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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-07-12 · 28 (12.7.1912) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
28 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 28 mmmm Budapest. Herr Dr. M. Winkle r, Absolvent der Jsr.-Theolog. Lehranstalt wurde von dem Vorstände der israel. Kultusgemeinde in Budapest zum Religionsprofessor ernannt. Breslau. Der kürzlich in Breslau verstorbene Rentner Louis Burgfeld hinterließ rund eine Million Mark. Davon bestimmte er ,die Hälfte zur Errichtung eines Heims für bedürftige jüdische Lehrerinnen in Breslau, den Rest für andere humanitäre Zwecke. Feuilleton. Dir jüdische Oper in London. London, im Juni. Die „Season" hat ihren Höhepunkt überschritten. Das London der oberen Zehntausend hat während vier Wochen sich auch auf seine geistige Noblesse, die verpflichtet. besonnen. Vier Wochen lang hat man Theater besucht, in denen Opern und Klassikerdramen lange nicht so viel Unterhaltung gewährten, als Varietees und Vaudevilles. Man ist auch ein bißchen in Konzerte gegangen, denn das gehört hier wie überall zum guten Ton. Vier Wochen lang hat man für alle diese Dinge Interesse geheuchelt. Nun ist die „Season" im Absterben: man darf wieder leben, wie man's gewohnt ist. Geschäfte und Sport sind das einzige, was den Engländer bewegt. Nun mögen die Opernbühnen und Konzerte noch die erlesensten Genüsse bringen — die Rennen in Epsom, die Wagenfahrten durch den Hyde-Park sind wichtiger. Nur keine tiefere, geistige Regung, nur keine unnütze Belastung Zes Gehirnes! Weiß Gott, der vornehme Engländer hat doch mit seinen Geschäften genug zu tun. Und die sportliche Betätigung erfordert doch auch so viel Zeit und Gedanken! Weit draußen, in Londons Osten, liegt Whitechapel. Der Reichtum Londons hat sich hierher nicht verirrt — Whitechapel ist eine Arme-Leut'-Stadt. Wir haben die City mit ihren großen Geschäftshäusern verlassen, da befinden wir uns plötzlich in einer wohl breiten, aber doch armen Straße, der Commercial road. Die alten, kleinen Häuser mit ihren schmalen Fronten wissen wohl viel von Not und Elend zu erzählen. In jedem Hause ein Geschäft. Und die Firmentaseln muten an, als ob man in Stryi oder Lodz sich befände. Hier verkauft Aron Meisel Stoffe, dort ist Chaim Perl als Schlachter etabliert, hier preist Naphtali Poritzky seine Waren an, und bei Iehuda Feiglstock gegenüber ist billiger Ausverkauf. Dies ist die große Stadt der Iuden, die hier — aus dem Heimatlande vertrieben — ein neues und besseres Heim gefunden haben: Whitechapel'. Und wie daheim, betreiben sie tagsüber fleißig ihr Geschäft oder arbeiten unermüdlich als Handwerker in fremdem Sold. Doch zufriedener wie daheim treten sie nach Feierabend vors Haus und stehen nun in kleinen Gruppen beisammen, plaudernd, gestikulierend, handelnd — freie Leute im freigewählten Ghetto. Mitten zwischen allen diesen niederen, dumpfen Häusern steht auf dem Commercial-road ein einfachjschmuckes Gebäude in der Art eines jonischen Tempels. Weithin strahlende goldene Lettern verkünden vom First herab in hebräischer wie in englischer Schrift: The Temple of Art — der Tempel der Kunst. Denn hier ist das jüdische Opernhaus. Für 7 Uhr ist der Beginn der Vorstellung angefetzt und eine große Menschenmenge strömt nun hieher. Man sieht: die Leute gehen mit Freude in dies Theater, so gut gekleidet, als es ihnen nur möglich ist. So freudig und gerne betreten sie dies Theater, wie sie sonst nur die Stufen zur „Schul" emporsteigen. Und ich begreife hier schon, daß dies Haus tatsächlich ein Tempel der Kunst ist. Der Zuschauerraum, der für 1500 Personen Platz bietet, ist geschmackvoll ausgestattet. Alle Sitze sind mit grünem Samt bezogen. Noch ist der Zuschauerraum ziemlich leer, aber langsam strömen die Besucher herein. Das gibt ein Plaudern und Konoersieren, ein fröhliches Lachen bei den Iungen, ein ernstes die Köpfe- Wiegen der Alten. Alle scheinen sich von dem heutigen Abend Besonderes zu versprechen. Und in der Tat verkündet der Theaterzettel, daß die heutige Vorstellung ein Ehrenabend des Direktors Alexander Kennard sein soll und daß das Programm hiezu besondere Genüsse verspricht. Pünktlichkeit ist hier nicht die Höflichkeit-der Könige. Die Leitung des Theaters weiß, daß das Publikum gar nichts dagegen hat. wenn die Vorstellung eine Stunde erst nach der offiziellen Zeit beginnt. Um der Vielen willen, die erst spät aus der Arbeit kommen können, wartet man gerne, um so mehr, als das Theaterorchester indessen recht tüchtig einen Eröffnungsmarsch und eine Ouvertüre exekutiert. Endlich wird der Zuschauerraum verfinstert — erwartungsvolles Summen im Publikum, dann tiefe Stille. Und schon ertönt die Ouvertüre zur jüdischen Oper „König Ahaz" von S. Almann. Der Komponist dirigiert selbst und baut mit kluger Steigegerung sein Werk vor uns auf; schon hat er die Hörer auf seiner Seite. Denn in dieser jüdischen, wirklich nationalen Musik steckt Leben und Temperament. Der Vorhang hebt sich und zeigt eine geschmackvolle Dekoration, Blick auf eine ägyptische Stadt. Ein vielköpfiger Chor in stilechten Kostümen leitet mit einem. Iubelsange die Oper ein. Dann tritt der König auf, gefolgt von der Prinzessin. Diese beiden sind zwar wie König Heinrich und Ortrud gelleidet — aber was tut's. Vielleicht, daß die altägyptische Königstracht dem naiven Publikum nicht so sinnfällig den hohen Rang des Königs veranschaulichen würde. Und darum erscheint mir der Anachronismus wohl verzeihlich. Die Handlung zu „König Ahaz" ist nicht besonders bühnenwirkend, das Buch nicht besonders geschickt. Aber die Musik ist prachtvoll. Ich gestehe gern, daß ich selten eine so starke chorische Wirkung erlebt habe, als den Schluß des 1. Aktes dieser Operder, nebstbei gesagt, glänzend gesungen wurde. Denn die jüdische Oper hat famose Solisten und stimmkräftige Chorsänger. Künstler wie Winogradoff, Kasinsky oder Pastovsky, oder wie die Damen Zauomer, Philipoff und Blacker könnten jeder Bühne zur Zierde gereichen. Zwei Akte von „König Ahaz" gingen unter großem Beifall des Publikums zu Ende, dann gab es einen Akt aus „Rigoletto" und die „Cavalleria rusticana". And der günstige Eindruck, den ich von den Darbietungen der Oper von Anfang an hatte, wurde dadurch noch vertieft. In der Pause gab's ein lebhaftes Drängen. In der Bar, wie im Zuschauerraum, unterhielt sich das Publikum, sprach sein Lob aus über die schöne Darbietung. Und trotz der vielfachen Pflichten, die er in seiner Heute doppelten Eigenschaft als Theaterdirektor wie als Iubilar.zu erfüllen hatte, empfing mich Alexander Kennard, der Schöpfer dieses Theaters, und erzählte mir von seinem Werke. Erzählte, wie er nach jahrelanger Arbeit endlich das Baugeld beisammen hatte: 2000 Pfund, gezeichnet von jüdischen Gewerbetreibenden und Arbeitern Whitechapels. Und wie er dann zu bauen begann und sein Theater eröffnete. Kennard kennt sein Publikum. Er weiß, daß die Iuden kritM sondieren und gerne tadeln, daß sie aber ebenso gerne

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