Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 21 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nc. 21 Dr. Bwchs Wochenschrift. Beite 385 gemeinde Mährisch-Ostrau, Moritz Krasny, Vize-Präfident der Kultusgemeinde Mährisch-Ostrau, Dr. Ernst Straßmann und Dr. Max Beer, Mährisch-Ostrau, zu Ehrenmitgliedern ernannt. Jüdischer Frauen-Gottesdienst in Budapest. An den Sabbathen in der Sephira findet im prächtigen und geräumigen Tempel des KnabkN-Waisenhauses der Budapester iscael. Religionsgemeinde Fa-LorL7, um halb 5, ein feierlicher Mincha-Gottesdienst mit Predigt statt, der seit seiner Einführung durch Se. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. Hebest sich besonderer Beliebtheit erfreut. Wir hatten Gelegenheit, dessen warme zu Gemüte gehende Predigt, aber auch Prof. Lazarus, von dem Waiscnknaben-Chor begleiteten herrlichen Gesang zu hören, alles lauschte mit besonderer Aufmerkseit und die Hauptsache ist, daß Mütter und Töchter fürs Judentum gewonnen werden. Sie gewinnen die heilige Sprache in den Texten der Rede und in den Gebeten lieb und verlassen nach einer Stunde erbaut und fürs Judentum erwärmt die Andachtsstätte. Bis dieser Gottesdienst sich eingelebt hat, wird er nach den großen Tempeln verpflanzt werden. Diese Einrichtung verdient besondere Anerkennung, Förderung und Nachahmung. M. A. Fiumancr DeraschaH's. Das Andenken des seligen Direktors Moritz Lazarus aus Leniberg zu ehren, veranstaltete anläßlich der ersten Jahreswende seines Todestages sein Sohn Ingenieur Joseph Lazarus in Fiume eine Deraschah, die auf Gründung eines Vereines zur Konservierung der jüdischen Haussitte hinausläuft. Die Deraschah hielt Rabbiner Dr. M. Marge! aus Przemysl, derzeit Rabbiner in P o z e g a (Slavonien). An der Hand der Sidra „W a j ch i" leitete Rabbiner Doktor Marge! den Einfluß der jüdischen Haussitte auf die Konservierung der jüdischen Rasse und seiner hohen moralischen Befähigungen ab. Das unmittelbare Anschließen der Sidra „W a j ch i" an die Sidra „W a j i g a s ch" gab dem Vorlesenden Gelegenheit, in poetischer Weise darzulegen, wie die Werke des Sohnes ihre Wurzeln haben in dem Wesen des Vaters. Das tapfere Auftreten der Stamm-Mutter Rebecca gegen die Mischehe Esaues und dessen Bestrafung durch Entziehung des - Erstgeburt-Vorrechtes wurde vom Vorlesenden in bezug auf Erhaltung der jüdischen Rasse, der jüdischen Moral, der jüdischen Haussitte durch, eine lange Reihe von Beispielen an ^Nischehen kommentiert und hieraus geschlossen, welche Wege (im '^>inne der Thora) einzuschlagen sind, um das häusliche Glück der Kinder, bei deren Verehelichung, zu begründen. Das nachgiebige Verhalten Jakobs bei diesem Bruderstreite, al!s Nachahmung seines Großvaters Abraham gelegentlich eines Familienstreites, gab dem Vorlesenden Veranlassung, die Wege zu zeigen, aus denen Familien-Streitigkeiten gottgefällig ausgetragen werden sollen. Hier lieferte der Vortragende eine dem aktuellen Leben entnommene Auseinandersetzung zwischen „Glück" und „Segen", indem er an zahlreichen Beispielen nachgewiesen hat, daß bloß der von Gott Gesegnete die Früchte des Glückes genießen kann, wohingegen dem Bösen das „Glück" zum Beginne des Unglückes wird. Die Erduldenden Jakobs bei Laban, dann sein Emporarbeiten zum Reichtum waren für den Vorlesenden menschliche Dokumente, um darzutun, wie mir uns bei geschäftlichem Niedergang voller Gottvertrauen zu verhalten haben. Jakobs Wanderjahre gaben Veranlassung zu wichtigen Ratschlägen über die ethische Vorbereitung der Jugend vor Antritt ihrer Wanderungen. Das Seel^engemälde Jakobs, der beim Anblicke seines totgeglaubten Kindes an dessen Mutter denkt, hat alle Zuhörer tief ergriffen. Nicht minder das Bild des greisen Hirten, der den König von Aegypten segnet. Tief angelegt war die Erklärung des Testamentes Jakob*s, als moralische Grundlage der modernen Föderativ-Staaten: Alle Stämme dienen einem Könige; aber nur dann wahrhaftig, wenn jeder treu bleibt seiner Stammlichkeit, Wer dem Könige treu zu dienen angibt, aber seiner eigenen Stammlichkeit untreu bleibt — ist ein Heuchler. Jakob, der Vater des Vizekönigs von Aegypten, wollte nicht begraben werden in Aegypten. Am Beispiele Joseph's 'sodann erwies der Vorlesende, daß wer fromm ist zu Lebzeiten der Elstern, ist ihnen „t r e u". Wer aber fromm ist nach dem Tode der Eltern, ist ihnen „wahrhaft treu" (Chesed we-Emeth). Das enge Anschließen der Deraschah an tägliche Lebensereignisse hat die Anwesenden (Orthodoxe und Neologe) tief ergriffen und allgemein wurde der Beschluß gefaßt, F i u m a n e x Derasch ah* s zu einer ständigen Institution zu erheben. Das altvorgeschriebene „M i s ch n a" - L e r n e n zur Jahrzeit wird wieder zur Geltung kommen und es wird hier Brauch werden, am Todestage der Ellern Deraschah's abhalten zu lassen. Feuilleton. Elegie an die Gaste. Von Philipp N<rsch. So lange sie dastaud und den Jahrhunderten Trotz bot. wurde ihrer gelästert. Man wähnte, sie sei zu unrein, zu dumpf, ein Heim der Seuchen und ein trübseliger Rest entschwundener, rechtloser Zeiten. Jetzt, da die Rauchsäulen aus ihren Trümmern ge'n Himmel steigen, erklingt allenthalben die Klage. Nicht das Elend der Heimgesuchten allein ist es, das in allen Herzen menschenfreundliche Teilnahme wachruft, es ist ganz besonders der historische Schmerz, der sich zu diesen flüchtigen Gefühlen gesellt und der den Verlust unersetzlicher geistiger Güter beklagt. Ein Strom wohltätiger Gaben wird sich über die Vielgeprüften ergießen, sie werden wieder ihr Handwerk betreiben, ihre Familien betreuen, aus den Ruinen wird vielleicht manch neues Glück sprießen, und der große Brand in der Judengasse wird allgemach seine Schrecken verlieren, man wird müßig erzählen, daß er einst war, auch die Erinnerung wird verblassen, doch sie, die Judengasse selbst wird sich nimmer wieder erholen. Ihre Poesie ist eingeäschert, ihre Trautheit, ihre Heimlichkeit, das historische Milieu ist ein unwiederbringlicher Raub der Elemente geworden. Alle jene, der^n Wiege in der Gasse gestanden, deren Jugend in ihren Mauern verflog und die jetzt in aller Welt zerstreut bebenden Herzens die Kunde vernahmen, ziehen nun heimwärts mit ihren Erinnerungen und klimmen im Geiste wieder die Gasse hinan, wo das Elternhaus stand, wo die Mutter scheuerte und säuberte, wo der Vater kämpfte und sorgte, wo die Freundschaft sich erschloß, wo vielleicht die erste keusche Liebe regsam wurde und wo j-des zweite Nachbarhaus eine stille Andachtstätte in ihren Mauern beherbergte. Unsere Vaterstadt war nicht Preßburg, das war einzig und allein die Judengasse. Da draußen bedrohten uns sttts die handfesten Lieblosigkeiten der Christenknaben. Ein Spaziergang ins Gebirge, in das Blumental war ein kühnes Abenteuer und unser Steishut, die obligate Tracht des Talmudjüngers, kehrte oft als Bruchstück in die Gasse zurück. Dort oben, da ging es uns gut, unbehelligt fröhnten wir den Spielen und wenn die Dämmerstunde herabsank, da gingen wir in das nächste Bethaus, beteten und dankten Gott, für den Tag, den er gegeben. Und kam ein Rüsttag zu einem Jomtof, da beflügelte der fromme Eifer Alt und Jung. Durch die Gasse hin und wieder eilte geschäftig Arm und Reich, um für den Feiertag alles zu bereiten. Lange vor Eintritt der Nacht schlossen sich die Geschäfte und bald darauf erschienen die Väter im Sabbathstaate, Ruhe und Frieden auf den Antlitzen. Die kleinen Betstuben glänzten in der Flut von Lichtern und alle Trübsal und alle Sorge schwand in Hymnen und Gebeten dahin. Kam Chanuka ins Land, schmückten kleine Flämmchen die Fenster bis hinauf in den fünften Stock und wenn das lustige Purimfest anbrach, wogte abends eine tolle Menge durch die Gasse und Scherz und Spiel, Sang und Lustbarkeit erklang draußen und daheim in den niedrigen Stuben. Unvergeßlich sind die seligen Stunden vor Anbruch, des Kolnidre, die viel Kurzweil spendende Nachtwache am holden Wochenfeste, der Einzug in die luftige, buntgeschmückre Laubhütte . . . Der Geist der Judenheit in Preßburg war in den letzten Jahren dieser Poesie nicht mehr hold, nun ist die Fmersbrunst auf Sturmes Flügeln dem zerstörenden Schritt der Zeit vorausgeeilt. Um rauchende Trümmer schleicht Israels schwergeprüfter Sohn und scharrt nach den Resten seines begrabenen Heimes. Die milde Hand der Nächstenliebe geleitet ihn unversehrt und unversengt hinweg, doch kein Auge sieht die Tränen, womit der Genius des Judentumes in nächtlichen, einsamen Stunden die verkohlten Schwellen des jüdisch"» Heimes betaut. Sein Schmerz ist geheim und tief und niemand kann ihn stillen.