Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 27 (4.7.1913)
- Date
- 1913-07-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3022035-3022063--22275-3047412- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jh. 27 Dr. Bkochs Wochenschrift. Beil« 493 Dem anregenden Vortrag folgte lebhafte Diskussion über die einzelnen Punkte desselben. Frau Besthoss übermittelte der Mädchengruppe ein herzlich „Glück auf!" der Jüdischen Frauenvereinigung. Hieraus dankt Fräulein Jeidel der Rednerin, äußert ihre Befriedigung über das Einverständnis der Versammlung mit den Zielen der Mädchengruppe und schließt mit folgenden Worten der Pirkei Owaaus: Wandere nach einem Orte aus, wo die Thora eine Stätte hat: Aus der fremden Kulturwelt, die dich umgibt, komme an den Ort, wo dich der veredelnde Hauch echter Jüdischkeit umweht, in viel kräftigerer Weise als das Elternhaus allein ihn zu spenden vermag. Sage auch nicht, sie, die Tauro, möge dir Nachkommen^ sich nach dir richten, erziehe dich empor zu iHr und ihren Forderungen. Und sage nicht, daß deine Freunde sie dir erhalten, also auf dich käme es nicht an, nein, nur gemeinsam können unsere idealen Güter gefördert werden. Auf deine Einsicht, d. h. wie du die Dinge anzusehen vermagst, darauf verlasse dich nicht, sondern komme in den glaubensfrohen jüdischen Kreis Eleichstrebender! . * . ,./ Schließen Sie sich uns an, daß durch Sie unser Verein sich hebe, und Sie durch unsere Agudah erstarken zu vollen jüdischen Persönlichkeiten! Kopenhagen. (JüdischeEmigranteninDänemark.) Seil einigen Jahren hat auch Dänemark eine bedeutende Einwanderung russischer Juden aufzuweisen. Die judenfreundliche Gesinnung der Bevölkerung hat es den Juden ermöglicht, sich bald eine Existenz zu sichern. Sehr gut geht es den Handwerkern und qualifizierten Arbeitern, die anderen werden Landhausierer und finden bei der jovialen bäuerlichen Bevölkerung freundliche Aufnahme. Am unangenehmsten ist dieser Emigrantenstrom den einheimischen Juden, denen es sehr gut geht und die sich sukzessive mit den Autochtonen verschmelzen. Die Entwicklung eines geistigen jüdischen Lebens, Gründung von jüdischen Zeitungen und Vereinen, ist den „mosaischen" Dänen sehr ungelegen. Aber sie sind „den Männern mit den schwarzen Haaren und schwarzen Augen" gegenüber, wie die russischen Juden von den Dänen bezeichnet werden, ganz wehrlos. Der Ritualmordprozeh. Von besonderer Seite wird uns aus Kiew geschrieben : Der amtliche Antisemitismus hat nicht ohne Kampf seinen Sieg errungen. Auch in der russischen Beamtenschaft regten sich Widerstände, die in der Anklagekammer einen dramatischen Höhepunkt erreichten, als zwei Richter, die berufensten, erklärten, gegen den Juden Beilih liege nicht einmal ein Verdachtsgrund vor. Vor wenigen Wochen noch hieß es ganz bestimmt, Beilih werde freigelassen; man brachte mit diesen Gerüchten den Justizminister selber in Verbindung, der als Jurist zweifelsohne einsieht, dah man mit dem Material der bisherigen Voruntersuchung keinen Kriminalprozeh führen kann. Herr Schtscheglowitow soll jetzt entschlossen sein, den Fall so rasch als möglich aus der Welt zu schaffen, „auch wenn Beilih freigesprochen werden sollte". Dah man es überhaupt so weit kommen lieh, dah man die Kiewer Justizpflege mit Schmutz befleckt hat und aus dem Unrat keinen Ausweg mehr zu finden schien, hat seine Ursache nicht in persönlichen Hahgefühlen des Justizministers. Es sind dabei Einflüsse tätig gewesen, die von den Kiewer Festlichkeiten im September 1911, bei denen der Zar anwesend war und Stolypin ermordet wurde, ihren Ausgang nahmen. Beilih war damals schon verhaftet, die Erregung über den Knabenmord fieberte in der ganzen Bevölkerung. Es war ganz natürlich, dah sich die leitende Stelle des Reiches über den Fall erkundigte und eine rasche Erledigung forderte: damals erklärte man ihr, der Mörder sei gefunden, sei ein Jude. Nachher hat keiner den Mut gefunden, diese falsche Information dort, wo es nötig war, zu entkräften. Von diesem Termin an begann der ununterbrochene Verkehr der Kiewer Staatsanwaltschaft mit Petersburg, wo immer wieder persönlich neue Weisungen eingeholt wurden, die dann in den skandalösen Nebenhandlungen des Prozesses ihre unmittelbare Folge fanden. In Petersburg war aber mehr als der Justizminister der Oberprokurator des Synods, Herr Sabler. dafür maßgebend, der den geschäftsmäßigen Fanatismus eines Großinquisitors mit der Beschränktheit des blöden Judenfressers verbindet. Der Einfluß des Herrn Sabler gilt als grenzenlos: ihm schreibt man es zu, dah die höchste Stelle nicht richtig informiert werden konnte. An der Versammlung reaktionärer Größen in Petersburg, die die Entziehung des Beilih von seinen natürlichen Richtern und damit einen offenen Rechtsbruch befürwortete, hat auch Herr Sabler teilgenommen. Eine Verwirklichung dieser Anregungen befürchtet man hier nicht: auch ist man überzeugt, dah Kokowzow die übrigen Minister soweit beeinflussen kann, dah wenigstens der äußerlichste Anstand gewahrt und eine gefährliche Judenhetze vermieden wird. Es hängt nur von der Polizei ab, ob während und nach dem Prozeh die hiesige jüdische Bevölkerung gefährdet wird. Weder Glaubensfanatismus noch Rassenhaß führen zum Pogrom, nur die gemeinste Habsucht eines verbrecherischen Pöbels, der seiner Straflosigkeit sicher ist. Das Testament einer jüdischen Frau. In San Francisco (Kalifornien) wurde dieser Tage das Testament der reichen Kaufmannswitwe Frau Karoline Neustätter eröffnet. In diesem Testamente verfügt die hochherzige Frau, dah ihr 37? Millionen Dollar betragendes Vermögen, das sind nahezu 17 Millionen Kronen, fast zur Gänze jüdischen wohltätigen Zwecken zugeführt werde. Eine Million Dollar ist zur Errichtung von Sommerwohnungen für Arme, welche der frischen Lust und Ruhe bedürfen, bestimmt. Das Newyorker Har-Sinai-Hospital erhielt 106.000 Dollar und je ebensoviel die jüdischen Vereinigten Wohltätigkeitsverbände und das Newyorker jüdische Waisenhaus. Ebenso erhielten verschiedene allgemeine und jüdische Wohlfahrtsanstalten in Newyork und San Franzisko Beträge zwischen 10 und 25.000 Dollar. Auch Zeit ihres Lebens hat diese edle Frau in großem Mahstabe Wohltätigkeit geübt. Der Talmudprozetz in Kanada. In Kanada währt schon seit Wochen ein Prozeß, in welchem, wie schon so oft, über den Talmud zu Gericht gesessen wird. Kanada ist wohl eine englische Provinz, wird aber zumeist von Franzosen bewohnt, die zum allergröhten Teile unter dem Einflüsse eines eingewanderten fanatischen Klerus stehen. Dieser klerikale Antisemitismus konnte auch, wenigstens bisher, von dem englischen Liberalismus nicht niedergerungen werden. In dieser Atmosphäre war es ein Leichtes, in einem Queebaker Blatte eine Artikelserie erscheinen zu lassen, in welcher die alten Lügen gegen den Talmud aufgefrischt und zu einer blutrünstigen Hetze gegen die Juden benützt wurden. Da es in Kanada keine gesetzlich anerkannte jüdische Körperschaft gibt, die befugt wäre, namens der jüdischen Religionsgesellschaft aufzutreten, entschlossen sich zwei Juden, und zwar die Herren Lazarewitsch und Artenberg, beide hochangesehene Kaufleute in Queebak, gegen den Verfasser dieser Artikel klagbar aufzutreten. Interessant ist dabei, daß der Oberrabbiner von Montreal, Dr. Abramovic, gewissermaßen als Verteidiger des Talmud vorgeladen wurde, und diesem gelang es auch alsbald. den geklagten Flammandon so in die Enge zu treiben, dah er gestand, den Talmud nie gesehen zu haben, ihn auch nicht lesen könne, ja noch mehr, dah er persönlich gegen die Juden nichts habe und die Juden, mit denen er bisher in Berührung