Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3022035-3022047--21943-3047064- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Vr. 11 Dr. Bloch’s ILtzr-tm- XXX i Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. -nmn- Wien, 14 März 1913 JErscöetnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, il/i, Praterstraße 9 Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Inhalt: Leitartikel: Eine heitere Klage. — Berühmte Judengemeinden des osmanischen Reiches. — Ferdinand Avenarius jüdischer Abkunft. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Zur Jahrhundertfeier in Deutschland. Eine unglaubliche Geschichte. Eine monumentale Synagoge in Madrid. Die tausendjährige Synagoge in Feodesia (Grinn). Arbeiterelend in Cavalla. Schriftsteller Hermann Bernstein, Generalkommissär für Einwanderungswesen in Amerika. Der Metropolit in der Synagoge. Das ist begreiflich. Auszeichnungen in Frankreich. Berichterstattung des Professors Slousch über seine Studienreise. Juden im Justizdienste der franzöfischen Kolonien. Zu den „Jüdischen Sprichwörtern" des Dr. A. Landsberger. — Korrespondenzen: — Eine Verleumdung der ..Selbstwehr". Reve des Präsidenten Dr. Alfred Stern an der Bahre des Dr. Maximilian Steiner. Verein „Kinderheim". Ehrung eines jüdischen Soldaten. Eine freche Herausforderung. Jahrhundertfeier der Freiheitskriege in Deutschland. Luzzatti über die rumänische Judenfrage. Professor Goldziher und der nächste Kongreß der Wissenschaftlichen Akademien. Das Memorandum der bulgarischen Juden. Die Legislative des Staates Newyork für die Rechte der rumänischen Juden. Gründung einer jüdischen Organisation zur Regulierung der Auswanderung. — Vermischtes. — Feuilleton: Randglossen zum Balkankriege. — Literatur. — Briefkaäen. - Notizen. — Inserate. OG' "~ --=00 P Wtpxgaprti» für Vrst-rrrirh: Halbjährig 8 Kronen: Einzelerernplare 50 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. i Anzeigen: Die nal gespaltene Petirzeile Heller. f! P ■ -Q r M. ü. Vopksxarkslffrnsant Sleartng-Verkebr Redaktion und Admtnistratton. wirn H/i, Praterstraße 9 Xelefo® 14847 ab» > Gine heilere Klage. Wer die Geschichte des Antisemitismus in Oesterreich kennt, hat sich sehr amüsiert über einen Artikel der „Ostdeutschen Rundschau", welcher den Rückgang des deutschen Elements in Böhmen mit beweglicher Silage feststellt. Daß die Tschechen den Prozentsatz der Bevölkerung ständig zu ihren Gunsten verbessern, ist eine: logische und natürliche Notwendigkeit, welche in der sozialen Lage begründet ist. Aber trotzdem müßte der Rückgang des deutschen Elementes nicht mit solcher Raschheit stattfinden. Die „Ostdeutsche Rundschau" erklärt nun den schnellen Verlust aus dem Verhalten der Juden. Diese gingen zum Teil zu den Tschechen über, zum Teil würden sie Zionisten und ihr Verhalten schädige die Sache des Deutschtums. Spät kommt die Erkenntnis, doch sie kommt. Der Abgeordnete Lecher hat einmal gesagt, der Antisemitismus sei ein Unglück für das deutsche Volk in Böhmen. Nun bestätigt sich dieser Ausspruch als eine wahre und richtige Prophezeiung. Man mutz nur aus eigener Anschauung wissen, welche 'Fanatiker des Deutschtums die Juden in Böhmen viele Jahrzehnte hindurch gewesen sind. Nicht nur. datz sie die größten Opfer an Zeit, Arbeit und Geld gebracht haben, zogen sie sich ohne Bedenken den Hatz der Tschechen zu. In vielen Orten lag bei ihnen die Entscheidung, ob die Deutschen oder die Tschechen dominieren sollten. Ohne jede Ausnahme entschieden sie sich shr die Deutschen. Ohne jede Ausnahme wiesen sie die aufrichtigen Liebeswerbungen der Tschechen zurück, ließen sie sich freiwillig für den deut- * scheu Wahlfonds schwer besteuern, warfen sie das ganze Gewicht ihrer großen Stellung in der Industrie, dem Handel und der Landwirtschaft, ihr ehrliches, durch'Fleiß und Charakter erworbenes Ansehen zugunsten der Deutschen in die Wagschale. Der Dank, den sie dafür bekamen, war ein wahres moralisches Martyrium. Mit 'Füßen wurden sie getreten, als Schönerer. Wolf und ihre „Ostdeutsche Rundschau" den Rassenantisemitismus aus Deutschland einführten und mit Eifer und Geifer verkündeten. Als verächtliche und minderwertige Volksfremde wurden die Juden ausgerufen, jede Gemeinschaft mit ihnen abgelehnt, man machte ihren Namen zum Schimpfwort und sprach ihren studierenden Söhnen die akademische Mannesehre ab. Die Juden hielten aber trotzdem an ihrer Treue fest. Sie wurden von ihren eigenen Brüdern deswegen sehr heftig als politische Mameluken gescholten und verhöhnt. Vielleicht mit Unrecht. Jemand, der eine angebetete Geliebte hat und sie plötzlich verliert, kann lange nicht daran glauben, daß sie ihm untreu geworden ist, und redet sich selbst den Bruch als einen bösen Zufall und einen vorübergehenden Spuk der Siime ein. So erging es auch den Juden in Böhmen. Sie konnten und wollten nicht glauben, daß das deutsche Volk, an dem sie mit jeder Faser ihres Herzens hingen und welchem sie so große Opfer gebracht hatten, sie plötzlich und kür immer verlassen habe. Aus diesem Gefühle der Sehnsucht heraus entwürdigten sie sich sogar, schlossen die Augen und Ohren vor den grellsten und lautesten Tatsachen, leisteten über Verlangen sogar antisemitischen deutschen Kandidaten Gefolgschaft und hofften noch viele Jahre lang, daß der alte, große Bund wieder hergestellt werden könnte. Aber endlich mußte auch diese Hoffnung ein Ende nehmen. Denn die Deutschen strengten ihre ganze germanische Kraft bis zum Bersten an. um die Juden von sich zu entfernen. Sie trieben das unabläßlich, bis die Juden endlich einsahen, daß ihres Bleibens nicht mehr sei, und gingen. Jeder Verlust wird erst erkannt, bis er eingetreten ist. Die Deutschen in Böhmen sehen ihre Zahl und ihren Einfluß schwinden, verlieren Stadt nach Stadt, vermögen die Mittel nicht mehr aufzutreiben, welche sie in diesen bedrängten Zeiten brauchen. Nach diesem Vermögen sehnen sie sich wieder, nicht etwa nach den Juden, und nun kommt so etwas wie ein Bedauern und ein Wunsch. Aber es gibt keine Rückkehr. Die Juden würden sich entmannen, wenn sie nach aller der dauernden und großen Kränkung, sich wieder in die- Gnade ihrer früheren und leidenschaftlichen Bedränger zurückbegeben würden. Das wäre auch ein falsches Prinzip. vor dem die politischen Ereignisse oft genug ge-