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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-02-28 · 9 (28.2.1913) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. ö Dr. Blochs Wochenschrift. Telle 157 niels vollzogen Werden. Aber die klugen Patres wußten sich zu helfen. Kann denn dasselbe Schauspiel nicht auch mit dem schon toten Abeles vor sich gehen? „Zu größerer Abschreckung" (in majorem terrorem) beschloß das königliche Appellations-Kollegium einen an der Leiche des Lazar Abeles vorzunehmenden Racheakt mit folgendem Urteilsspruche: „Im Namen und von wegen der Röm. Kais, auch zu Hungarn und Böhieim Königl. Majestät unseres Allergnädigsten Herrns Leopold I. haben dero Präsident, Vice-Präsident und Räthe. so über denen Appellationen ob dem Königl. Schloß sitzen, als ihnen die gesam'mte wider Lazar Abeles, Prager Juden, in punkto einer an seinem Sohn Simon Abeles begangenen Mordthat verhandelte Inquisitions-Acta vorgetragen worden, inmittelst auch der Jnquisit sich selbsten in wörtlichem reata erhenki und also den Richterlichen Entscheid und Urtheil bei seiner Lebenszeit nicht erwarten wollen, zu Recht erkannt: daß Eingangs gedachter in währenden würklichen reata. einer an seinem leiblichen Sohn begangenen Mordthat halber von sich selbsten erhenkten Lazar Abeles Juden todter Cörper dem gemeinen Wesen zu gebührender Satisfaktion und Männlichen zum Abscheu und Beyspiel von dem Orth seiner Erwürgung durch den Schärfs- Richter abgeworfen, durch die Stadt auf dem Richt-Platz geschleppt, alldorten eröffnet, das Hertz herausgerissen, ihm um Maul geschlagen und sodann der Leib in vier Theile geteilt auf dem Scheiter-Hauffen geworfen und öffentlich verbrannt werden solle. Von Rechtswegen. Den 16. Martii 1694." So geschah es auch zur größten Ehre Gottes drei Tage darauf. Jetzt sannen die Jesuiten darauf, für das ihnen nur halb gelungene öffentliche Schauspiel ein anderes zu bieten — die wirkliche Hinrichtung eines Juden und als Opfer war der zweite Hauptangeklagte Leb Kurtzhandel ausersehen. Natürlich durften die Verhafteten von dem Tode Lazar Abeles nichts erfahren, damit sie sich nicht auf den Toten ausreden. Nur eine Ausnahme machte man. Lea, die sich gleich den andern in Einzelhaft befand, sollte es wissen. Der amtliche Bericht läßt sie es durch eine Vision erfahren, die sie in der Nacht des „Selbst!- mordes" ihres Gatten gehabt und konstatiert, „wie die Lea Abelesin dieselbe Nacht, da ihr Mann sich erhenket, grosse Engstigkeit und Beschwerenussen des Hertzens an sich spüren lassen." Wie die Herren vom Gerichte zur Kenntnis des Seelen- und Gemütszustandes Lea's in derselben Nacht kamen, gehört zu den Mysterien des Iefuiten-Ordens. Man geht nicht fehl, wenn man au,- nimmt, daß ein frommer Pater die Erscheinung war, welche die schöne Jüdin in der Zelle um Mitternacht aufsuchte. Lea mußte Gearbeitet, werden, alle Schuld auf Löb Kurtzhandel zu wälzen. Wie viele Nächte Lea die Vision gehabt und „große Engstigkeit und Beschwernusse hat spüren lassen"? Wer weiß es! Aber an dem Gerichtstage der Konfrontation mit Löb Kurtzhandel taumelte die Arme berauscht nach dem Gerichtssaale und wäre fähig gewesen. ihren eigenen Vater mit einer Anklage zu belasten. Aus den Augen der Witwe Lazar Abeles' kam ein Leuchten rätselhafter Art als sie mit Löb Kurtzhandel vor den Richtern stand. Die Vorfragen waren erledigt. Lea hatte bejaht, daß sie den Kurtzhandel kenne und nun gab sie auf die Frage, was ihr von Kurtzhandels Beziehung zu der Tat „wissend sei", die dreiste Antwort: „Dieser ist der Mörder!" Löb konnte es Anfangs nicht fassen, daß diese Szene Wirklichkeit sei, aber als Lea mit kurzen Pausen, als müßte sie sich immer erst erinnern an das Bild, das ihrer Phantasie vorgemalt worden ist. die grausige Geschichte erzählte, da erkannte er das ganze Spiel, das mit der Witwe seines Freundes Lazar getrieben worden. Er stöhnte vor innerem Schmerze. „Du lügst", stieß er hervor und schleudert ihr ein abscheuliches Wort zu. bei dem Lea vor Scham ohnmächtig zusammensank und aus dem Gerichtssaal getragen werden mußte. Am 19. April 1694 wurde der Spruch gefällt, „Lob Kurtzhandel wegen sothanes seines schweren und ärgerlichen Verbrechens aus der Frohnfest auf die Richtstatt zu schleppen, daselbst andern zum Abscheu von unten hinauf vom Leben zum Tode hinzurichten und hernachmal darein zu flechten und in die Lusft aufzustecken seye." Löb Kurtzhandel's Anverwandte brachten die Sache vor dem Kaiser, indem sie in dem Majestätsgesuche ausführten, daß der Angeklagte unverteidigt, ungehört weder geständig, noch überwiesen, verurteilt worden sei. Der kaiserliche Bescheid lautete: „Als lassen wir es bey dem vermög der Rechten wider ihn Kurtzhandel gefällten und publicirten Hals-Urtheil allerdings gnädigst bewenden mit gnädigsten Befehl, daß Ihr solches, weilen an schleuniger Bevollziehung dessen dem Publico viel gelegen, ohne allen Anstand und Erstattung weitern Recurses an ihme erequiren lasset." Löb Kurtzhandel zeigte sich bei Verlesung der Kaiserlichen Dezision ruhig. Er hatte jetzt nur noch eine Frist von drei Tagen vor sich und brachte diese Zeit der Iesuitenpater Johannes Brandstätter bei ihm zu. um die vor der Pforte des Jenseits stehende Iudenseele noch in aller Geschwindigkeit der „alleinseligmachenden Kirche" zuführen. Allein vergebens. Auf eine Ochsenhaut gebunden wurde Löb zum Richtplatz geschleppt. Der Bericht sagt, daß er dort an das massenhaft versammelte Volk eine Anrede gehalten, worin er sich als den Mörder bekannte und beteuerte, daß kein Anderer daran schuldig sei. Welch' ein edler Zug! Er tat dies, um wenigstens die vielen andern in dieser Affaire Verhafteten zu befreien. Das Andringen des bekehrungseifrigen Priesters hörte noch nicht auf. Nunmehr begann die gräßliche Prozedur. Löbl wurde bis auf's Hemd entkleidet, zu Boden geworfen und auf die den Gliedern unterlegten scharfschneidigen Brechhölzer gebunden. Dann wurde das 80 Pfund schwere mit schneidigen Eisenschienen beschlagene Rad mit voller zerschmetternder Wucht aus der Höhe erst auf die Schienbeine, dann auf die Oberschenkel des Opfers herabgelassen. „Und zu jeglichem Stoß, mit welchem die Unter- und Oberschenkel durchbrochen, hat er mit jämmerlichem Geschrei Abraham. Isaak und Jakob geruffen", während der Jesuit ihm jedesmal eine christliche Formel zuschrie. „Und nachdem schon die ober- und Unterschenkel an Füssen, die Beine in Armen durch etlich und dreißig Stöße abgestoßen waren mit dem Rad. hat man die mit dem Hembd überdeckte Brust zu stoßen angefangen." Der amtliche Bericht meldet, daß Löb nun dem Priester nachsprach und dieser daher schnell eine Flasche Weihwasser, die er zu diesem Zwecke mitgebracht, hervorzog und den schon ganz zerschmetterten Juden mit lauter StimMe und dem' Gesänge des Psalms: „Lobet Ihr Kinder den Herrn" taufte. Jetzt, da man Kurtzhandel zum Christen gemacht, ordneten die Herren an, ihm die Augen zu verbinden, daß er den Gnadenstoß nicht mit ansehen müßt. Und als Kurtzhandel „den letzt-tödtlichen Stoß auf dem Hals empfangen und durch diesen gantz von Sinnen verlassen, unter starkem aus Mund und Nasen entspringenden Blut nach zweyen andern Stößen seelig in dem Herrn entschlasfen ist." Welche rührende christliche Liebe! Was aus Lea geworden darüber schweigen die Akten.

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