Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-10-04 · 40 (4.10.1912) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
40 (4.10.1912)
Date
1912-10-04
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021981-3022022--21520-3046618
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Dr. Vlochs Wochenschrift Nr. 40 'Seite 6LO rischer und nationalökonomischer Werke. Seine politische Karriere begann erst unter Thiers, besten Sekretär er war; er wurde später Personalchef im Finanzministerium im Kabinet Leon Say und schließlich zum Vizedirektor der staatlichen Münze ernannt. Ernest Seligmann lebte seit 12 Jahren im Ruhestande mit dem Rechte, seinen Amtstitel weiter zu führen. Er bekundete für alle Vorgänge innerhalb des französischen Judentums stets ein lebhaftes Jntereffe und war wegen seiner verschiedenen Wohltätigkeitsaktc zugunsten jüdischer Wohlfahrtsanstalten auch im Kreise der Judenschast eine bekannte und beliebte Persönlichkeit. Tod des Chassidiwrabbi von Sadagora. Aus Sadagora wird berichtet: Am Sonntag starb hier der Rabbi A. Friedmann im Alter von 35 Jahren. Gleich seinem Verwandten, dem Rabbiner von Czortkow, hatte er sich des größten Ansehens bei der orthodoxen Judenschaft von Galizien, Rumänien und der Bukowina zu erfreuen, und auch aus Wolhynien und Littauen strömten den Verstorbenen zahlreiche Gläubige zu, um seinen Rat zu hören. Als ein schweres Leiden ihn befiel, suchte Rabbi Friedmann im Sommer d. I. vergeblich Heilung in Wien. Monatelang hielt er sich in hiesigen Sanatorien auf, nur in Gesellschaft seiner Frau, einer eleganten Dame, und seines Sekretärs. Er empfing selten Besuche, betete viel und diktierte seinem Sekretär ganze Tage lang Briefe an seine Chasttdim in der fernen Heimat, tröstende und ermunternde. Seines eigenen Zustandes war er sich bewußt. Er hatte einen schweren Magen- und Darmkatarrh und später stellten sich bösartige Neubildungen ein. Eine Operation, die Hofrat v. Eiselsberg vornahm, brachte dem Patienten vorübergehende Besterung. Bald nach seiner Rückkehr in die Heimat verschlimmerte sich sein Zustand jedoch so sehr, daß er das Krankenlager nicht mehr verlassen konnte. Am Versöhnungstage wurde der große Gottesdienst im Vorraum seines Krankenzimmers abgehalten und der Rabbi, der schon ganz entkräftet war, hielt sich strenge an den Ritus, betete und fastete den ganzen „langen Tag" hindurch. Die Chaffidim aber beweinten ihn schon an diesem Tage, denn diejenigen, die aus besonderer Gunst Zutritt zu seinem Lager erlangen konnten, sahen ihn langsam sterben: Sein Todeskampf begann am Versöhnungstag. Der Verstorbene hinterläßt zwei Söhne und drei Töchter. Moskau. Zum Mufikprofeffor am hiesigen Konservatorium wurde Herr Frey bestellt. Juterestant ist die Begründung für diese Bestellung. Der neuernannte Professor ist zwar Jude, allein die Rechtsbeschränkungen für die jüdischen Staatsangehörigen Rußlands find auf ihn nicht anwendbar, weil er der Angehörige eines fremden Staates ist. Feuilleton. Die Rothschilds. In diesen Tagen hat das Haus Rothschild einen Gedenktag begangen, welcher in der Oeffentlichkeit nicht unbemerkt vorüberging. Hundert Jahre sind es her, daß man seinen Begründer, den Frankfurter Mayer Amschel, in die Erde senkte — ein Same, der aufschoß, aufwuchs und eine unerhörte Macht in der ganzen zivilisierten Welt erlangte. Es mag wohl ältere und stolzere Adelsgeschlechter, heraldische Raubtiere im Wappen führend, geben, die legendäre Taten verrichteten, aber ist es nicht auch eine wunderbare Legende, daß ein stiller, schüchterner Jude, ein guter Schachspieler und ein gründlicher Numismatiker, noch innerhalb der abgesperrten Mauern des Ghettos lebend, den Grundstein legt zu diesem mächtigen und begabten Geschlecht, das unter den schweren Stürmen mannigfachen Judenhasses unbeirrt seinen Weg machte? Der Held mancher Sage ritt aus, gerüstet, in Eisen von Kopf bis zu Füßen, bis an die Zähne bewaffnet und eroberte Ruhm und Geld. Wessen Weg aus einem Schlosse führt, wag leicht kämpfen und Sieger bleiben. Aber die Rothschilds kamen aus einer engen verachteten Gasse, waren unbewehrt und ihre einzige Waffe war ihre Klugheit. Damit eroberten sie die Welt. In unserer Zeit, die Romantismen so abgeneigt ist und die gelernt hat, demokratisch und praktisch zu denken, verstehen wir die Bedeutung eines solchen Aufstieges wohl zu würdigen. Welche Stellung man dem Kapitalismus gegenüber auch einnimmt, man kann diesem Geschlechte, durch dessen Generationen die Genialität sichtbar in Form einer ökonomischen Begabung auftritt, Bewunderung nicht versagen, sowie ein denkender Konservativer einem Lassalle oder Marx seine Anerkennung nicht vorenthalten wird. Hier über die Bedeutung der Rothschilds zu sprechen, ist wohl überflüssig. Der Name Rothschild ist bereits ein historischer Begriff, sowie Cäsar und Napoleon es für die Kriegskunst geworden sind. Aber wir, dieses abgeschlossene Volk der Juden, das noch immer eine unsichtbare Mauer von der übrigen Welt trennt, wir wollen in diesen Tagen mit Genugtuung konstatieren, daß die Familie Rothschild den Weg vom Frankfurter Judengäßchen bis heute gemacht hat, ohne sich ihres gelben Fleckes zu schämen, daß die Bibel, die ihre Stammmutter, Frau Gudula, jeden Freitag abend fein säuberlich zum Gang in die Synagoge einpackte, heute noch ihren Ehrenplatz in ihrem Hause hat und daß sie kein „Entreebillet zur europäischen Kultur" notwendig hatten. Ein Name hat keine Tradition, wenn sie ihm nicht geboten wird und was dem Namen Rothschild seine Bedeutung gibt, ist nicht nur die Macht des Goldes, sondern auch die Kraft ihrer Treue, die unerschütterliche Hingabe an ihr Volk, in dem sie noch mit allen ihren Fasern wurzeln. Was Börne einmal bewundernd von ihrer Stammmutter, der Frau Gudula, schrieb, ist für ihre Nachkommen wahr geblieben: „Sie können sich nicht trennen von dem Elend ihres Volkes." Dies klingt für Manche selbstverständlich, weil man es bei den Rothschilds nie anders sah, aber werde nur einer schon in unserer Zeit einmal Sektionschef und trenne er sich nicht von dem Elend seines Volkes! Sei er nur einmal ein Fürstengünstling und ein glaubenstreuer Jude! Es liegt eine unerhörte Kraft darin, in diesem gewaltigen Aufstieg so ruhig die religiöse Contenance zu halten, eine Kraft, die von der innerlichen Festigkeit und Zielbewußtheit dieses Geschlechtes spricht. Wir wollen diese Tage nicht vorübergehen lassen, ohne davon zu sprechen, ohne offen zu bekennen, daß sie unser Stolz sind. An diesem Namen haftet kein Makel und wer ihnen sein Gut anvertraute, vom hessischen Landgrafen angefangen, der hatte es wohl verwahrt. Wenn der antisemitische Pöbel von der Inferiorität der Juden im Handel spricht, dann können wir ihm in den Rothschilds die Repräsentanz einer Gesinnung aufweisen, wie sie nur noch in dem Patriziergeschlecht der Fugger aus Nürnberg zu finden ist. Großzügigkeit und Großmut und unbedingte Verläßlichkeit war die Devise ihres Schildes. Wohl, ihre Wahlstatt war die Börse, aber wir alle wissen heute, daß dies der eigentliche Kampfplatz der Menschheit ist, deren tiefste Probleme im Grunde doch wirtschaftlicher Natur sind. In diesem Kampfe gingen sie voran, nicht zur Unehre des Judentums. In ihrer Art hatten sie das Wesen der Geschichte bereits längst so erfaßt, wie es heute die Sozialpolitiker und Nationalökonomen mit wissenschaftlicher Begründung tun. Sie kannten die Macht des Geldes wohl, sie lernten aus den Revolutionen und aus den Ereignissen ruhigerer Zeiten das große Triebrad aller Bewegungen kennen, sahen, daß das treibende Motiv immer in ökonomischen Problemen zu suchen ist und daß über Könige und Fürsten und. Regierungen ein viel mächtigerer Herrscher thront — das allmächtige Gold. Ein Jahr, bevor Mayer Amschel starb, wurden die Tore des Gettos geöffnet und die fünf Söhne, Anselm in Frankfurt, Natan in London, Salomon in Wien und Berlin, Carl in Neapel und Jacques in Paris, hatten das Judentum

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.