimpolizei, das einmal auf die Tonart des alten Blutmärchens, das anderemal auf die Weise der ^Propaganda der Tat" gestimmt wird. Der Rjtualmord-Prozeß Beilis ist eines der verruchtesten Werke dieser mächtigen Verbrechergesellschaft, die ungleich gefährlicher ist als die berüchtigten Bunde des verrotteten Süditalien vder des korrupten Amerika, weil sie tatsächlich durch Intrigue und Schrecken die Herrschaft über den ganzen staatlichen Organismus erlangt hat. Kein vernünftiger Mensch zweifelt daran, daß der des Ritualmordes angeklagte Beilis völlig unschuldig ist. Nicht einmal Leuten, die den Glauben an dieses Märchen noch nicht losgeworden sind, können die „Beweise", die man gegen Beilis zusammengetragen hat, für eine Anklage genügend erscheinen. Man hat einfach, aus einer namenlos verbrecherischen Absicht, einen harmlosen Menschen aufgegriffen, um durch eine schreckliche Beschuldigung nicht nur ihn, sondern Millionen seiner Glaubensgenossen zu verderben und jenen Fanatismus zu entzünden, der dem zarischen Absolutismus als die für sein ungestörtes Fortleben günstigste Atmosphäre erscheint. Die Geschichte des Falles Beilis verdient im Detail wiedergegeben zu werden. Es war vor ungefähr drei Jahren, als in Kiew der Leichnam eines Knaben mit Namen Iuschtschinski gefunden wurde. Die Untersuchung leitete bald auf eine ernste Spur. Aber auf einmal setzte eine niederträchtige antisemitische Hetze ein, die bei den Abgeordneten der Rechten in der Duma und in der nationalistischen Presse eifrige Unterstützung fand. Die „schwarzen Hunderte", die in Kiew ihr Hauptquartier haben, marschierten wie auf Kommando, die „Ochrana", die berüchtigte Geheimpolizei, die speziell dem Schutze des Zarentums gegen seine Feinde dienen soll, war ihr als ausführendes Organ zu Diensten. Zunächst handelte es sich darum, den Widerstand des Untersuchungsrichters und der Sicherheitspolizei zu brechen, die. der antisemitischen Hetze nicht achtend, die gefundene Spur weiter verfolgen wollten. Die Ochrana wirtte kühn auf die höchsten Stellen ein und der Iustizminister Stschepleritow leistete ihrem Wunsche Folge. Zunächst wurden die Polizisten verhaftet, deren Eifer die öffentliche Beglaubigung der Ritualmordlegende zu gefährden drohte. Nachdem so den wirklichen Tätern das Verschwinden gesichert worden war, wurde von der Ochrana selbst der Israelit Beilis eingererkert, ein aufs Geratewohl ergriffener armer Teufel, gegen den nichts anderes vorlag. als daß er in einer Werkstatt, unweit des Auffindungsortes der Leiche arbeitete. Der Untersuchungsrichter weigerte sich, gegen den Unglücklichen vorzugehen, aber der Iustizminister griff von neuem ein und verfügte, wie es' der Oberstaatsanwalt von 5lieto, ein notorisches Oberhaupt der „Schwarzen Hunderte", in einer persönlichen Intervention begehrt hatte. Der Untersuchungsrichter, gegen den man alle Mittel der Einschüchterung anwandte, gab schließlich nach. Nun ging alles nach Wunsch der Pogromisten. Falsche Zeugen fanden sich, die unbequemen von früher wurden bedroht, wenn sie nicht aussagen wolllen, wie es den Organisatoren der Affäre paßte. Und da die Anklagebehörde noch immer zögerte, erschien der nationalistische Deputierte Zamyslowsky in Kiew und hielt einen Vortrag über den Ritualmord. Gleichzeitig kündigte er eine