Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 41 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 696 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 41 einst glücklichen Tage unseres Lebensfrühlings, in das marchen- und zauberhafte Paradies unserer goldenen Kindheit, woselbst wir rastlos heiter spielten, selig träumten und den ungetrübten sonnigen Himmel auf Erden hatten. Im Mittelpunkte aller Erinnerungen steht das Elternhaus mit feinen herrlich schönen Bildern, die der Zauber dieser Zeit in uns geschaffen und hervorgerufen hat. Keine irdische Macht und keine Zeit, mag sie noch so düster oder noch so heiter sein, ist imstande, dieselben aus uns zu verdrängen oder zu verwischen; denn zv tief haben sie sich mit ihren scharfen Konturen und ihrer Farbenpracht in uns eingeprägt und eingelebt. Wenn wir auch im Elternhause nicht auf Rosen gebettet waren und im Ueberflusse aller Lebensgenüsse schwelgten, so waren wir dennoch mit den bescheidenen Darbietungen sehr zufrieden und fühlten uns dabei sehr glücklich. Für die schmale und karge Kost und so manche Entbehrungen an den sechs Wochentagen entschädigte uns der Sabbath mit seinen außergewöhnlichen Speisen, die uns wie Leckerbissen mundeten, sowie mit allerlei Freuden, die er uns brachte, reichlich. In vermehrender Ungeduld zahlten wir die Tage und Stunden bis zum Sabbatheintritte, den wir mit dem sinnreichen Liede: „Eeelm dodi likras kalu!“ (Komm, Freund, der Braut entgegen!) freudigst begrüßten. Mit diesem empfingen wir zugleich unsern heimkehrenden Vater, welcher wegen Broterwerb die ganze Woche hindurch in der Fremde weilte. Seine Ankunft bildete für uns ein freudiges Ereignis. Mit diesem Momente trat plötzlich im Hause ein neues, frisches und rasch pussierendes Leben ein. Alle Hände regten und rührten sich und alles war vollauf bemüht, zur Ehre und Weihe des Schabbes der einfachen Wohnstube einen besonderen Glanz und Schmuck zu verleihen und dieselbe in ein herrliches Gemach zu verwandeln. Zum Zeichen des Sabbatheintrittes zündete die Mutier mit freudestrahlenden Augen und in inniger Andacht die Lichter des siebenarmigen Leuchters nebst zwei Kerzen an, welche mit ihren blendenden Strahlen das Zimmer taghell erleuchteten und in uns heilige Gefühle und eine unaussprechliche Feststimmung weckten und hervorriefen, welche sich stets steigerte und ihre höchste Resonanz erreichte, so wir nach dem Abendgottesdienste an der Seite der lieben Ellern an dem reinlich geschmückten Tische saßen und an den rituellen Vorgängen des Abends mit Gebet und Gesang den innigsten Anteil nahmen. Kein Maler wäre imstande, mit den richtigen Farben das Bild zu malen und kein Dichter könnte dasselbe wortgetreu schildern, welches sich in dieser Stunde im Kreise der Tischgesellschaft entrollte. Auf sämtlichen Gesichtern glühte und strahlte eine Sonne der vollsten Zufriedenheit und der höchsten Glückseligkeit, als würde der Abglanz Gottes aul ihrem Haupte ruhen. Dieses alles konnten nur wahre Frömmigkeit, religiöse Aeberzeugung und Glaubenstreue erzeugen und hervorbringen. Die Worte: „Waiewnreeb elohim es jom haschewii wejakadesch ausso“. die der Vater beim Kiduschgebete über den Wein mit tiefer Emvfindung und nachdrucksvoller Betonung sprach, senkten sich tief in unsere Seele, woselbst sie ein gewaltiges und verständisvolles Echo weckten. Bei gemütlichen Plaudereien und anziehenden Erzählungen des Vaters aus langst vergangenen Tagen, auf die wir mit gespannter Aufmerksamkeit lauschten, verflossen in angenehmster Weise die Freitagabendstunden. In gleich vergnügter und wohlgemuter Art verstrichen der Schabbesvor- und Nachmittag, so daß man mit vollem Rechte sagen konnte: es war ein „Oneg-Schabbes!" — Allein wie sieht es vielfach heutzutage in den jüdischen Hausern mit der Schabbesfeier- und -Freude aus? Dieselben haben eine große Ähnlichkeit mit dem Bilde eines Getreidefeldes. Entweder liegt dasselbe brach und ungepflügt da, so daß von seinem vormaligen Aussehen keine Spur vorhanden ist, oder es ist bereits seines reizenden Sommerschmuckes beraubt und bietet mit seinen lleberresten, den vertrockneten Stoppeln, einen sehr traurigen Anblick, ein Bild der Zerstörung. Wenn ehemals der jüdische Knabe das Elternhaus verließ und in die weite Welt hinauszog, da rief ihm der Vater in der bangen und begewten Abschiedsstunde die bedeutungsvollen Worte zu: Suchor es jom haschabbos jekadselio!“ (Gedenke des Sabbathtages, ihn zu heiligen!) — Dieser fromme Wunsch des Vaters fand seinen Weg in das weiche und leicht empfängliche Herz des pietätvollen Sohnes, woselbst er stets eingeprägt und rege blieb. Dann reichte er ihm den Wanderstab mit den Worten: „Es liamate hase tikack bejndecher asclier taasse bo es huassos!“ ..Nimm, mein Sohn, diesen Stab, den größten Schatz des Hauses, das teuerste Erbe unserer Väter, welches wir treulich im Hause bewahrt und gehütet haben — unsere allehrwürdige jüdische Tradition, unsere unbeugsame religiöse Ueberzeugung, unser festes Gottvertrauen, unsere Hoffnung, Zuversicht und Stärke —, mit aus deinen Weg. Derselbe soll dir ein treuer Begleiter durchs Leben sein! Wenn du dich auf denselben stützen wirst, so wirst du mit demselben Wunder wirken. Mit demselben wirst du alle bösen Triebe und wilden Leidenschaften zurückdrängen, alle bösen Geister der Verführung und alle dämonischen Gewalten der Verlockung und Verleitung bekämpfen und besiegen und dir den rühm- und glanzvollen Namen „Israelit", „Gotteskämpfer" erringen. Diesen göttlichen Namen sollst du. mein Sohn, unverändert mit Stolz auf dem Schilde der Ehre und Reinheit hoch halten!" Mit den schönsten und besten Lehren, den reinsten ethischen Grundsätzen und herrlichsten Bildern versehen und ausgestattet, zog der Jüngling in die weite stürmisch bewegte Welt hinaus und blieb seinen anerzogenen festen Grundsätzen stets treu. Allein, welche religiöse Begriffe, Lehren und Bilder nehmen die Knaben der Gegenwart häufig mit, so sie vom Elternhause wegziehen? — Zur Illustration und gründlichen Beantwortung dieser Frage mögen hier einige drastische Beispiele angeführt werden: Ein Knabe kommt mit voller Begeisterung von der Religionsstunde nach Hause und spricht: „Lieber Papa! Heute haben wir die sehr interessante Geschichte von den heldenmütigen Makkabäern gelernt. Der Herr Religionslehrer hat uns in anziehender Weife erzählt, daß dieselben mit Löwenmut und Todesverachtung gegen die Feinde gekämpft und das jüdische Volk, sowie unsere Religion vom Untergänge gebettet und die im Erlöschen begriffene Religionsflamme wieder angefacht und angezündet haben. Zum Andenken an diese glorreiche Tat zünden wir dinch 8 Tage die Chanukalichter an. Warum, Pava, zündest du heute, am Vorabend des Chanukafestes keine an?" Eine Schülerin spricht: „Mama, wir haben in der letzten Religionsstunde die Bruche gelernt, die man beim Anzünden der Sabbath- und Feiertagslichter spricht, warum zündest du solche nicht an?" Eine kleine naive Schülerin fragt: „Liebe Mama! Sind wir denn Christen, daß du in unserem Zimmer einen großen Christbaum aufgestellt hast? Der Herr Religionslehrer hat gesagt, daß die Juden keinen Christabend haben und auch keinen Christbaum haben sollen!" Diese und noch viele andere ähnliche Fragen stellen mitunter die Kinder an die Eltern, wodurch diese in große Verlegenheit gebracht werden oder auch nicht. Durch einen derartigen widersprechenden Vorgang und solche kontrastierende Anschauungen zum Schulunterrichte wird der Schüler verwirrt und in seinem Kopfe entstehen allerlei Gedanken, Bedenken und Zweifel, welche nicht selten bei dem Lernbefohlenm eine große Gleichgiltigkeit dem Religionsunterrichte gegenüber erzeugen und worin