Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Br 6 Dr. Bloch’s 1*w,n Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums« Wien, 7. FeLnur 1913 : Lrscbelnt jeden Freitag, i Brief-Adreffe: Wie«» II/i, Afperubrückeng. 2 Telegramm-Adreffe: Bloch'S Wochenschrift, Wie«. Oü ■ -üC? Vrrugsprri« Tür : C Halbjährig 8 Kronen: Sinzelexemplare 50 Heller. Für'» BujsUnb: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. , Anzeigen: Die atalgefpal« j tene Pelttzeile 48 Heller. c, oP -Qo «. h. Poflsxarkalsenami ClearingsIDerfcebr flr. 810.976. Redaktion und Administration. Wien H/i, Aspernbrückengaffe 2 Telefon 14619 Inhalt: Leitartikel: Dr. Ferdinand Kronawetter. — Berühmte Judengemeinden des osmanischen Reiches. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die Minister der Balkanstaaten über die Juden der Balkanländer. Die Juden in der Aviatik. Eine Auszeichnung Ernesto Nathan's. Zur Eröffnung des Panamakanals. Zur Geographie des Auszugs aus Egypten. Der einzige Jude im Orte Bürgermeister. Ein Zwischenfall in einem Jeiusalemer Postamte. Ein jüdischer Herzog von Noxos. Das biblische Recht der Nachlese im französischen Rechtsleben. Jüdische Auswanderung im Monate November. — Korrespondenzen: Dr. Ferdinand Kronawetter. Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen. 10. ordentliche Generalversammlung des Tempelvereines deS 13. Bezirkes der Stadt Wien. Das Krakauer Handelspräsidlnm. Drathlose Geldanweisung an die Adrianopeler Juden. Eine schwere Geldwechsel- Krisis in Jerusalem. Oberrabbiner Dr. M. Diamant in Trencsen 1838—1913. Rabbiner Dr. Immanuel Deutsch in Breslau s. A. Russische Justiz. Der ruffische Frauenkongretz für die Juden. Eine jüdische Auswandirangskonferenz in Rußland. Das englische Königspaar im Ghetto. Henri de Rothschilds „Croesus". Die erste jüdische Schulin^pk ftor n in London. Ter Präsident der Judengemeindr in Rom. New-Aoik. Die Deinard-Kollektion in der amer kanischen National Bit! rthek. — Vermischtes. — Feuilleton: Die Geschichte der Juden Wiens. — Die Tragödie einer Getauften. — Literaun. Brieikasten. — Notizen. — Inserate. Ar. Ferdinand Kronaweiter. Der Volksmcmn. den sie am 2. Februar 1913 in Pottschach zur ewigen Ruhe gebracht haben, war ein aufrechter, begeisterter und gesinnungsstarker Apostel der Humanität und der Rechtsgleichheit, dem das Wiener Judentum ein dankbares Gedenken schuldet, und der es auch wohl verdient, daß ihm in diesen Blättern Worte treuer Erinnerung! gewidmet werden. Je seltener in diesen Tagen der politischen Charakterlosigkeit und der sittlichen Verrohung Mut und Ueberzeugungstreue. unerschütterliches Rechtsgefühl und mannhafte Offenheit zu finden sind, umso höher muß der Mann geschätzt werden, der für seine Grundsätze alles einzusetzen jederzeit bereit war. Dr. F. Kronawetter war der Führer der demokratischen Partei in Wien. Aber er vertrat nicht bloß die Doctrinen einer Partei, er mar der unermüdliche, glühende Verfechter der Menschheitsidee, welche, ohne Rücksicht auf nationale Unterschiede und ständische Vorurteile, das gleiche Recht jedes vom Weibe Geborenen statuiert. Die Grundsätze der Demokratie, wie sie Kronawetter vertrat, sind gleichbedeutend mit den Grundlehren und den Endzielen des Judentums, welche auf die Vereinigung aller Nationen des Erdballes im Dienste der menschlichen Gesittung und der friedlichen Geistesarbeit gerichtet sind. Mit unverrückbarer Treue hing er den Ueberlieferungen des Jahres 1848 an. Als Adolf Fischhof seine Einsamkeit verließ, um die freiheitlichen Elemente aller Nationen Oesterreichs zu einer starken Volkspartei zu sammeln, scharten sich um ihn auch Ferdinand Kronawetter und Dr. Karl Lueger, zwei demokratische Führer von starker, volkstümlicher Beredsamkeit. Damals war Karl Lueger noch Weg- und Parteigenosse Kronawetters, ein Führer der Demokraten, und nach Einleitung des Prozesses Rohling kontra Bloch hat ein intimer Freund Luegers (gewiß nicht ohne sein Bormissen) die Anregung gegeben, die Verteidigung Bl ochs kontra Rohling ihm, Dr. Karl Lueger, zu übertragen. Dennoch dauerte es nicht lange, und der „Demokrat" Lueger war den Lockungen der Macht erlegen und mit den Massen seines Zulaufes in das reaktionäre Lager abgeschwenkt. Ferdinand Kronawetter blieb vereinsamt, aber fest, stark und treu: weder Lockungen noch Drohungen konnten ihn von seinen Ueberzeugungen abbringen. Die Tatsache, daß er Beamter des Wiener Magistrates war, hinderte ihn nie. die Ausschreitungen und die Gewalttätigkeit des christlichsozialen Parteiregimes mit vollem Freimut zu brandmarken. Der Antisemitismus verbrämt sich mit Vorliebe mit sozialpolitischen Schlagworten. Dr. Kronawetter war die lebendige Widerlegung dieser heuchlerischen Phrasen. Wiederholt hat er es ausgesprochen, daß die Judenhetzc von den hochfeudalen Herren aus keinem anderen Grunde begünstigt wird, als um die soziale Gefahr von den Schlössern der Fürsten und Herren auf die Häuser der Juden abzulenken. In Betätigung dieser Anschauungen hat sich Dr. Ferdinand Kronawetter im Parlamente bei jeder Gelegenheit der geschmähten und verfolgten Juden ebenso angenommen wie aller Schwachen und Unterdrückten. Wenn die jüdischen Mitglieder der liberalen Partei die ärgsten Beschimpfungen und Verleumdungen gegen die Juden und das Judentum in unerklärlicher Mattherzigkeit geschehen ließen, ohne ein Wort zu erwidern, dann war es Ferdinand Kronawetter, der mit der flammenden Röte des Zornes auf der Stirne und mit der edelsten Begeisterung im Herzen, mit dem ganzen Feuer seiner eigenartigen, volkstümlichen, zu den Massen sprechenden Beredtsamkeit die Ehre der Juden verteidigte. Im österreichischen Abgeordnetenhause ging er stets mit dem damaligen Abgeordneten Dr. Bloch, dem Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift", Hand in Hand, der in ihm einen treuen Freund und Kampfgenossen besaß. So oft Dr. Bkoch im Parlament das Wort ergriff, eilte Kronawetter an seine Seite, stand in seiner nächsten Nähe, damit ihm kein Wort und keine Redewendung verkoken gehe. Dieses intime Freundschaftsverhältnis zwischen den beiden Männern war den Antisemiten, wie begreiflich, ein Dorn im Auge,