Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 22 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 369 Wien. (K a i s e r i n E l i s a b e t h - L e h r m ä d ch e n- und Arbeiterinnen-Heim.) In der jüngsten Generalversammlung dieses Vereines widmete .der Präsident kais. Rat Dr. Krüger dem vor kurzem verstorbenen langjährigen Vorstandsmitgliede Herrn Emerich Schönbrunn einen tiefempfundenen Nachruf, welcher von den Anwesenden zum Zeichen der Trauer stehend angehört wurde. OlmÄtz. Das Bild unseres Kultuspräsidenten Dr. I. Eben, welches der heimische Künstler Oskar Heller meisterhaft gemalt hat, wurde am 22. Mai l. 3. im Sitzungssaale feierlichst enthüllt. Dieser festliche Akt. an welchem der gesamte Kultus aus schütz, der Rabbiner und der Beamtenkörper teilnahmen, gestaltete sich zu einer besonderen Ehrung für das Gemeindeoberhaupt. Vizepräsident kais. Rat Fischet verlas eine wirkungsvolle Ansprache, welche die Verdienste Dr. Ebens während seiner 40jährigen Wirksamkeit teils als Mitglied, teils als Präsident des Kultusvorstandes in anerkennender Weise würdigte und in dem innigen Wunsche einer baldigen vollkommenen Genesung ausklang. Jüdischer Volks-Gesangverein „Harmonia", Tarnow. (Das dritte Konzert der „120".) Der hier seit drei Jahren bestehende jüdische Volksgesangverein veranstaltete mit seinen 120 Sängern unter Begleitung der hierortigen Militärkapelle des 57. Infanterie-Regimentes sein drittes Konzert. Schon der Vortrag von Schumanns „Frühlingsgrub" und der Gall'schen „Verzweiflung" durch die wackere Schar der jungen Sänger, die das Banner der Kunst aus allen sozialen Kreisen der jüdischen Bevölkerung zusammenbrachte, bewies, daß der auflebenden jüdischen Masse keine einzige menschliche Gefühlsregung fremd ist. Stolz und selbstbewußt standen sie da und sangen im Geiste. Unser Lied wird in die weitesten und entlegensten Orte dringen und diejenigen Wecken, welche von uns noch nicht wissen, aber auch in die Ohren derjenigen, die von uns nicht wissen wollen. Die Stimmung erreichte den Höhepunkt, als der Chor unter Leitung seines Dirigenten Herrn Feiwischis mit Akkompagnement des Orchesters das „Wanderlied" von Schumann und „Landerkennung" von Grieg unter stürmischen Applaus zu Gehör brachte. Das Orchester spielte sodann die Phantasie aus Kienzels „Kuhreigen". Die „Ehre Gottes" von Beethoven wurde hebräisch gesungen. Lebhaft und amüsant wirkte das Lied „Frösche" von Kotarbinski. Zu den gelungensten Punkten des Programms gehörte der Sologesang der bekannten Sängerin Fräulein Helene Steigler aus Krakau, welche die Glockenarie aus „Lakme" und die Puppenarie aus Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen" zum Vortrag brachte. Das Akkompagnement hiezu besorgte verständnisvoll und subtil Herr Grünberg aus Krakau. Rätselhaft bleibt blos die Haltung der Tarnower jüdischen Intelligenz, welche mit ganz geringen Ausnahmen einiger Förderer — den so sehr beachtenswerten Bestrebungen der „Harmonia" Gleichgiltigkeit entgegenbringt. Chrel Perl st ein. Olumtz. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Oppenheim gedachte bei der Seelenfeier am Sch'wuaus- Feste des verstorbenen Daniel Ritter v. Gutmann in einer dessen Bedeutung und Wirksamkeit als Jude würdigenden ehrenden Gedenkrede. Trebitfch. Am 22. Mai, als am Schewuothtage, spendete Frau Regine Reich, Witwe nach dem sel. Herrn Jakob Reich, anläßlich der Konfirmation ihres Enkels Fritz Reich zur Verschönerung des Gottesdienstes eins reich ziselierte, ziervergoldete Thora-Krone. Diese kostbare Spende gewinnt bedeutend an Wert noch dadurch, als die greise Spenderin nur in kümmerlichen Verhältnissen lebt. In ergreifenden Worten würdigte Rabbiner Dr. Stößler in seiner Ansprache diese edle Tat und sprach namens des Kultusausschusses wie der Tempelverwaltung der Spenderin den Dank aus. An demselben Tage spendete auch das Ehepaar Herr und Frau Siegmund Grünberger jun. eine goldgestickte Cchulchandecke, wofür Ehrw. Herr Rabbiner Dr. Stößler bei offener Bundeslade den Spendern Dank sagte. Feuilleton. Die Psalmen in tschechischem Gewände. Von Prof. Dr. Oskar Donath. Betrachten wir die Psalmen vom rein literarischen Standpunkte aus, so sehen wir. daß sich darin nicht nur die Religion, sondern auch die politische und soziale Entwicklung des jüdischen Volkes wiederspiegelt. Die Psalmen enthalten seine Freuden und Leiden, Jubel und Klagen, Wünsche und Hoffnungen, Bitten und Flüche. So wie die Juden in glücklichen Zeiten ihrem Gotte entgegenjauchzten, so ließen sie in schweren Tagen Klagen über innere oder äußere Kämpfe laut werden. Und dieser Jubel, wie auch diese Klage, tönt aus den Psalmen wieder. Man ersieht aus ihnen, wie die Juden litten, wie sie Buße taten, aber auch, wie sie auf eiue bessere Zukunft, auf das Erscheinen des Erlösers hofften. Der Gedankenkreis der Psalmen ist allerdings kein großer. Zunz sagt*), daß das ganze Psalmenbuch bei aller Verschiedenheit der einzelnen Psalmen in Motiv und Ausführung einen durchgehenden Inhalt hat, den er den „Normalpsalm" nennt. Die häufigen Wiederholungen ein und desselben Themas ermüden bisweilen den Leser, namentlich in jenen Partien, die eines höheren Poesiegehaltes entbehren. Nichtsdestoweniger waren die Psalmen Jahrtausende lang ein vade inecum der Juden; aber auch Christen ohne Unterschied des Alters, der Stellung und des Berufes machten sie zu ihrer Lieblingslektüre. Von einzelnen Männern der Geschichte weiß man, daß sich der eine oder andere Psalm ihrer besonderen Vorliebe erfreute. So soll der große Philosoph und Pädagoge Comenius den 90. Psalm zu seinem Nachtgebete gemacht haben. Der französische Historiker Lelwvre erzählt von dem großen Einfluß, den die Psalmen auf den Charakter der Hugenotten übten. Luthers Bearbeitung des 46. Psalmes nennt Heine die Marseillaise der Reformation. Daß sich das Psalmenbuch bei Dichtern und Schriftstellern einer großen Beliebtheit erfreute und viel Bewunderung hervorrief, ist aus den zahlreichen Reproduktionen der Psalmen, sowie aus dem Umstande, daß sie häufig zitiert wurden, zu ersehen. Milton erklärte sie für unvergleichlich schön, nicht nur wegen ihres göttlichen Inhaltes, sondern auch wegen ihrer Komposition; nach Herder kann man bei keinem lyrischen Dichter Griechenlands oder Roms so viel Belehrung und Aufmunterung finden wie in den Psalmen; Lamartine nennt die griechischen und römischen Lyriker im Verhältnis zu den Psalmen verblaßt und Gladstone erklärte, daß alle Wunder der griechischen Zivilisation zusammengetragen, weniger Bewunderung verdienen als das einfache Buch der Psalmen - die Geschichte der menschlichen Seele im Verhältnis zu ihrem Schöpfer. Von der großen Einwirkung der Psalmen auf das Leben haben sich noch Spuren erhalten. Wenn man sich z. B. bei Titeln von Herrschern der Beifügung „von Gottes Gnaden" bedient, so rührt das aus Psalm 2 her.**) Man spricht vom Alter des Psalmisten und meint nach Psalm 90, daß das 70. Lebensjahr die Grenze des menschlichen Daseins bilde.***) Ist man jemandem böse, so nimmt man sich vor, ihm „die Leviten zu lesen". *) Die synagogale Poesie des Mittelalters S. 1 ff. **) Ps. II, V. 8. „Verlange von mir und ich gebe Völker dir zum Eigentum und dir zum Besitze die Enden der Erde". ***) Ps. XC, V. 10. „Unsere Lebensjahre, das sind siebenzig Jahre, und wenn es hoch geht, achtzig Jahre und darin drängt sich Elend und Unheil, denn schnell enteilt es und wir müssen davon".