Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 23 (7.6.1912)
- Date
- 1912-06-07
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 368 Dr. Vlvchs WochMschrift Nr. 23 ersprießliche Wiederbelebung der alten, gemütlichen Spinnstuben der Ghettos. Infolge dieser Tätigkeit der Damen sind die Kinder auch nicht uniformiert, sondern jedes individuell gekleidet. Ein sehr ausführlicher Zettelkataster wird über jedes Kind, so lang es im Heim ist, und später über die Schicksale seines ganzen Lebens geführt. Die Wohltätigkeit spricht hier nicht in so großen Ziffern, r§ie in Newyork, aber in rührender Weise. Bei wie viel Geburtstagen, Barmizwahs, Verlobungen, Hochzeiten und Silberhochzeiten erscheinen dann Eiscremejausen und ähnliches bei den Waisenkindern! Aus den ehemaligen Zöglingen hat sich auch ein Verband gebildet, welche von ihrer freien Zeit viel für Unterhaltung und Belehrung der jetzigen Zöglinge opfern, die durch den Klub auch stets im Kontakt mit den alten Gönnern stehen. Obwohl sich das Kuratorium hauptsächlich aus Kaufleuten zusammensetzt, die Herren Haber, Markowitz, Selzer und Cohen an der Spitze, so widmen sie unglaublich viel «Zeit dem Heim, und zwar stehen noch alle vier Herren in jüngeren, sogar teilweise in jungen Jahren, sie besuchen täglich das Heim, besorgen den ganzen Lebensmittel- und Lehrmitteleinkauf selbst, sind bei der täglichen ärztlichen Untersuchung zugegen. Präsident Haber hatte die Freude, daß endlich in einer anderen Stadt Pennsylvaniens, Scranton, einer großen Bergwerksstadt von über hunderttausend Einwohnern, sich ein Zweigverein pon hundert Mitgliedern bildete, wofür auch Scrantoner Kinder ms Heim genommen werden. Haber hofft, nach und nach fast alle großen jüdischen Gemeinden Pennsylvaniens zur Mitarbeit heranzuziehen, da leider Philadelphia dieselbe Erfahrung machen muß, wie Wien, daß die Provinz in der Armenpflege yur der nehmende Teil ist, nur sehr vereinzelte der reichen Provinzbewohner daran denken, dir Wohltätigkeitsvereine der Metropole zu unterstützen, deren Arme doch meist vom Lande Zuströmen. Wenn sich auch die alte Einwanderung gegen das Heim noch etwas spröde verhält, ist zum Glück die neue in Philadelphia so sehr zur Macht und Wohlhabenheit gelangt, daß sie aus sich selbst das Heim erhalten und ausgestalten kann. Wie aktiv sich an der Wohlfahrtspflege alle Altersschichten dieser Einwanderung, namentlich der österreichisch-ungarischen, beteiligen, soll ein nächster Artikel zeigen. Wir beglückwünschen aber die Gesellschaft „H. O. H.", daß sie ungefähr 1000 Kinder schon jetzt dem Judentum erhalten hat, die sonst rettungslos verkommen oder in den trefflichen katholischen und Staatswaisenhäusern Pennsylvaniens wohl glänzend erzogen, aber dem Judentum verloren gegangen wären. C. Benedikt. Aleralrrr ttti& Kunst. Die Bibel m der Ugandasprache. Die merkwürdigste Form, in welcher eine Gesamtausgabe der Bibel jemals erschienen ist, hat wohl die von der englischen Bibelgesellschaft kürzlich herausgegebene Gesamtbibel für die halbwilden Stämme der Uganda. Die Bibel in der Ugandasprache ist aus sehr langen, drei Zoll breiten dünnen Blättern gedruckt und das ganze Buch ist näht mehr als drei Zoll dick. Diese Form wurde aus sehr wichtigen Gründen gewählt. In Uganda gibt es nämlich nicht nur gefährliche Moskitos, sondern auch eine besonders gefürchtete Sorte von Bücherwürmern, gegen welche ein Schutz nur sehr schwer zu finden ist. Um nun die Bibel nach Möglichkeit vor diesen zerstörenden Insekten und Würmern zu schützen, wurde sie auf Blättern gedruckt, die die Form der langen Bisquitschachteln haben, welche von einer englischen Firma in Uganda eingeführt wurden und die sich dort solcher Popularität erfreuen, daß sie jfast in keinem Hause der halbwilden Bevölkerung fehlen. _ Aus Kopenhagen wird geschrieben: Der größte Bühnenerfolg Kopenhagens in der jetzt bald zu Ende gehenden Spielzeit ist das jüdische Schauspiel des hiesigen dramatischen Verfassers und Obergerichtsanwalts Herrn Nathanson. Das Schauspiel, das schon seit einigen Wochen vor ausverkauftem Hause gegeben wird und dessen Zugkraft immer größer zu werden scheint, führt den Titel «Innerhalb der Mauern". In packender Weiie wird das Leben geschildert, wie es sich innerhalb der vier Wände einer orthodoxen jüdischen Familie nach patriarchalischen Grundsätzen abspielt. Im Hause des alten Simon Levin herrscht noch die althergebrachte jüdische Ordnung der Dinge; musterhafte Pünktlichkeit, Respekt der erwachsenen Kinder vor den Eltern, Liebe aller Familienangehörigen zu einander und ein unverbrüchlicher Zusammenhalt, namentlich auch wo es sich um Glaubenssachen und religiöse Sitten und Gebräuche handelt, geben dem Hause das eigentümliche Gepräge. An jedem Freitag abend versammeln sich nach der Syaagoge die erwachsenen, auch die verheirateten Kinder um den Familientisch der Eltern. Auf diesen Abend freuen sich die erwachsenen Söhne, der Arzt Hugo und der Kaufmann Jakob, in einer geradezu rührenden Weise. Innerhalb der Mauern des Elternhauses hören die Stürme geschäftigen Alltagslebens auf; dort gilt das Wort und die Ansicht des ehrwürdigen Familienpatriarchen, der in liebevoller Weise über seine Familienangehörigen „herrscht"; man fügt sich den Anordnungen des Vaters bis ins kleinste, die Tradition ist das höchste Gesetz. Der Konflikt erscheint in der Gestalt eines Verlöbnisses, das die „modern" denkende Tochter Esther mit dem geistreichen Privatdozenten Dr. Herming eingeht. Die Eltern trifft diese Verbindung wie ein furchtbarer Schlag. Nicht nur ist Dr. Herming ein Christ, sondern es kommt noch hinzu, daß der Vater Dr. Hermings, ein Kommerzienrat, der Todfeind des alten Levin ist. Kommerzienrat Herming ist „Judenhasser" und hat in seiner Jugend den Vater Esthers, als sich dieser einmal um eine Stelle in der Bank bewarb, dessen Mitdirektor Herming war, aufs empfindlichste beleidigt, indem er ihm in kränkender Weise mit den Worten die Türe gewiesen hat, daß er „keine Juden annehme". Der alte Levin wird hart getroffen, überwindet sich aber schließlich aus Liebe zu seiner Tochter Esther dazu, wenn auch widerstrebend, in die „unnatürliche" Verbindung zu willigen; Simon Levin und seine Frau, Sara, kommen sogar einer Einladung des Kommerzienrates Herming und seiner Gemahlin nach. Bei dieser Gelegenheit kommt es zu einem neuen Konflikt noch ernsterer Art. Nicht nur behandelt Kommerzienrat seine jüdischen Gäste in einer herablassenden Weise, die sie verletzt, sondern es stellt sich heraus, daß Esther der Familie Herming das Versprechen gegeben hat, sich von einem christlichen Geistlichen trauen zu lassen und daß die Kinder aus dieser Ehe getauft werden sollen. Als Kommerzienrat Herming das dem alten Levin in einer Weise mitteilt, die seinen „Siegesstolz" deutlich erkennen läßt, verlassen Simon Levin und seine Gattin Sara tief gekränkt das Haus. In diesem Augenblick siegt aber auch bei Esther ihr starker Familiensinn in Verbindung mit dem Ernst ihres jüdischen Glaubens über ihre Liebe zum Bräutigam — sie erklärt, daß sie sich schäme, ein derartiges Versprechen abgegeben zu haben und daß sie es niemals werde erfüllen können. In furchtbarer Erregung verläßt sie das Haus Hermings und eilt ihren Eltern nach, mit denen sie sich „innerhalb der Mauern" aussöhnt. Das Stück endet damit, daß der christliche Bräutigam Esther nachkommt und innerhalb der Mauern das feierliche Versprechen abgibt, daß er ihren jüdischen Glauben und ihre brennende Elternliebe künftig stets achten werde; noch nie sei sie ihm so groß erschienen wie an diesem Abend. „Norcl und Süd“. Das Junilieft der Zeitschrift „Nord und Süd“ (Schlesische Buchdruckerei, Kunst- und Verlags-: anstatt v. 8. Schottläender, A.-G., Breslau-Leipzig, Preis pro Quartal 6 Mark). An der Spitze des Heftes stellt das Bildnis Edward Grey’s. und in einem einleitenden Artikel beschäftigt sich der Herausgeber, Prof. Dr. Ludwig Stein, zunächst mit diesem englischen StaatSmanne und seinen Stellungnahme zu einer deutsch-englischen Verständigung, weiterhin aber überhaupt ‘mit der in England allgemein herrschenden Stimmung über diese Frage. Unter den nun folgenden Beiträgen darf derjenige des früheren Premierministers A. J. Balfour ganz besonderes Interesse beanspruchen. — Ihm nahe kommt, was Thomas Barclay ausführt, indem er unter der Ueberschrift: „Eine reale Basis lur den Frieden“ einer Entente zwischen Groß-Britannien, Deutschland und Frankreich hoffnungsfreudig das Wort redet. — Kriegsminister Haldane of Cloan entwickelt seine Ansichten unter dem Thema: „Was ist Goethe uns Engländern?“ — Edgar Speyer Bart betrachtet die Frage von dem Gesichtspunkte der Stellung „Deutschlands und Englands als Weltbürger“ aus; noch eingehender beleuchtet Baronet Alfred Mond „die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und England“, während R. Said-Ruete speziell' auf „die deutsch-englischen Beziehungen im nahen Osten“1 eingeht, wobei die Frage der Bagdadbahn in erster Linid steht. Interessant ist auch der Aufsatz Professor William: Ramsay’s, in dem „englischer und deutscher Wissensbetrieb“,