Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 31 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Nr. 81 Seite 526 Dr. Blochs Wocheichchrrst biblische Erzählung von Judith und Holofernes und Wie die Märchen von Taufend und Einer Nacht, aber ein orientalischer Roman? Vergleichen Wir unseren modernen Roman mit einem bürgerlichen Drama, dann ist der orientalische einem Pracht- und Ausstattungsstück gleichzusetzen, das in alten, sagenumwobenen Zeiten, in prächtigen Palästen und prunkvollen Höfen spielt. Besteht unsere Erzähkungskunst darin, einzelne Charaktere als Individuen und Persönlichkeiten dem Leben gleich scharf lrerauszuarbeiten, so stellt die orientalische Erzählung immer dieselben bekannten Typest dar. Der weise, in Ungnade gefallene Minister, der undankbare Neffe sind z. B. solche typische Gestalten. Was aber gerade dem hier besprochenen Romane seine Verbreitung verschafft hat, ist nicht die eigentliche Erzählung, sondern die bei der Erziehung und Bestrafung des Naoan eingestreuten Sprüche und Fabeln des Achikar. Aehnlich den Sprüchen Salomos und Sirachs haben auch sie als Handbuch des Anstandes und Umganges ungeheure Verbreitung gesunden und Abertausende von Lesern des vorderen Orients gelehrt. Wie sie sich in allen Lebenslagen zu verhalten haben. Diese Vorliebe für die Spruchliteratur mag für uns, die wir heute weder zu unserer eigenen Lektüre noch in der Erziehung mehr zu Sprüchen und Fabeln greifen, etwas seltsam Merkwürdiges haben, aber wenn wir an die Ritterspiegel der-griechischen Antike und des Mittelalters denken, werden wir verstehen, daß auch die m mkserem Roman enthaltenen Sprüche und Fabeln von Volk zu Volk gewandert und von einer Sprache in die andere übersetzt worden sind. In Europa wurde der Achikarroman zuerst am Ende des 18. Jahrhunderts in französischen Uebersetzungen als Anhang zu den arabischen Erzählungen yon Tausend und Eine Nacht h-kannt. Syrische, armenische, äthiopische, byzantinische und slavische Bearbeitungen kamen im folgenden Jahrhundert zu unserer Kenntnis Aber nicht nur auf orientalischem Boden finden wir unseren Roman. Die ungeheure Rolle, die der Name des Achikar auch in der alten griechischen Welt gespielt hat, können wir heutze nur noch ahnen. Bekannt ist ein Mosaik, das der reiche Römer Monnus sich im 3. Jahrhundert n. Ehr. in seiner Villa in Trier ausführen ließ. Neben den großen Dichtern ließ er sich als Vertreter der Erzählungskunst, welche die Mrtzse Polyhymnia verkörpert, unseren Achikar darstellen. Von dem alten Fabeldichter Aefop wird erzählt, daß er altz wandernder Weiser nach Babylon gekommen sei und dort dieselben Abenteuer wie jener alte Minister erlebt habe. Der Philosoph Demokrit soll die Sprüche des Achikar auf einer Säule in Babylon gefunden, übersetzt und in seingriechische Heimat gebracht haben. Und auch von Thevphrast sagt man, daß er ein Werk über unseren Weisen geschrieben habe. Allen diesen Angaben aber standen die Gelehrten bisher sehr skeptisch gegenüber. Man wollte es nicht wahr haben, daß die Griechen schon vor Alexander dem Großen von dem vorderasiatischen Kulturkreise beeinflußt worden seien, und man sah in diesen Berichten nur sagenhafte Phantasien junger, unzuverlässiger Schriftsteller. Diese Zweifel galten insofern als berechtigt, als unser Roman selbst zum erstenmale im biblischen Buche Tobit erwähnt wird und. daher frühestens im 2. Jahrhundert v. Ehr. entstanden zu sein schien. Da haben wieder einmal die Ausgrabungen im Orient der wissenschaftlichen Forschung ein Schnippchen geschlagen. In Elephantine, auf dem südlichen Teile der gegenüber Assuan im Nilstrome gelegenen Insel, wurden in den Jahren 1906—1908 eine Menge aramäischer Papyrussetzen ans Licht gefördert. Der größte Teil von ihnen befindet sich im Berliner Museum und jist jüngst von Geheimrat Sachau, dem SemitistM an.der Berliner Universität, der wissenschaftlichen Welt zugänglich gemacht worden. In diesen zufällig zusammengebrachten dürftigen Urkunden haben wir Reste einer Kultur vor uns, die in der Weltgeschichte nie eine große Rolle gespielt hat und die uns daher bis jetzt so gut wie gar nicht bekannt war, die aber neue Farben und reizvolle Töne für das Geschichtsbild liefert, das wir von dem vorderen Orient besitzen. Eine jüdische Militärkolonie in einem entlegenen Zipfel Aegyptens spricht plötzlich in Privaturkunden, Briefen, Eingaben und Erlassen der Behörden zu uns. Wir befinden uns in der Äegierungszeit des .Perserkönigs Darius, in der bedeutungsvollen Periode, da sich nach der Rückkehr aus dem babylonischen Eril das Judentum zu konsolidieren begann. Vieles, was die Bibelkritiker als zweifelhaft oder gar falsch verworfen hatten, haben diese Papyrusfunde als historisch unzweifelhaft festgestellt. Elf Papyrusfetzen, die nach den Nachweisen von Sachau um das Jahr 407 v. Ehr. geschrieben sein müssen, enthalten Stücke aus dem uns bekannten Achikarroman und beweisen somit unwiderleglich, daß diese Erzählung im 5. Jahrhundert v. Chr. in einem entlegenen Teile der damaligen Welt bereits eine geläufige Lektüre war. In den Hauptstädten wird sie sicherlich schon 100 Jahre früher den Gebildeten bekannt gewesen sein. In der Zeit aber, wo ein alter jüdischer Veteran in Elephantine diese schlichte Novelle mit ihren Sprüchen zu seinem eigenen Gebrauche und zur Erbauung auf ein abgenütztes Rechnungsformular mühsam niederschrieb, zu derselben Zeit soll sie — das braucht gar keine Erfindung Späterer zu sein — der Philosoph Demc/krit auf einer Säule in Babylon, gelesen und den Griechen in seiner Heimat in einer llebersetzung zugänglich gemacht haben. Aus dem Geschichtsunterricht in den Schulen nehmen wir zwar die Auffassung mit, als ob die griechische Welt aus sich allein entstanden und unabhängig erwachsen, als Sieger aus dem Kampfe gegen die orientalische Barbarenwelt hervorgegangen sei, die geschichtliche Forschung der letzten Jahrzehnte aber hat ps gelehrt, daß schon lange vor den Perserkriegen westlich und östlich des Aegäischen Meeres, vom Isthmus bis zum .Euphrat und Tigris, eine geschlossene Welt mit bestimmten gemeinsamen kulturellen Werten eristiert hat. Die Einflüsse des vorderen Orients auf die mykenischfkretische Kultur waren uns schon bekannt, literarische Gemeinsamkeiten und Abhängigkeiten auf beiden Seiten des Meeres, wie sie unser Roman beweist, konnten wir bisher nicht aufzeigen. Ts ist das Verdienst des Berliner Historikers Eduard Meyer, dieses ewige Hm- und Herfluten, dieses Geben und Nehmen für die gesamte antike Welt aufgedeckt und auch im Anschluß an die neuesten Papyrusfunde erst jüngst wieder betont zu haben. Daß schon im 5. Jahrhundert v. Chr. in Griechenland, Syrien, Aegypten und Babylonien dieselbe Erzählung und dieselben Sprüche abgeschrieben und gelesen wurden, konnten wir nicht ahnen. „So ist die Weisheit des Achikar für uns das älteste Buch einer durch die verschiedensten Völker und Zungen sich verbreitenden internationalen Weltliteratur." gitattfar. Sammlung der Normalien für den israelitischen Religionsunterricht an den Mittelschulen Oesterreichs'. Im Aufträge des Verbandes der isr. Religionslehrer an den Österreichs scheu Mittelschulen. Herausgegeben von Dr. Leopold Goldhjammer, k. k. Professor, Wien 1912. Manz’sche k. u. k. Hof-Verlags- und Universitäts-Buchhandlung, I., Kohlmarkt 20. Dr. T. Eisenberg, Rabbiner in Dobris. Das Leben der Propheten nach der arabischen Legende. Aus den ersten Quellen zusammengetragen, ins Hebräische übersetzt und