Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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breite 83 »f. s Dr. Blochs den Besten seiner Zeit genug getan und so gelebt für alle Zeiten. Wr den isr. Nächstenliebeverein sprach Dr. WiHelin Moscheles, der der ungezählten Wohltaten des Verblichenen Erwähnung tat, und -um Schlüsse gedachte Herr Dr. Julius B r a n d e i s im Ruinen des 'Zentralvereines zur Pflege jüdischer Angelegenheiten des Heimgegangenen Menschenfreundes. Die erhebende Feier schloß mit einem vom Oberkantor Lornitzer komponierten und vom Chor des Iubiläumstempels gesungenen Choral. * * * Der Familie des Verewigten ist eine Unzahl von Beileidskundgebungen zugekommen. Statthalter Fürst Thun kondolierte durch folgendes Schreiben: „Euer Hochwohlgeboren! Den Zeitungen entnehme ich die betrübende Nachricht von dem unerwarteten Ableben Ihres Herrn Vaters Dr. Ludwig Bendiener. Ich hatte sehr oft Gelegenheit, die hervorragenden, lauteren Charaktereigenschaften des Verstorbenen kennen und schätzen zu lernen und beklage deshalb aufrichtig dessen allzufrühes Hinscheiden. Ich bitte Euer Hochwohlgeboren und die ganze Familie, mein herzlichstes -Beileid entgegenzunehmen mit der Versicherung, datz ich dem Dahingeschiedenen ein ehrendes Andenken bewahren werde. Hochachtungsvoll T h u n." Weihbischof Dr. Frind schrieb an den älteren Sohn des Verblichenen: „Geehrter Herr Doktor! Gestatten Sie, daß ich ausspreche, wie schmerzlich mich die Nachricht vom Ableben. Ihres Herrn Vaters ergriffen hat. Er war ein Mann, der keinen Feind besaß. Das verdankte er der Anlage seines Herzens. Die Begabung seines Geistes habe ich bei den Sitzungen des ^Landesschulrates wahrzunehmen oft Gelegenheit gehabt. Mit Ihnen trauern gewiß Viele. Ich bitte nun für sich und Herrn Bruder den Ausdruck meines aufrichtigen Beileids zu empfangen. In vorzüglicher Hochachtung Weihbischof Dr. F r i n d." Vom Präsidium des Prager Stadtrates und Bürgermeister Dr. Gros hat Dr. Karl Bendiener das nachstehende Beileidsschreiben erhalten: ,'„Das Präsidium der kgl. Hauptstadt Prag nimmt mit Betrübnis die Nachricht vom Ableben Ihres hochgeschätzten Herrn Vaters zur Kenntnis., Da der Verblichene lange Zeit Mitglied des Stadtverordnetenkollegiums der kgl. Hauptstadt Prag war, erlaube ich mir, Ihnen und Ihrer geehrten Familie mein aufrichtigstes Beileid anläßlich dieses unersetzlichen Verlustes auszusprechen und bitte Sie, daß Sie den Ausdruck unseres Mitgefühls gütigst entgegennehmen und auch den übrigen Mitgliedern Ihrer werten Familie verdolmetschen mögen. Glei^eitig erlaube ich mir mitzuteilen, daß das Präsidium des Stadtrates in Anerkennung der Verdienste des Verewigten bestimmt hat, daß auf den Sarg namens der Stadtgemeinde Prag ein Kranz niedergelegt werden möge. Dieser Kundgebung des Stadtrates schließe ich auch für meine Person den Ausdruck meines tiefempfundenen Beileids an und zeichne in ausgezeichneter Hochachtung Für das Präsidium Dr. EroZ." Ferner kondolierten Minister a. D. Dr. Pacak, Vizepräsident der Finanzlandesdirektion Ritter v. Tersch, Vizepräsident des Landesschulrates Goll, die Hofräte Muhr, Pfersche, Ritter von Merhaut, v. Campe. Rzach, Arnold Pick, Hofrat und Kreisgerichtspräsident Hugo Weiß, Geheimrat Dr. Adolf Bachrach (Wien), Ministerialsekretär Dr. Otto Skuhravy, Präsident i. P. Sindelar des Handelsgerichtes, die OLGR. Stummer, Baukal, Hlawatschek und Sabata, die Landesgerichtsräte Weil, Homolka und Roubieek, die Abgeordneten Dr. Werunsky, Dr. Karl Maria Herrmann, Posselt und Dr. Kremann. Staatsanwalt Dr. Sandmann; die Hochschulprofessoren Grünert, OSR. Epstein, Kisch, Dittrich. Münzer, Boeneckenj Rolin und Kutner (Berlin), der Präsident deü Arbeiter-AnfaNversicherungsanstalt Dr. Otto Pribram: die Oberfinanzräte Petschek, Wiener und Koscherak, der Präsident der Advokatenkammer Dr. Kaufmann unb deren Vizepräsident Dr. Koerner, endlich der Präsident der Notariatskammer Dr. Batök. Wochenschrift. Karlsbad. In Karlsbad erscheint eine Zeitung, welche den Namen „Karlsbader Badeblatt" führt. Dieses Blatt leistet sich folgenden köstlichen Artikel als eine Antwort auf unseren Bericht vor 14 Tagen, in welchem wir darüber berichteten, datz auf einem der antisemitischen Bälle in Karlsbad zwar die d e u t s ch radikalen Stadtverordneten fehlten, dagegen deutschfortschrittliche Stadtverordnete und Stadtväter erschienen. Das „Karlsbader Badeblatt" schreibt darüber wörtlich: ,,Rabbi Blochs F.rhcn tun uns leid, denn wäre es ein antisemitisches Verbrechen, nationale Veranstaltungen zu besuchen, dann müßten die nächsten Blattfolgen der genannten Wochenschrift die gesamte deutsch-fortschrittliche Partei in Karlsbad an den Pranger stellen und zu Antisemiten stempeln. Wir begreifen die Herren Wacker. Reinl und Heimdörfer, sie gehen eben dorthin, wo ihre Kinder sieh befinden und sie selbst sich wohi und heimisch fühlen." In recht naiver Bekenntnis gesteht nun dieses Blatt ein, daß, wenn es sich um den Besuch antisemitischer Unterhaltungen handelt, die gesamte deutschfortschrittliche Partei in Karlsbad an den Pranger gestellt werden müßte. Das heißt also: die gesamten Deutschfortschrittlichen in Karlsbad besuchen die antisemitischen Bälle und Unterhaltungen in Karlsbad — aber auf den jüdischen fehlen sie natürlich. Das Badeblatt von Karlsbad hätte sich darüber nicht allzusehr zu echauffieren brauchen, denn was es da schreibt, das wissen wir schon längst; aber die jüdischen Kurgäste Karlsbads wissen es nicht. Man verstellt sich im Sommer in Karlsbad derart, daß, wenn man einen Juden aufmerksam macht, er wohne bei einem Führer der Antisemiten, er einem in das Gesicht lacht, und ausruft: In Karlsbad ein Antisemitismus? Unmöglich! Das etwas derartiges überhaupt möglich sein kann, das glaubt selbst ein Dummkopf nicht; aber das „Karlsbader Badeblatt" gesteht es naiv zu: Wenn es sich um den Besuch eines antisemitischen Balles handelt, dann müßten ja alle Karlsbader Deutschfortschrittlichen Antisemiten sein! ruft dieses Blatt erstaunt aus. Nun, verehrtes „Karlsbader Badeblatt", man kennt wohl bei euch das Sprichwort: „Sage mir mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist", und wer eben antisemitische Bälle besucht, diejenigen aber, welche von jüdischer Seite aus veranstaltet werden, boykottiert, der ist nach unserer Ansicht ein Antisemit. Die eigentümliche Ansicht des „Karlsbader Badeblatt" hat uns veranlaßt, uns ein wenig über dieses Blatt zu informieren und unsere Neugierde wird durch folgenden Bericht befriedigt: Das „Karlsbader Badeblatt" gehörte früher einer Altkarlsbader Familie namens Franiek und erfreute sich ehemals allgemeiner Wertschätzung. Anfang der neunziger Jahre ging es nach dem Tode des Besitzers auf die Franiekschen Erben und ein Konsortium über, und während der Redakteur Alfred D o r o s ch k i n einen vollen Einfluß über die redaktionelle Gebarung erlangte, wurde der Buchhalter Franz Popp administrativer Leiter der Zeitung. Als gegen Ende der neunziger Jahre die antisemitische Bewegung ihren Einzug hielt, schlug sich das „Karlsbader Badeblatt" sofort auf die Seite der Antisemiten; es erschienen die schärfsten Drohartikel zur Zeit der Wahlen und allerlei Angriffe gegen die Juden; nichtsdestoweniger nahm auch das Blatt Inserate von Juden gern auf. Die eigentümliche Stellung des Blattes läßt es auch erklären, warum es nichts sonderbares darin findet, daß Deutschfortschrittliche antisemitische Unterhaltungen besuchen. Es ist nämlich dem „Karlsbader Badeblatt" wiederholt nachgewiesen worden, daß es auf der ersten Seite Annoncen von tschechischen Firmen an hervorragender Stelle brachte (Ignaz Gottwald, Prag, Zawojski usw.f, auf der nächsten Seite aber über die Tschechen loszog und schimpfte. Dann folgte vielleicht auf der dritten Seite ein Aufruf, in welchem „den Deutschen nur durch Deutsche geholfen werden könnte, und auf die Schädlichkeit der „Nichtdeutschen" hingewiesen wurde", während die vierte Seite halb voll mit Annoncen von „Nichtdeutschen", nämlich von Juden, ausgefüllt wurde. Daß es unter solchen Umständen das „Badeblatt" für gar nichts besonderes findet, wenn Deutschforts chr ittliche auf antisemitische Bälle gehen, das nimmt nicht Wunder, denn in- Karlsbad gibt es wohl keinen ehrlichen Mann, gehöre er welcher Partei er wolle, welcher auch nur einen Augenblick an eine Gesinnung des „Karlsbader Badeblatt" glaubt. Allein andererseits ist es das einzige Blatt Karlsbads, welches ganzjährig am Vormittag erscheint; der Karlsbader will zum Frühstück eine Zeitung lesen, und deshalb kann dieses Blatt in Karlsbad eristieren. Es existiert aber nicht nur, sondern beherrscht die öffentliche Meinung; es erhält und pflegt den „Winterantisemitismus"; es beherrscht das Stadtverordnetenkollegium, sogar die andere Lokalpresse; Herr Doroschkin sitzt im Vorstande einer großen Zahl von Vereinen, ist Stadtverordneter und Bezirksausschußmitglied, und solange sich nicht in Karlsbad Leute finden, die das Herz haben, eine Morgenzeitung zu gründen, solange bleibt das „Karlsbader Badeblatt", das den Antisemitismus großgezogen^hat und erhält, Herrscherin von Karlsbad, dessen Willen sich das Stadtverordnetenkollegium, die Beamtenschaft, die Bevölkerung, fügen muß. — Vergeblich hat man schon im eigenen Lager der Deutschradikalen Versuchs gemacht, sich von den Fesseln des „Karlsbader Badeblatt" zu befreien; vergeblich sieht man in der gesinnungslosen