Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 39 (27.9.1912)
- Date
- 1912-09-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 3ä Dr. Bkochs Wochenschrift Teile 665 Nagy Kanizsa. Herr Samuel Goldmaun, zweiter Kantor und Vereinssekrelär der israelitischen Kultusgemeinde in Nagy-Kanizsa hat am Rosch haschono zum 50. Male vorgebetet. Diesen goldenen Erinnerungstag beging der bescheidene Mann in aller Stille. Sein 40jähriges Diensijnbiläum hat er im Jahre 190:4 feierlichst begangen und wurde damals der seiner seltenen Pflichttreue und seines biederen Charakters wegen allgemein geachtete Mann von der Gemeinde und vom gesamten Vorstande beglückwünscht. Herr Kantor Goldman» versieht noch heute in voller geistiger und körperlicher Frische mit Begeisterung seine Agenden; wir wünschen, daß ihm noch viele Jahre rüstigen Schaffens zur Ehre Gottes gegönnt sein mögen! L. W. Köln a. Rh Das Direktorium des Jüd. Nationalfonds (Adresse: Neumarkt 33) erläßt ein Preisausschreiben füreineneueNationalfondsmarke. Bedingungen: 2x/a mal 3 cm Aufschrift: „Keren Kajemeth Le Jisroel“ in hebräischer Quadratschrift. Die Marke soll die Tätigkeit des Jüd. Nationalfonds, der bezweckt, Land in Palästina zur Besiedelung durch Juden zu erwerben, in klarer, allgemein verständlicher Weise zum Ausdruck bringen. Die Entwürfe sind in einer Farbe auszuführen. Preise: 1. Preis 300 Mk., 2. Preis 150 Mk., eventuell weitere Preise ä 100 Mk. Preisrichter: E. M. Lilien, Lesser Ury und Dr. M. I. Bodenheimer. Endtermin der Einreichung: 31. Dezember d. I. Kinematographischer Bibel- und Geschichtsunterricht. Wie aus New-Aork berichtet wird, trägt man sich in dortigen jüdischen Kreisen mit dem Gedanken, in den jüdischen Schulen den Unterricht in Bibel und biblischer Geschichte durch kinematographische Veranschaulichung der in der Bibel geschilderten Ereignisse zu beleben. Dieser kinematographische Anschauungsunterricht hat sich in den Bibel- und Geschichtsstunden für Erwachsene bereits bewährt und nun soll durch diese Erfolge aufgemuntert auch bei den Schulkindern ein Versuch gemacht werden. jfeuilleton* Me Monde rmd Krimette. EinewahreGeschichteausderSommerfrische Von Jnlins Stettenheim. Die Brünette ist jung, liebenswürdig, intelligent und trotzdem bescheiden und zurückhaltend. Eine seltene Frau. Ich würde auch sagen, daß sie angebetet wird, wenn sie von dergleichen etwas wissen wollte. Aber sie will nicht außer dem Hause angebetet sein, und so bleiben ihr die Anbeter fern. Sie wird von vielen Männern, welche keine anderen Götter neben ihren Frauen dulden wollen, wegen dieses Selbstboykotts als Muster aufgestellt. Sie ist auch eine vortreffliche Mutter, die mit ihren Kindern in die Sommerfrische geht, und zwar weniger zu eigener, als zur Erholung der Kleinen. Es gibt bekanntlich Mütter, welche wenigstens vier Sommerwochen lang kinderlos sein wollen. Nachdem ich der Wahrheit gemäß so von ihr gesprochen habe, teile ich noch zum allgemeinen Erstaunen der Antisemiten mit, daß sie eine Jüdin ist. Die.Sommerfrische, welche sie in diesem Jahre ausgesucht hatte, war so recht eine für die Kinder, auch für die ihrigen, die sie mitgebracht. Der Ort hatte einen eigenen Spielplatz für die Kleinen, die daselbst allerlei Turngeräte und Sandhaufen in allen Größen finden, womit sie sich vortrefflich die glückliche Zeit noch glücklicher gestalten können. Das ist ein Gegrabe und Gespringe und Gejauchze! Da stehen auch Bänke für die Mütter, Bonnen und Dienstmädchen, welche die Kinder beaufsichtigen. ~ Auf einer dieser Bänke saß auch regelmäßig die Brünette und las und beaufsichtigte, oder beaufsichtigte und las, und neben sie setzte sich eines Mittags eine Blonde, eine schlanke, elegante Semmelblonde, eine distinguierte Erscheinung. Auch sie ist Mutier und auch sie beaufsichtigt ihre spielenden Kinder. Das ist kein kurzweiliges Geschäft. Im Gegenteil. Nichts weiter zu tun, als dann und wann warnend oder bändigend den Namen eines Kindes zu rufen, das ist ja auf die Dauer nicht sonderlich unterhaltend. Also plaudern die Blonde und die Brünette miteinander. Was Damen so plaudern. Ueber nichts oder über noch weniger. Damengeplauder, namentlich das lebhafte, besteht ja im Grunde aus nichts anderem. „Wie gefällt Ihnen der Ort?" fragte die Brünette. „Vortrefflich," versicherte die Blonde, während sie mit dem Sonnenschirm Runen in den Sand gräbt. „Gute Luft, gute Verpflegung, zivile Preise, — keine steile Umgegend, — was will man mehr?" „Nun, gute Gesellschaft?" sagte die Brünette, als sei sie wiicklich nach mehr gefragt worden. „Ich kenne die Gesellschaft noch nicht, ich bin erst angekommen und lebe sehr zurückgezogen. Was für eine Gesellschaft ist denn da?" „Eine nicht üble," berichtete die Blonde, „sie ist! nicht gerade aufregend, aber sie gefällt mir ganz gut, Beamte, Professoren. Kaufleute, Pensionierte, kurz, was so in die Bäder geht, um Geld und Fett los zu werden. Gestern lernte ich einen alten Major mit seiner treuen Gicht und seiner veralteten Frau kennen, charmante Leute. Nur einige jüdische Familien —" „Was ist's mit denen?" fragte die Brünette mit einiger wegen ihrer Plötzlichkeit schwer zu verbergenden Nervosität. „Diese Familien sind mir odios," fährt die ganz lebhaft werdende Blonde fort, sich länger als nötig auf der Silbe os aufhaltend. „Sie müssen die Damen sehen! Juwelierläden-Schaufenster. sage ich Ihnen, und täglich zweimal andere Dekorationen, selbst für den Ball zu auffallend. Und die Männer nach dem Frühstück und nach Tisch mit ihrem ewigen Tarock, während die Kinder in ihren Matrosenanzügen zwischen den Tischen herumtrompeten. Wenn sie fallen, so schreien die Männer, weil sie wahrscheinlich glauben, es sind die Kurse. Fürchterlich! Sie mögen meinetwegen ganz brave Leute sein, aber ich kann sie nicht ausstehen. Genug, daß man ihnen in Berlin nicht ausweichen kann, aber da sollen sie bleiben und einen nicht in die Bäder verfolgen!" Die Brünette überläuft's. Schon bei den ersten Worten hat sie unwillig gedacht: „Ach, eine Antisemitin!" Sie ist keine polemische Natur, sie überläßt opferfreudig Zank und Streit über das Recht oder Anrecht in dem „Sozialismus der dummen Leute" den Männern, aber auch diese hört sie nur mit Widerwillen darüber debattieren. Die Blonde, die nicht zu wissen scheint, daß die Brünette eine Jüdin ist, — aber sie müßte es ihr doch ansehen! — fängt an, ihr sehr unbequem zu werden. Soll sie ihr's sagen? Soll sie Farbe bekennen? Aber die Farbe bekennt ja selbst genug. Um ihre Verlegenheit zu verbergen, sagt sie etwas anderes: „Wie heißen die Leute?" „Wie werden sie heißen! Meier werden sie heißen!" schauspielert die Blonde, indem sie mit den Händen und dem ganzen Oberkörper Bewegungen macht, über die sich die Brünette ärgert. Der Brünetten ist der ganze Vormittag verdorben. Am anderen Vormittag treffen sich die beiden Damen wieder. Die Blonde hat nichts gemerkt und die Brünette will nichts merken lasten und ist deshalb so höflich wie möglich. Eine gebildete Frau wird immer höflich sein, wenn sie unhöflich sein möchte. Sie plaudert wieder das lebhafte Nichts mit der Blonden, die sie sehr gut unterhält. bis auf die Momente, wo sie über die Juden spricht. Da ist sie unduldsam, ungerecht, spotisüchtig.