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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-09-20 · 38 (20.9.1912) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
38 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 38 Jahrgang xxii Dp. Bloch’s Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. ° CF p C ~ =Oo ®. k. Postsparkaffrnaml? leartng=*l&erfc ebr «r. 810.976. Redattion und Administration. Dien TS.li, Hahugaffe Nr. 15. k Xelefon Nr. 14.847. J OP OQ -n □- Wien, 20. September 1912 Erscheint jeden Freitag. Brief-Adrefse: Wie». IX/i. Hahngaffe 15. Telegramm-Adreffe: Bloch's Wochenschrift, Wien. OG= =D o *P De^ngsprei» für Vestrrreilh: Q Halbjährig 8 Kronen; jj Einzelexemplare 50 Heller. Für s Ausland: Halbjährig 1u Kronen. Ganzjährig -0 «rousr.. Anzeigen: Tie 8 nal lene'Pelirze-le Hru-r. OP ■■ .— Inhalt: Leitartikel: Ein halbamtliches Dementi. — Die Inden im statistischen Jahrbuche der Stadt Wien für das Jahr 1910. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Beamtenmaßregelung wegen Unterzeichnung der Erklärung gegen den Ritualmord. Jüdische Ringkämpfer. Antokolski als Jude. Ein jüdischer Gefandschaftssekretär in Rumänien. Der feierliche Einzug des Helden von Tobruk in seiner Vaterstadt Venedig. Reuters Taubenpost. — Korrespondenzen: Gemeinderatswahl in Fünfhau-«. Ein Protest gegen die Septemberaktion der „Freien Schule". Wo sind ,7bie Feinde der Kirche"? Grundsteinlegung des Kaiser Franz Joseph I. Huldigungstempels des Bethauses Am Volkert. Ein Heldensaal im Jüdischen Museum. Tachau. Das Testament des Fürstbischofs Samassa. Die jüdischen Bergarbeiter in Oberschlcsien. Die Bedeutung der Juden für den Handel in Rußland. Die Kämpfe der rumänischen Juden um ihr Recht. Lord Rothschild und der Besuch Sasonows in London. Ein getaufter Jude in einer palästinischen Kolonie. Brandschatzung einer jüdischen Gemeinde durch bulgarische Banden. Roosevelt über den Einwanderungskommiffär Williams. Der amerikanische Zangwill. — Vermischtes. — Feuilleton: Jom Kipoer. Jaroslav Vrchlickys: „Die Weisheit des Rabbi". — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Gin haUmmttichrs Dementi. Unter dem Schlagwort „Der Papst gegen den Antisemitismus" brachten verschiedene österreichische und ausländische Blätter folgende Meldung, angeblich aus Rom: „Der Papst sandte an die Bischöfe von Oesterreich-Ungarn, Rußland und des Orients Rundschreiben, in denen er empfiehlt, unter keinen Umständen die Bewegung des Antisemitismus zu unterstützen. Sie sollten daraus hinwirken, daß Gewalttätigkeiten oder Angriffe gegen Israeliten vermieden werden." Die Unwahrscheinlichkeit der gemeldeten Tatsache war jedem, der mit den Vorgängen in der Zeitgeschichte und den Machtfaktoren vertraut ist, welche di,e Leitung der kath. Kirche in der Gegenwart beeinflussen, sofort klar. Dennoch — in überflüssigem Diensteifer — wurde die Wiener halbamtliche „Politische Korrespondenz" aus Rom beauftragt, folgendes Dementi zu bringen: „Die Nachricht mehrerer Blätter, daß der Papst an die Bischöfe von Oesterreich und Rußland ein Rundschreiben über den Antisemitismus gerichtet hat, ist vollständig unbegründet. Die Gesinnungen des Papstes in dieser Angelegenheit sind allgemein bekannt. Der Papst mißbilligt entschieden alle Handlungen, die mit den Geboten der christlichen Nächstenliebe in Widerspruch stehen und es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß er „ein gewalttätiges Auftreten" von Katholiken gegen Juden verurteilt. Es besteht jedoch kein Grund dafür, diesen Standpunkt des Papstes in einem Rundschreiben Ausdruck zu geben. Ein päpstliches Dokument, wie es einige Blätter ankündigten, ist jn keiner Form Vorhand en." Dieses prompte Dementi gibt zu einigem Nachdenken Anlaß. Wer sollte eigentlich durch das halbamtliche Dementi vor Irreführung bewahrt werden? Die Bischöfe und Erzbischöfe der Kirche, wie überhaupt der gesamte Klerus wußten ohnehin, daß ein solches Rundschreiben nicht existiert, niemand hat ein solches erhalten. Sie brauchten das Dementi nicht; dieses wendet sich somit an die weite Oeffentlichkeit der Laien. Dem schweren Schaden, daß der eine oder der andere der Laien der irreführenden Meldung Glauben geschenkt hätte, soll vorgebeugt werden. Deswegen wird betont, daß der Papst ein „gewalttätiges" Vorgehen gegen Juden nicht wünscht, er steht auf dem Standpunkt der christlichen Nächstenliebe, aber zu einem neuen Rundschreiben liegt kein Anlaß vor. Allerdings über den Inhalt des Gebotes der „christlichen Nächstenliebe" wurde vor einigen Jahren aus geistlichem Munde im niederösterreichischen Landtag ein eigenartiger Kommentar geliefert. In der Sitzung des niederösterreichischen Landtags vom 6. April 1892 erklärte der Abgeordnete Kooperator Schnabl: /..Die Nächstenliebe beginnt bei sich selbst, das ist die wahre Nächstenliebe, wie sie Christus der Herr gepredigt hat. dann erst kommen die Blutsverwandten; erst kommt die eigene Person, dann kommen die Eltern, dann die Geschwister, dann alle anderen, die uns näher stehen, das ist das Naturgesetz: da uns die Juden am entferntesten stehen, kommen sie zuletzt. Das wollte ich zur Aufklärung bemerken." Gegen diese Auslegung der christlichen Nächstenliebe durch einen katholischen Geistlichen protestierte keiner der zahlreichen Kollegen des Redners, und auch von seinem Bischof erhielt er keine Zurechtweisung. Im „Vaterland" vom 12. Mai 1889 war an leitender Stelle aus der Feder des verstorbenen Baron Vogelfang ein Artikel „Antisemitismus und Nächstenliebe" zu lesen, in welchem die volle Vereinbarkeit beider ausführlich dargelegt wurde. Und diese theologische Auffassung scheint dermalen die herrschende zu sein. Als vor einigen Monaten aus Anlaß des schändlichen Blutprozesses in Kiew die Stimmen der Gebildeten aller zivilisierten Länder gegen die Blutlüge sich erhoben und Proteste gegen diesen abscheulichen Aberglauben in den Zeitungen zu lesen waren mit den Unterschriften der hervorragendsten Gelehrten. Schriftsteller, Dichter, Philosophen und Theologen von Deutschland, England, Frankreich, Italien und Oesterreich, da fehlten in den Listen aller Länder des Kon-

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