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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-01-24 · 4 (24.1.1913) · p. Seite 53

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
Seite 53 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 4 Jahrgang XXX Dr. Bloch’s Zentralorgan kür dte gesamten ilnteressen des Judentums. Zentralorgan kür dte gesamten ilnteressen des Judentums. -n—T-n- Wien, 24. Jänner 1913 Lrscbeint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, >1/1, Aspernbrückeng. 2 Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie«. Inhalt: Leitartikel: Die Pose des Kreuzzuges. — Das gegen die Justiz verübte Verbrechen im Prozeß Hilsner. — Berühmte Judengemeinden des osmanischen Reiches. - Vom Jahrmarkt des Lebens: Deutsche Juden auf dem Balkan. Der Wert mancher Zeugenaussagen. Israel Zangwills Neujahrswunsch. Verleihung der goldenen Medaille an den Präsidenten Taft durch die Vertreter des Ordens „B'nai B'rith" in Amerika. König Ferdinand und die jüdische Hilfsaktion. Ein Oxforder Professor über daS rituelle Schächten. Die Tragikomödie des Renegatentums. Das Salzen Neugeborener. Das biblische Recht der Nachlese im französischen Rechtsleben. — Korrespondenzen: Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge in Oesterreich. Eine Probe der Administration des neuen Bürgermeisters Dr. Weiskirchner. Dr. Ludwig Bendiener. Antisemitische Ausschreitungen in Galizien. Verein Nikolsburger Israelitisches Versorgangshaus. Die Milgliederaufnahme der Pester Chewra-Kadischa. König Ferdinand. Die Adresse der rumänischen Juden an den König. — Vermischtes. — Feuilleton: Zwei Erinnerungen. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. OU- ==DO p Nrsugsprri» für DeRrrrrldj: Q Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Sanzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Dte Snal gefpal» 2 tene Petitzeile 4« Heller. C oP ■ -On M. ft. PostspsrüastrnLinf Sleartng--Verkebr «r. 810.976. Redaktion und Administration: wir» ll/i, Aspernbrückeugaffe 2 Telefon 145 t!# Die Kose des Krenxzuges. Bekanntlich haben die Balkanstaaten der Türkei den Krieg im Namen der Menschlichkeit erklärt. Damit die mazedonischen Greuel unter türkischer Herrschaft endlich aushören, wurde das Schwert gezogen. Die christlichen Bewohner Mazedoniens und Rumeliens mußten endlich vom türkischen Joch unter christliche Herrschaft kommen, unter welcher allein sie die modernen Menschenrechte genießen könnten, statt fortwährend von Mord und Raub bedroht zu werden. Um dieses edle Ziel besonders zu betonen, wurde der Feldzug mit großem Pomp als Kreuzzug angekünd'gt und die Balkankönige sendeten einander in diesem Sinne allerlei salbungsvolle Telegramme. Wir haben nun zur Steuer der historischen Wahrheit nach unparteiischen und unumstößlichen Zeugenschaften von Forschern festgestellt, daß der Vorwand des ganzen Krieges erlogen sei. Nicht die Türken haben etwa die christlichen Bewohner ihres Reiches verfolgt und massakriert, sondern das besorgten diese selbst im eigenen Wirkungskreis. Die serbischen Banden wollten die bulgarischen Bauern zwingen, sich als mazedonische Serben zu bekennen, die bulgarischen Banden wieder verlangten nationale Zugehörigkeit zu Sofia und die Griechen wieder warben durch ihre Komitatschi mit Feuer und Schwert für Athen und seine allein seligmachende Kirche. Den Türken fiel einzig und allein die Rolle des Gendarmen zu, der darüber zu wachen hatte, daß die christlichen Völkerschaften Mazedoniens einander nicht ganz umbrächten. In ähnlichem Stil stehen ja an hohen Festen türkische mohammedanische Soldaten Wache in der Grabeskirche zu Jerusalem, damit dort nicht durch die religiöse Eifersucht der christlichen Pilger Mord und Totschlag an geweihter Stätte verübt würde. Damit ist die Vorgeschichte des Kreuzzuges erledigt und gerichtet, nun kommt seine Geschichte selbst daran, sein Verlauf und seine Durchführung. Schon vor Monaten haben vollkommen zuverlässige Berichterstatter der hervorragendsten Weltblätter gemeldet, daß die Zerben namentlich in Albanien wahre Menschenjagden veranstaltet hätten, daß unbewaffnete Männer. Frauen und Kinder zu hunderten niedergemacht und ihre Leichen in die Flüsse geworfen worden wären. Die Griechen haben in dem friedlich übergebenen Saloniki Pogroms veranstaltet und wehrlose Einwohner ohne jeden Grund auf der Straße niedergeknallt. Aus den Berichten deutscher Kolonisten in ihre Heimat geht hervor, mit welchem Vandalismus die Kreuzzügler in den eroberten Gebieten mit Leben und Eigentum der unbewaffneten türkischen Einwohner umgegangen seien. Alle diese gelegentlichen und teilweisen Berichte sind ihrem ganzen Wesen nach nur Ausschnitte der großen und grausamen Wahrheit, welche man aus türkischen Hilferufen und Beschwerden heraushörte. Was hat nun Europa auf allen diesen Jammer geantwortet? Ein so hervorragender Mann wie der französische Akademiker P i e r r e L o l 1 i. der berühmte Forschungsreisende und Romancier, hat an eine türkische Persönlichkeit einen Brief gerichtet, in welchein er seinen tiefsten Abscheu über die Menschenjagden ausspricht, welche die Balkanhrere gegen wehrlose Unglückliche veranstalten. Er habe dieser Entrüstung auch öffentlich Ausdruck geben wollen und einen Artikel geschrieben, der die Greueltaten brandmarke, aber vergebens diesen Artikel Pariser Blättern zum Abdruck angeboten. Die französischen Blätter hätten die Ausführungen nicht reproduzieren wollen! Im Anschluß an diesen Brief Pierre Lottis spricht ' das offiziöse türkische Blatt ..Sabah' von einem „Komplott des Schweigens" der Pariser Presse gegenüber dem unmenschlichen Treiben der Balkanvöller. Europa werde es verwirken, von Kultur sprechen zu dürfen, wenn es einen Schleier über Ereignisse breiten wollte, die mit der Pose eines Kreuzzuges so wenig übereinstimmen. „Sabah" hätte von einem Komplott des Schweigens im größten Teil der europäischen Presse sprechen dürfen. Aus materiellen Gründen, wegen günstiger Handels- und Bankvertrüge mit den Balkansiegern läßt sie ohne 'Widerspruch ihre Schlachten durch Schlächtereien feiern. So wetteifert das eine christliche Ideal mit dem andern, die so oft betonte christliche Kultur der Großmächte mit der Pose eines Kreuzzuges auf dem Balkan. Aber es war immer so. Im Namen des Kreuzes

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