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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-10-10 · 41 (10.10.1913) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
41 (10.10.1913)
Date
1913-10-10
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 41 Dr. Mochs Wochenschrift 751 diese Herzen, in höchstem Matze innerviert und irritiert, für ernste, geistige Mitarbeit — das ist das Anhören einer Predigt — nicht mehr zu haben sind. Nicht anders verhält sich der geschilderte Tatbestand bei den übrigen Gottesdiensten. In den meisten Wiener Synagogen dauert der Sabbatmutzafgottesdienst 21'.- 3 Stunden, die beinahe ausschlietzlich mit Gesang - für die meisten ist, da sie den llrtert nicht verstehen, auch die Thoravorlesung nur Gesang — ausgefüllt erscheinen. Mit Ausnahme der zwei kurzen Gebete, die bei dem Aus- und Einheben der Thora von dem Prediger gesprochen werden, kommt dieser während des ganzen Gottesdienstes nicht mehr zu Worte, so datz es bei dem intelligenteren Teil des Publikums den Eindruck erweckt, als sei der amtierende Prediger ein stummer Statist, ein Dekorationsstück, das allerdings dann etwas zu teuer zu stehen kommt. Die Predigt wird in der Regel am Freitag Abend gehalten. Aber in welcher Weise geschieht das? Zwischen Kiddusch und Olenu wird sie einem ungeduldigen. weil gleichfalls von gesanglichen und musikalischen Genüssen völlig saturierten Publikum kredenzt, auf welches buchstäblich angewendet werden können die Worte der Schrift: „Euere Lenden sind gegürtet, euere Schuhe an den Fützen, die Stöcke in der Hand." Welche Kunststücke mutz der arme Prediger anwenden, wie mutz er die Predigt zu einer piöeo cle resistauee gestalten, um die „fliehenden Kolonnen" zurückzuhalten: Gelingt es ihm nicht, die von dem bol enuto des Haschkivenu und Weschomru betäubte Zuhörerschaft auf der Linie solcher oder ähnlicher Genüsse zu erhalten, ist er gar so unbeholfen, den Rahmen seiner Rede etwas weiter zu spannen und über das in Wien übliche Matz des Einvierteltaktes auszudehnen, dann mag er bald sehen und hören, wie sich die gegürteten Lenden lösen, die Schuhe und Stöcke marschbereit in Bewegung setzen. Zur Illustrierung des Gesagten ist vielleicht am besten ein aus dem Munde eines hervorragenden Wiener Rabbiners stammender Ausspruch geeignet, dessen Namen ich nur deshalb nicht nenne, weil ich dazu eine besondere Ermächtigung nicht eingeholt habe. Als ich nach Wien kam, lautet dieser Ausspruch, glaubte ich zum Beispiel am Rosh-Haschonob übe' Rosch- Haschonoh sprechen zu müssen. Bald aber sah ich ein, datz man hierzulande am Rosch-Haschonoh über alles sprechen dürfe, ausgenommen was diesen Tag selbst betrifft. Noch schlimmer steht die Sache bei dem' Festtagsgottesdienste, wo der Rabbiner erst nach drei, ebenfalls fast ausschlietzlich mit Gesang ausgefüllten Stunden zu Worte kommt und daher unter den hier ^geschilderten Uebrlständen in noch stärkerem Matze zu leiden hat. Nirgendwo in der Welt wird so häufig über die a-lzulange Dauer der Predigt geklagt wie hier in Wien, wie es denn auch zu den Wiener Spezialitäten gehört, datz der Prediger mitunter von dem diensthabenden Vorsteher ersucht wird, mit Rücksicht auf die vorgerückte Stunde sich kurz zu fassen oder auch ganz zu verzichten Beides — die natürliche Folge davon, datz die Predigt aus der dominierenden Position, die sie einzunehmen berufen ist, in eine Nebenstellung gedrängt und zu einem Anhängsel des Gottesdienstes herabgedrückt worden ist. Kann aber unter solchen Amständen ernstlich noch von einer Predigt und von einer erbauenden und belehrenden Wirkung derselben gesprochen werden?! Die geehrten Herren Kantoren, die mich kennen, werden mich sicherlich erhaben über den Verdacht wissen, aus Animosität gegen ihren Stand oder gar aus Neid und Mitzgunst so zu sprechen. Ich bin der letzte, der ihre Stellung, ihre Verdienste um die Gestaltung d.es Gottesdienstes nicht zu schätzen wützte, der nicht wützte, wie notwendig zur Hebung und Stärkung der Andacht ein erhebender Synagogengesana ist. namentlich bei einem musikalisch und gesanglich so stark interessierten Publikum, wie es das Wiener ist. Auch ist mir keineswegs unbekannt, datz an den hier geschilderten Aebelständen nicht sie die Schuld haben, datz sie vielmehr sehr häufig dazu gedrängt werden, ihre Leistungen qualitativ und quantitativ über das notwendige, vom guten Geschmack gebotene Matz auszudehnen. Gerade deshalb glaube ich keine Fehlbitte zu tun, wenn ich die Herren höftichst einlade, mit mir und gewiß auch meinen Kollegen, obschon ich keinerlei Mandat von diesen besitze, dahin zu wirken, datz, wenn schon nichts anderes, zwischen Gesang und Predigt: c-vSi ’ e*3-3 das richtige Verhältnis hergestellt -und die eine durch den anderen nicht verdrängt werde. Wenn schon nichts anderes, glaubte ich nicht ohne Grund sagen zu sollen. Denn die Herren Kantoren wissen es ebensogut wie ich, datz, vom Standpunkt der historischen Entwicklung gesehen, der u r - eigentliche und ausschlietzliche Zweck des synagogalen Gottesdienstes die Belehrung durch das gesprochene Wort ist. Nicht nur stellt das n'z die ursprüngliche Gestalt unseres heutigen „Tempels" dar, sondern auch der weitaus größere Teil unserer Literatur, die lithurgische mit inbegriffen, ist nichts anderes als Midrasch und Agadah, d. h. Worte, gehalten und gesprochen zur Belehrung des Volkes. Das ist nicht etwa meine Erfindung, das hat vielmehr kein Geringerer als der Pfadfinder und Bahnbrecher der jüdischen Wissenschaft, Leopold Zunz, in seinem Werke „Die gottesdienstlichen Vorträge" unwiderleglich nachgewiesen. Ich persönlich bin in der angenehmen Lage, in Synagogen zu predigen, deren Vorstand, in richtiger Erkenntnis obiger Ausführungen, mir gestattet hat, die Predigt in die Mitte des Gottesdienstes zu verlegen. Ich habe dadurch vor allem mehr Luft und Bewegungsfreiheit, was aber die Hauptsache ist, ich spreche zu einem frischen, aufnahmefähigen Auditorium. Die Wirkung der kantoralen Gesänge erleidet dadurch keinerlei Schwächung, da ja zur Aufnahme gesanglicher Vorgänge bekanntlich eine viel geringere Konzentration erforderlich ist, als zu derjenigen von rein geistigen Dingen. Freilich ist damit nur ein schwacher Anfang gemacht, ,im Gebiet der gottesdienstlichen Ordnung in den Wiener Synagogen gibt es noch vieles zu gestalten und unmzugestalten, auf datz das jüdische Gotteshaus auch hier bei uns wiederum werde, was es zu sein niemals hätte aufhören sollen: eine Stätte der Lehre und Belehrung und das Wort des Predigers die ihm gebührende Wertung und Wirkung finde, als das Wort Gottes — ein Wort am rechten Platz und zur rechten Zeit. Korrespondenzen. Einweihung des uenerbauten Heimes zur Aus speisnng armer israelitischer Schulkinder -Knaben- und Mädchenbort) für den 16. und 17. Bezirk. Sonntag den 28. September fand in Ottakring, Wurlitzergasse 11, die feierliche Einweihung des unter dem Präsidium Direktor Beno Kahane, Obmann, Benedikt Schmidek, Obmann-Stellvertreter, Ottomar Katz, Schriftführer, Samuel Fischer, Schriftführer, S. Fischer, Kassier, erbauten neuen Heimes dieses Vereines statt. Der nach jeder Richtung hin gelungene Prachtbau, welcher mit den modernsten technischen Neuerungen ausgestattet ist, repräsentiert sich prächtig. Die Feier, welche unter der Leitung des Festkomitee- Obmanns Siegfried Stein, XVII., Obmann-Stellvertreter M. G o l d e n b e r g, der Herren: Jakob K o h n, S. F i s ch e r, Samuel Reumann, Moritz A u s p i tz, des Amtsleiters der israelitischen Kultusgemeinde des XVI. Bez. Herrn Sigismund R o ch m i s und Dr. Hermann Modern stand, leitete Herr Ober-Kantor M. B. Kaufmann ein, welcher das

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