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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-07-19 · 29 (19.7.1912) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
29 (19.7.1912)
Date
1912-07-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. SÖ Dr. Mochs Wochsnfchnft Seite 463 zfeullleton. Wie ich Philosrmit geworden. Unter dieser Ueberschrift erzählte der berühmte ungarische Publizist und Staatsmann Moriz Jotai im „Pester Lloyd" folgende ./Erinnerung an alte Zeiten": „Soll ich es leugnen? Auch ich war als Kind Antisemit: so wie es jeder unentwickelte Mensch ist. Die Mägde hatten mir den Kopf voll gemacht davon, dah die Juden an ihrem Osterfeste das Blut christlicher Kinder benutzen, und zwischen unserm Hause und der Schule lag die Barnoysche Kurie, in der Juden wohnen durften. Was ich 'dann aus der Schule in dem dicken Buche, das Hübner hieh, lernte, war auch gar nicht geeignet. Vorliebe für die Juden in mir zu wecken. Wer aber meine Ansichten am vollkommensten teilte, das war unser Hund Cziczke. Hu, wie der hervorstürzte, wenn hie und da solch eine bärtige Gestalt in Pluderhosen in unseren Hof kam. Da war ich auch selber Held. Wie hetzte ich dann Cziczke: „Allo, putz, faß an!", und wie lachte ich, wenn ich die Pantoffel des hinausrennenden Juden schlürfen hörte. Als ich dann gröher wurde, schickte man mich nach Prehburg, um Deutsch zu lernen. Vis dahin hatte ich einen jüdischen Studiosus weder im Lyzeum noch im Gymnasium getroffen. Wozu hätte ein Jude auch Lateinisch lernen sollen? Er durfte kein Amt bekleiden, er durfte weder Advokat noch Ingenieur werden. Wozu hätte ihm also das Latein genützt? . . . Bloß eine wissenschaftliche Laufbahn stand dem Juden offen: d-ie ärztliche, oder wie man sie damals nannte, die Doktoren- Laufbahn. Als ich nun die „PoeZie" besuchte, ereignete sich das Wunderbare, daß sich am jüdischer Studiosus in unsere Klasse einschrejiben lieh. Er hieh Koritschoner. Er war nicht jung mehr: schon über die Diesig. Bis daher war er Magister der Kalligraphie gewesen: er unterrichtete in Schönschreiben, er kopierte Gratulationsschreiben mit Mer Schrift, die wie gestochen aussah. Das war freilich M mageres Brot. Trotz seines vorgeschrittenen Alters hatte er den ehrgeizigen Plan. Arzt zu werden, gefaht: zu diesem Behufe muhte ec vorher Humaniora absolvieren. Grammatik und Syntax lernte er zuhause als Autodidakt, was ihm nur bei einem riesigen Flelihe möglich war, denn er war nicht von besonders rascher Auffassung. Uns 14—15jährigen Burschen machte der 40jährige Kamerad viel Späh mit seiner kuriosen, ausgewachsenen Gestalt, mit seiner Aussprache und seiner unwillkürljichen Komik. Einmal war er aus der Schule ausgeblieben, und als ihn der Professor dann deshalb zur Rede stellte, sagte der gute Koritschoner zu seiner Rechtfertigung: „Ich konnte nicht kommen, weil mich meine Frau eben gestern mit einem Söhnchen beschenkt hat." Man kann sich denken, welche heitere Stimmung sich auf diese ungewohnte Entschuldigung der ganzen Klasse bemächtigte. Nur der Professor, der alles ernst nahm, lachte nicht, er wünschte seinem Schüler Glück zu dessen Neugeborenen und entlieh ihn für diesen Tag, damit vc bei seiner Frau wachen könne. Auch der gute Koyitschoner nahm die Geschichte, wie alles im Leben, sehr ernst. Mit der Kalligraphie verträgt sich eben kein Späh. Einmal hatten wir, der alte Koritschoner und ich, vor der Schulstunde Linen Disput. Die Kontroverse bestand darin, ob in der ungarischen Metrik das b ein Konsonant sei oder nicht. Ich sagte ja, er nein. Schliehlich warf ich hin: „Was weiht du davon, du bist ja :ur ein Jud", worauf er erwiderte: „Du aber bist nur ein Kind." Eine schreckliche Beleidigung das. einem 14jährigen Manne zu sagen, dah er ein Kind sei! Heutzutage würde man den Beleidiger hierfür zum Duell fordern. Damals machte man mit ihm kurzen Prozeh. Ich war 14, er 41 Jahre alt. aber ich war ein Magyar und er bloh ein Jude; Grund und Rechtsmittel genug, ihn am Kragen zu packen und ihn mit der Faust zu bearbeiten. Als ich den Konsonanten-Charakter des h auf diese W^rse auf dem Rücken des jüdischen Kameraden bewies, trat der Professor ein. Er war ein strenger und gerechter Mann, er bestrafte mich, trotzdem ich sein Schwager war. für dieses Vergehen und ich muhte bis zum Abend in der Schule bleiben, was eine grohe Schande war. Daheim nahm mich meine Mutter vor. Meine in Gott ruhende Mutter hatte ein gutes, gesegnetes Herz: dabei war sie eine soldatisch strenge Natur. Sie fragte mich, wo ich geblieben wäre. Ich erzählte ihr. aufs tiefste entrüstet, von dem Unrecht, das mir widerfahren: w<ie ich mit Bestimmtheit wisse, dah der Buchstabe h ein Konsonant sei, ich könne für meine Behauptung Vürösmarty zitieren .... und da hätte einer gewagt, mir zu widersprechen und dafür hätte ich ihm etliche Püffe versetzt. der Lehrer aber mich in der Schule behalten. „Ja. muhtest du deshalb gleich jemanden schlagen?" fragte die Mutter. „Es war ja nur ein Jude!" „Was?" rief meine Mutier aus. „Du sagst, es wäre nur ein Jude gewesen? Ist der Jude in deinen Augen nicht ebenso ein Mensch wie jeder andere? Du verachtest jemanden um seines Glaubens willen? Vergissest du. dah man „unsere" Glaubensgenossen vor fünfzig Jahren ebenso verfolgt hat, wie du jetzt den Juden verfolgst? Nun trollst du dich auf der Stelle fort und suchst mir den jüdischen Studenten auf, den du geschlagen, und bittest ihn um Verzeihung. Und schriftlich muht du es mir von ihm bringen, dah er dir verziehen hat!" Ich war entsetzt ob der drakonischen Strenge dieses Urteils. „Wie, ich soll mich erniedrigen vor jenem Juden?" „Du erniedrigst dich vor Gott, der den Juden wie dich nach seinem Ebenbilds geschaffen." „Und wie finde ich ihn jetzt in dieser grohen Stadt?" „Das ist deine Sache. Du weiht, in welcher Gasse die Juden wohnen. Geh dort von Haus zu Haus, bis du ihn findest: tue auf deinen Mund und halte Nachfrage: Komorn ist kein Urwald. Mir aber wirst du ohne jene Schrift nicht mehr vor die Augen kommen." Das war das Ultimatum. Ein böser Fall fürwahr. Das Mittagessen hatte ich schon versäumt, nun sollte ich auch das Abendbrot verlieren. Indessen gab es keine Appellation. Was war zu tun? Ich muhte mich ergeben. So bih ich denn in den sauren. Apfel und machte mich daran, den KoriHchoner am jenseitigen Ende der Stadt, wo er wohnte, aufzusuchen. Da, als ich die Haustür öffnen will, drückt jemand zur selben Zeit dieselbe von auhen herein; das Tor ging auf und vor mir stand — mM kleiner Koritschoner. Die beiden Schultern schlaff gesenkt, das Haupt traurig zur Seite genchgt. fragte er mich an der Schwelle stehend, mit milder, zitternder Stimme: „Grollst du mir?" Ob ich ihm grolle? Und, demütig den Hut von dem Kopfe nehmend, fuhr er fort: „Ich kam zu dir, dich um Verzeihung zu bitten." Er, der Geprügelte, kommt um Verzeihung bitten denjenigen, der ihn insultiert! Und ihn hat niemand dazu gezwungen. Er hat teine Mutter, die ihn durch strengen Richtspruch und mächtiges Gebot zu mir schickte! Und dennoch kommt er hierher zu mir.

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