Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 32 (8.8.1913)
- Date
- 1913-08-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 672 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 32 flüchteten. Ihre Hoffnung, daß man sie aus Czernowitz direkt nach den palästinischen Kolonien befördern wird, wurde nicht zur Erfüllung, immerhin nahm sich ihrer der Abgeordnete Dr. Straucher warm an und wurde auf dessen Inspiration eine Wohltätigkeits-Matinee veranstaltet, derqn Ertrag zur Anschaffung von Wagen und Pferden für die Flüchtlinge verwendet wurde. Und so zogen sie gleich unseren Vorvätern in der Wüste von von einem Orte zu dem anderen: Von Czernowitz nach Kolomea, Stanislau, Sambor, Tarnow, Krakau, Bielitz-Biala, Olmütz nach Böhmen; über Prag-Pilsen kamen sie nach Sandan, wo Sabbatruhe gehalten wurde, und am Sonntag Morgen gelangten sie nach Eger, hoffend, daß es ihnen gelingen wird — wenn ihnen die bayrische Regierung den Durchzug gewährt — sich nach Antwerpen zu schlagen, von wo aus sie sich einzuschiffen gedenken, um in das gelobte Land zu kommen. ... In Gesellschaft des Herrn Kultusvorstehers Löwy und des Chewra-Kadischa-Vorstehers, Herrn Wilhelm Herrmann begab ich mich auf den Wirtshof des „Erzherzog Stephan", wo die Emigranten Quartier für einen Rasttag aufschlugen und unserem Auge bot sich ein Bild des unsäglichsten Jammers: Dutzende in Lumpen gehüllte, aber auch halbnackte Kinder von allerlei Größen kauerten sich auf Strohsäcken herum, Weiber, nicht viel besser ausstaffiert, machten sich zu schaffen, ein Mahl für das Völkchen fertigzustellen und die Pferde, die den mageren Kühen im pharaonischen Traum glichen, kauten schläfrig an dürren Halmen. . . . Die Emigrantengruppe besteht aus acht Familien und 39 Personen, die Familienhäupter dienten treu dem Zaren. So befragte ich einige nach ihren Generalien und notierte mir: Moses Barosch, 35 Jahre alt, geboren in Kiew, Spengler, Vater von sechs Kindern, diente beim 38. Ludski-Regiment in Sorok- Zerkow; Sisi Katz, 36 Jahre alt, Faßbinder, Vater zweier Kinder, diente fünf Jahre als Kanonier in Bielo- Zarkart usw. Es sind zumeist Arbeiter, in den 20 er und 30 er Lebensjahren stehend. Von seiten des Herrn Kultus- und Chewra-Kadischa-Vorstehers wurde allsogleich eine Sammlung veranstaltet und konnte in einigen Stunden ein ansehnlicher Betrag den Emigranten eingehändigt werden: auch Wäsche und Kleidungsstücke wurde ihnen in reichem Maße zugetragen. Sie mußten über auch bald aufbrechen, dem Gastwirte sagte die Sensation nicht sonderlich'zu. („lleberall ergeht es uns so!" ächzten die Armen, „nur fort, nur fort, heißts!") Und schon nachmittags zogen sie nach Franzensbad, wo man sich ebenfalls in Liebe ihrer annahm. Oberkantor Wilkowitsch. Das Kino in Jerusalem. In Nr. 28 der „Oesterreichischen Wochenschrift" war eine Mitteilung aus' Mannheim zu lesen, wonach dort jetzt eben die biblische Geschichte der Esther in prächtiger kinematographischer Bearbeitung dargestellt werde, und diese Vorstellungen seitens des Publikums reichen Beifall finden. Diese Mitteilung hat uns, sonst im allgemeinen, und wahrlich nicht mit Unrecht, als kultur- und bildungsrückständig verschrieenen Jerusalemer dem fortgeschrittenen und erleuchteten Europa gegenüber doch auch einmal mit dem Gefühl einer gewissen Selbstbefriedigung, ja des Stolzes und Ruhmes erfüllt, denn anscheinend haben wir ja allen Grund, vor den Mannheimern uns zu brüsten: .„Doch darin sind wir euch über!" Seit länger als einem Jahre haben wir nämlich in Jerusalem jetzt schon das Vergnügen gehabt, in einem ganz vorzüglichen Pathe-Kinematographentheater unter der geschickten Direktion eines rumänischen Glaubensgenossen, Herrn C. Ginrich, in der großen Konferenz-Halle des Herrn S. Feingold jeden Abend außer einer Reihe ausgezeichneter Darbietungen aus dem Natur-, Mineral- und Pflanzenreich, der Geographie, der allgemeinen Länder-, Völker- und Sittenkunde, der Geschichte, der Politik, des sozialen Volks- und Familienlebens, der Künste, Wissenschaften und Gewerbe, namentlich auch eine Anzahl in technischer und künstlerischer Hinsicht ganz vortrefflich inszenierter, zauberhaft farbenprächtiger, natur- und geschichtsgetreuer Darstellungen aus der biblischen Geschichte bewundern zu dürfen. So hat sich z. B. schon die ganze Geschichte Mosis, der Tod der Tochter Jephtas, der Tod Sauls, die Verschwörung Absaloms gegen David, der Urteilsspruch Salomos, die Geschichte Jonas rc. rc. vor den überraschten und entzückten Blicken der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung Jerusalems abgespielt, welche jedesmal in Hellen Haufen zu dem Kino läuft, wenn auf den Anschlagplakaten an den Mauern der Stadt die Repräsentation irgend eines biblischen Sujets angekündigt wird. Demnächst verspricht Herr Ginrich, welcher sich mit seinem Kino nicht nur hinsichtlich einer angenehmen Unterhaltung in dem gesellschaftlich sonst so toten Jerusalem, sondern auch in bezug auf geistige und ästhetische Belehrung und Bildung des Jerusalemer Publikums schon sehr große Verdienste erworben hat, uns ebenso wie den Mannheimern auch den Genuß einer vorzüglich ausgestalteten Esther-Vorstellung zu verschaffen. Herr Ginrich bemüht sich überhaupt, was hier noch besonders lobenswert hervorgehoben werden soll, vom Guten immer das Beste dem Publikum zu bjeten, und wenn auch bis jetzt noch die Auswahl besonders der dramatischen Darstellungen manchmal noch etwas zu wünschen übrig ließ, weil dabei nach dem europäischen Muster die Mord-, Diebstahls-, Räuber- und zweifelhaften Liebesgeschichten samt der Verherrlichung von Wein, Bier und Tabak manchmal noch einen allzu breiten Raum einnehmen und an die sinnlichen Leidenschaften der Zuschauer zu sehr appellieren, so wird das mit der fortschreitenden Kultivierung und Veredelung des Kinos in Europa auch hier besser werden, denn Herr Ginrich kann ja selbstverständlich nichts Besseres geben, als man ihm von Paris oder Wien liefert. Mit dem 1. August wird das Kino in Jerusalem sicher noch eine womöglich größere Anziehungskraft auf das hiesige Publikum ausüben, weil Herr Ginrich jetzt auch auf eine entschiedene Verbesserung der musikalischen Begleitung der kinematographischen Vorführungen bedacht war. Eine aus drei Mann bestehende jüdische „Musikkapelle", deren ohrenzerreißende Töne Tiere heulen und Menschen rasend machen konnten, waren ja bisher nicht imstande, auch nur den primitivsten musikalischen Ansprüchen zu genügen, so wenig wie das unangenehme Gekreische und Gequieke eines größeren Phonographen. Jetzt hat sich der Direktor des Kinos von dem Unterzeichneten für den genannten Zeitpunkt ein melodie- und gesangreiches „Hoffmann-Piano" verschreiben lassen, welches jeden Abend von einem italienischen Künstler eventuell auch unter Geigen- und Flötenbegleitung gespielt werden wird, so daß die Besucher des Jerusalemer Kinos fortan für das gleiche geringe Eintrittsgeld neben dem Augenauch einen vorzüglichen Ohrenschmaus zu erwarten haben werden. Und sie werden sich auch sicher das erhöhte Vergnügen und den gesteigerten Genuß nicht entgehen lassen. Ob wir also in Jerusalem mit unserem Kino nicht wirklich etwas mit den Mannheimern rivalisieren und ihnen die Spitze bieten können? Phil. Kieferndorf, Jerusalem. Das mörderische russische System. Zwei kurze Mitteilungen aus Rußland über die mörderische Wirkung des russischen Systems: In Petersburg hat sich eine jüdische Meisterin, die ohne jeden Grund aus der Gilde ausgeschlossen wurde und demzufolge ihr Wohnrecht in Petersburg verlor und aus der Stadt hätte ausgewiesen werden sollen, im Vorzimmer der Gewerbebehörde vergiftet. Die Frau übte ihr ehrliches Handwerk nahezu 20 Jahre in Petersburg aus. Im Städtchen Petrikowka, nicht weit von Jekaterinoslaw, weilte bei dem jüdischen Krämer Bursinsky dessen Tochter mit zwei kleinen Kindern zu Gaste. Plötzlich wurde die Frau krank. Da erschien die Polizei und forderte die Kranke auf, die Stadt zu verlassen, da sie dort kein Wohnrecht besitzt. Vergeblich haben die behandelnden Aerzte die Transportunfähigleit der Schwerkranken bestätigt, die Polizei beharrte auf sofortiger Ausweisung. Mühselig schleppte sich die kranke Frau von dannen. In einem unbewachten Momente nahm sie Gift und starb. Der Da«lt des Zaren an einen Wischen Soldaten. Dem jüdischen Soldaten in Rußland Noah Schual wurde für seinen mit Einsetzung seines Lebens in schwieriger Situation bewiesenen Pflichteifer der Dank des Zaren ausgesprochen. Noah Schuak, der in Turkestan vor dem dortigen Militärgefängnisse allein Wache hielt, hat drei Militärsträflinge, denen es gelungen war, auszubrechen, allein wieder gefangen genommen.