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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-08-29 · 35 (29.8.1913) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
35 (29.8.1913)
Date
1913-08-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 36 De. Bkochs Wochenschrift. Sette 626 Häusern herumgekommen ist. Hat man noch ein wenig Naturanlage zum Wiedergeben, so mutz man mit der Zeit Großartiges in diesem Fache leisten. Gelle besaß diesen Funken des Genies und sie ist in der Tat das Muster, der Typus ihres Standes geworden. Sie macht in allen Rubriken eines großen Blattes. Vor allem in der Politik, in Zeilen, wo man sich für Politik besonders interessiert, wie z. V. während der Wahlen. Sie weiß genau, mit wie viel Liter Wein der eine Kandidat das Programm des andern bekämpft: sie kennt die Größe der Parteien, den Zuwachs und den Abfall, was immer während der Nacht im Wirtshause vor sich geht. Für ihre Person ist sie ein bischen klerikal, denn sie hält es mit 'dem Pfarrer, weil sie immer die Milch der frommen Denkungsart der Pfarrkühe bezieht und sich getreu an das Sprichwort hält: West' Brot du essest, deß' Lied mußt du singen. Allein sie gibt die öffentliche Meinung unverfälscht wie die Milch, und bei allen an sie herantretenden Versuchen, sie zum Cortesch zu gebrauchen, ist sie unparteiisch geblieben. In Gemeindeangelegenheiten ist sie besser als der älteste Tempeldiener versiert. Sie weiß, wie man über die letzte Predigt des Rabbiners, über die jüngste Kraftleistung des Kantors denkt, mit welchem Lehrer man zufrieden und mit welchem unzufrieden ist, und wer von den Repräsentanten nicht wieder gewählt werden wird und wer Chancen hat, anstatt desselben einzutreten. Gelle kennt die Stimmung so gut, daß die Betreffenden nicht selten wie zufällig in der Küche anwesend sind, wenn sie kommt, und sie interviewen. Aber bei Gelle Glock geht es nicht bim—bam—bum, wenn sie einmal zu läuten beginnt: sie ist diplomatisch und kann sich im Reden zurückhalten. Sie kompromittiert niemanden. Drängt man sie. so antwortet sie: „Guter, edler Herrleben! Wie Toll ich wissen, wer das oder das gesagt hat? Ich habe mir mein Personengedächtnis genug anzustrengen, wenn ich mir merken muß, für wen ich einen Liter und für wen ich zwei Liter Milch brauch', daß es mir grad' ausgehen soll. Leider kann ich nicht schreiben." Und bei dieser Gelegenheit pflegt sie die Neuzeit glänzend hecaüszustreichen und den Rabbiner, den Kantor, den Lehrer oder Vorsteher mit einigen Komplimenten abzufertigen, wie viel sie für den Fortschritt geleistet haben. Die Force ihrer journalistischen Tätigkeit liegt jedoch in der Besorgung des lokalen Teiles ihrer Aufgabe. Sie weiß, wer in der Nacht angekommen und wer abgereist, wem ein Kind geboren worden, wer gestorben und wer erkrankt ist. Sie kennt jeden Ehezwist, jede Gardinenpredigt und alle Familienangelegenheiten, worüber die Nacht ihren Schleier deckt, aber ihr Stil ist dezent, wenn just junge Mädchen in der Küche anwesend sind. Sie pflegt auch das „Volkswirtschaftliche", kennt die Vermögensverhältnisse eines jeden, weiß, welche Frau Geld von ihrem Manne geschickt bekommen hat, wer eine gute, wer eine schlechte Woche gehabt, aber sie entgeht immer der Verlockung, indiskret zu werden und etwa auch zu sagen, wo flott und wo knauserig gelebt wird, wer auf „Puff" nimmt und wem der Kredit beschränkt wurde, obwohl sie das alles, genau weiß. In Gelle Glock schlägt ein warmes Herz für die Armut und das Unglück. Sie selbst hak Hunderte in der Gasse ausstehen und drängt .ihre Schuldner nicht, und selbst, wo sie nicht die geringste Aussicht aus Bezahlung hat, borgt sie weiter, daß die arme Familie nÄt ohne Misch sei. Gelle ist daher bei ihrem sehr rentablen Geschäfte, das sie wie ein Privilegium hat, doch nur eine arme Person, während die Welt bei ihr Geld vermutet. Nur in einem ist sie assekuriert: sie hat schon seit Jahren die Sterbekleider fertig in der Truhe liegen, einen schönen Platz sich gekauft auf dem — Friedhofe und der Chewra-Kadischa einige hundert Gulden vermacht, um für sie „über hundert Jahre" Kadisch sagen zu lassen, denn sie steht ganz allein in der Welt. Nach dem Tode ist sie also bestens versorgt. Wie in den Blättern die „Letzte Post" oder der „Nachtrag" nur in einem Teile der Auflage erscheint, so kann Gelle selbstverständlich diejenigen Neuigkeiten, die sie auf ihrem Geschäftsgänge erst auffängt, in den vorher besuchten Häusern noch nicht angebracht haben und diese müssen sich bis zur Abendausgabe gedulden, die zwischen vier und fünf Uhr namittags erscheint, wenn die Milch zur Jause ausgetragen wird. Für's Feuilleton könnte Gelle von dem größten Residenzblatte engagiert werden. Sie ist unerschöpflich in Cwquis, in kleinen Erzählungen, lustigen und tragischen Inhalts, aus der Vergangenheit und Gegenwart Galanthas, sie kennt die Geschichte jedes Hauses, die Leiden und Freuden jeder Familie, die Genesis jedes Besitzes, die Ursachen jedes Nieder- und Unterganges, sie ruft die Schatten des Friedhofes ins Leben zurück und läßt sie ihre mit ihnen begrabenen Sünden an den Enkeln sühnen, sie webt um ganz Galantha den Zauberschleier der Romantik, daß die reale Welt darin kaum sichtbar ist. An Wochentagen hat sie natürlich keine Zeit zu diesen feuilletonistischen Arbeiten. Aber am Sabbat ruht auch Gelle, und da versammelt sich in ihrer großen Stube oder im Hofe des Hauses eine Schar von Mädchen und Frauen, die gespannt ihren Vorträgen lauschen. Gelle ersetzt auch den Inseratenteil eines Blattes. Sie ist Dienstvermittlerin, Wohnungsanzeiger und Schadchente, ohne jedes persönliche Interesse, das letztere rein aus Frömmigkeit, arme Mädchen unter die Haube zu bringen, und wenn sie eine Partie glücklich zustande gebracht, legt sie bei der Hochzeit ihren schönsten Staat an und freut sich, als ob sie ihr eigenes Kind verheiratet hätte. Gelle Glock hat bedeutende Verdienste um das gesellschaftliche Leben Galanthas. Sie bildet die Brücke zwischen Juden und Christen. Sie sitzt „bei der Melk" auch nicht stumm, und so erfahren diese die Verhältnisse und Zustände jener. Auf gegenseitigem Kennen beruht aber der konfessionelle Friede, und wenn einmal doch ein Wölkchen diesen Frieden zu stören geeignet ist. so zerstreut es Gelle durch ihre Vermittlung. Sie gilt etwas beim Pfarrer und Stuhlrrchter, etwas? Nein, mehr als der ganze Kultusvorstand zusammen, denn in ihrer Anrede: „Geistlicher Herrleben!" oder „Gnädiger Herrleben!" liegt so viel Rührendes, daß es den Haß entwaffnet. Sie genießt auch die Achtung von hoch und niedrig, und es schämt sich niemand, mit ihr sich auf die Gasse in ein Gespräch einzulassen, wenn sie gerade mit den Milchkübeln in beiden Händen auf ihrem Geschäftsgänge ist, und nicht selten wird sie in dieser Erscheinung einem Fremden vorgestellt: „Unsere liebe Frau Gelle Glock!" §iterat»r. „Der Orient', die von der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation“ herausgegebene Zeitschrift., veröffentlicht in der eben erschienenen Doppelnummer pro Juli- August genaue Angaben über die neue Kolonie Kiriath Mosche und eingehendes Material über die Palästina-Boden- Erwerbsgenossenschaften. Hervorzuheben ist ein Bericht über den Anteil der orthodoxen Juden an der Palüstina- Kolouisationsbevvegung sowie ein Auszug aus dem neuen türkischen Katastergesetz. Der in Charlottenburg verstorbene Bentier Max Krain hat der A. J. K. O. ein Vermächtnis von 20.000 Mark hinterlassen. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Herausgegeben vom .Büro für Statistik der Juden. Berlin, C. 2, An der Spandauerbmcke 15. Schriftleitung: Dr. Bruno Blau, Berlin. 9. Jahrgang. Doppelnummer. Heft Kr. 7/8. Juli—, August 1913. Inhalt: I. Abhandlungen: L. H o r w i t z, Kassel: Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Kurhessen.

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