Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 27 (4.7.1913)
- Date
- 1913-07-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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*Jtr. 27 Dr. Bwchs Wochenschrift. Skitl -195 Gleiwitz. Am 27. d. fand hier das Leichenbegängnis der im. 72. Lebensjahre verstorbenen F:au Philippine Gruntpald, Gattin des Herrn Ed. G r u n w a l d, statt. In seiner Grabrede wies unser Herr Rabbiner Dr. Münz auf die hohen Geistes- und Herzesgaben der Verewigten, insbesondere daraus hin, daß sie sich bis zuletzt als treue Mitarbeiterin ihres Sohnes, des Wiener Rabbiners Dr. Max G r u n w a l d, betätigt habe. Die ungewöhnlich rege Beteiligung gab Zeugnis für die Beliebtheit und Hochschätzung, deren sich die Dahingeschiedene in allen Kreisen erfreute. An ihrer Bahre trauerten außer dem tiefgebeugten Gatten zwei Söhne und eine Tochter, denen die Dahingeschiedene die zärtlichste, treueste Mutter, Freundin und Beraterin gewesen ist. Mittelschule in Freiwaldau. Im September l. I. wird in Freiwaldau die erste Glosse einer Staatsunterrealschule eröffnet, deren Ausgestaltung zu einem Reform-Realgymnasium vom k. t Unterrichtsministerium in Aussicht gestellt wurde. Mit allen hygienischen und neuzeitlichen Einrichtungen, wie Hochguellen-Wasserleitung, Känali.ierungF Gasbeleuchtung etc. versehen, von herrlichen, weit ausgedehnten Anlagen und viele Tausende Hektar umfassenden Waldungen umgeben, stellt sich Freiwaldau als eine der schönsten und gesündesten Städte der Monarchie dar, die alljährlich von einer stetig,wachsenden Zahl von Sommerfrischlern und Erholungsbedürftigen besucht wird. 2n herrlicher Lage im Zentrum der Sudeten gelegen, ist es der Mittelpunkt des Fremden- und Touristenverkehrs, ein Sommer- und Wintersportplatz ersten Ranges. Alle diese Vorzüge schaffen Freiwaldau die Eignung zu einer Mittelschulstadt in ganz besonderem Matze und geben die Eewitzheit, datz Eltern von weit und breit gerne ihre Kinder in die „Städteperle der Sudeten" schicken werden, zumal für tadellose Unterkunft und Verpflegung hinreichend gesorgt sein wird. Auskünfte erteilt bereitwilligst gegen Retoumarke Sigmund Braun, Freiwaldau. Prof. Haberda über den Ritualmordprozetz in Kiew. Aus Petersburg wird berichtet: In dem bekannten Ritualmordprozetz in Kiew wurde von der Untersuchungsbehörde auch das Gutachten des Wiener Professors für gerichtliche Medizin, Dr. Albin Haberda, eingeholt, der unter anderem erklärte, es sei keineswegs sichergestellt, datz wirklich sehr viel Blut den Körper des ermordeten Knaben Juschtschinski verlassen hat. Wenn es bei der Tötung des Knaben darauf ankam, das Blut des Knaben zu gewinnen und zu sammeln, dann war die Beibringung kleiner, zahlreich verstreuter Verletzungen wenig zweckdienlich. Professor Haberda weist den Gedanken eines Ritualmordes zurück. Ein jüdisches Turn- und Sportfest. Anlätzlich des im kommenden Herbst in Wien tagenden Zionistenkongresses wird ein grotzes Turn- und Sportfest veranstaltet werden, an dem sich ausschlietzlich Inden beteiligen dürfen. Das vorbereitende Komitee hat zu diesem Zwecke für den 7. und 8. September den Sportplatz Hohe Warte gemietet, auf dem alle für die Durchführung der leichtathletischen Konkurrenzen notwendigen Herrichtungen gemacht werden. Man erwartet eine sehr starke, vielsprachige Beteiligung, besonders aus den Ländern des Orients. Ein Jubiläum des Rabbiners von Galveston. Der Rabbiner der Iudengemeinde von Galveston, Dr. Henry Cohen, feierte vor kurzem fein fünfundzwanzigjähriges Dienstjubiläum als. Rabbiner von Galveston. Dr. Cohen, der Präsident des Galvestoner Ito-Komitees zum Empfange und Unterbringung jüdischer Emigranten ist, war aus diesem feierlichen Anlasse Gegenstand grotzer Ehrungen, an denen sich auch die protestantische und katholische Geistlichkeit beteiligt haben. Die grotze Galvestoner Presse widmete am Iubeltage dem Jubilar ausführliche Artikel, in welchen die großen Verdienste Dr. Cohens um die kulturelle Hebung von Galveston und^Teras im allgemeinen so rühmend hervorgehoben werden. Feuilleton. Der jüdische Von kgl. Bibliothekar Dr. Heinrich Loewe, Berl«. (3. F-,7ts-tznn>7.) Wie groß auch die Assimilation der Juden an die umgebende nichtjüdische Welt ist. so färben doch auch die Juden von ihrem Wesen auf die Nichtjuden ab. Namentlich sind es oft Dienstboten, die lange in jüdischen Häusern weilend, sich eins mit den Hausbewohnern fühlen und dann ihre Gewohnheiten nachahmen, besonders aber ihre Redensarten übernehmen. Dabei geht das oft viel weiter als man erwarten sollte. So verstehen in Berlin Christen in weiten Kreisen mehr vom Jüdischdeutschen als selbst die Mehrzahl der jetzt in Berlin ansässigen Juden. Aber oft nimmt das jüdi sche Wort in nichtjüdischem Munde entweder eine andere Bedeutung oder eine andere Form oder beides an. Doch bleibt etwas Jüdischklingendes an ihm haften. In einem jüdischen Hause war so ein altes Faktotum, das sich äußerlich den Juden assimiliert und durch die stete Gewohnheit jüdische Redensarten angenommen hatte, die er allzugern verwendete, ohne über ihren Ursprung nachzudenken. Eines Tages fragte ihn sein Herr, der ihm zu heizen aufgetragen hatte: „Johann, brennt denn das Feuer schon?" — „Alle jüdischen Kinder sollen so brennen," lautete die Antwort. Aehnlicher Redensarten gibt es im Jüdischen viele. So sagte man. um die Kürze der Zeit auszudrHcken, in der Wunschform: „Nicht länger sollen de Iiden in Goles (Verbannung) sein!" Eine andere oft zitierte Redensart lautet: „Mach' Schabbes damit" und will besagen: „Es lohnt sich nicht der Mühe, es ist nichts» wert!" Auch diese Worte sind oft in entstellter Form aus dem jüdischen Kreise und über ihn hinausgedrungen. Die Träger der jüdischen Witze sind nicht immer „ein gewisser" oder kurzweg „jenner". sondern oft genug wirkliche jüdische Witzbolde, denen nur auch die von andern geschaffenen und in Umlauf gesetzten Witze zugeschrieben werden. Dazu kommt, datz sie gewiß manchen Witz anderer und aus früheren Jahrhunderten wieder ausgenommen haben. Sie verfuhren meist dabei, wie es die Leute auf dem Lande mit den Anzügen machen. Der Anzug des Vaters wird gewendet, anders zugeschnitten und zu einem funkelnagelneuen Anzug für den Sohn zusammengestellt. So verpflanzen sich die Witze von Generation zu Generation. Und. was man bei den Tataren von Nasr-ed-din Chodscha. bei den Arabern und Berbern von Dschuha, bei den Norddeutschen von Till Ulenspeigel erzählte, das kommt in anderer Form bei Efrajim Greidiker und anderen jüdischen Wandervögeln zu neuem Leben. Nur ist es gewendet, zurechtgeschnitten und für ihre Zeit und ihr Milieu modernisiert. Im neunzehnten Jahrhundert wird der jüdische Wortwitz, zumal der als Schlagfertigkeit auftretende, meist auf Saphir angewendet und von ihm erzählt. Dagegen tritt ein früher viel genannter Witzling, der sein Zeitgenosse war und seinerzeit viel bewundert wurde, ganz 9